Die zweite Makkabiah

Transcriptions

Transcription (German)

Die zweite Makkabiah
Wir beginnen in dieser Zeitung mit den ersten Berichten über den Verlauf der Makkabiah Makkabiah Die zweite Makkabiah fand vom 2. April bis zum 7. April 1935 in Tel Aviv statt. und mit dem Abdruck der ersten Bilder. Die nächste Nummer des >Makkabi< wird fast ausschließlich der genauen Berichterstattung über die Makkabiah gewidmet sein. Wir werden in ihr hauptsächlich die Teilnehmer zu Worte kommen lassen. Wir glaubten aber, unseren Vereinen die ersten Berichte nicht vorenthalten zu dürfen, da wir wissen, wie groß die Spannung überall ist, genaueres über den Verlauf der Makkabiah zu erfahren.
(Red.)
Unterwegs auf der >>Roma<<
„…wir sind den dritten Tag auf See und in 6 Stunden in Haifa. Bisher ist alles programmgemäß verlaufen. Am Mittwoch früh trafen wir die Kölner und Frankfurter in München und kamen in bester Stimmung, aus der heraus wir unseren neuen Schlachtruf: „Zicke, zacke, zicke, zacke, Bereschith Bereschith Dt.: Am Anfang (bibl.) oder zu Beginn. Maccabi Germani, temteremtemtemtem, hei, hei, hei!“ schufen, in Triest an. Ein Vertreter des  Palästina-Amtes
Palästina-Amt
also:
Palamt
Das Palästina-Amt wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Abteilung der Jewish Agency for Palestine gegründet und bestand in zahlreichen Staaten. Das Palästina-Amt war die offizielle Vertretung der Zionistischen Weltorganisation in Jaffa. Zu den Aufgaben des Amts gehörten u. a. die Beschaffung von Visa sowie die Bereitstellung von Geldern für die Emigration. Außerdem bot das Palästina-Amt Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Sprachkurse in Hebräisch an. 1924 wurde das Palästina-Amt in Deutschland gegründet. 1941 wurde es zwangsweise geschlossen.
 erwartete uns an der Grenze in Piedicolle. In Triest wurden wir am Bahnhof von Goldini vom Palamt Triest und von Dostrowski vom Palästina-Amt Haifa empfangen, die uns noch nachts auf die „Roma“ brachten. Allerdings war der letzte Mann erst um ¼ 4 Uhr morgens an Bord, sodaß ich erst um ¾ 4 Uhr in die Klappe kam. Die britische Paßkontrolle war uns mit Flugzeug nach Triest entgegengekommen, so daß die Paßgeschichten schon auf dem Schiff erledigt werden konnten….
Wenn man jeden einzelnen erst suchen muß, merkt man erst, wie groß das Schiff ist. Ueberhaupt leidet der Zusammenhang der Leute etwas durch die großen Ausdehnungen. Auf der anderen Seite sind die Gesellschaftsräume so klein (aber zahlreich), daß man alle Leute nur auf Deck vereinigen kann. So ist zwar eine glänzende Stimmung, weil sich alle sehr wohl fühlen, aber so ganz das richtige ist es nicht. Alles in allem – um bei Dir keinen falschen Eindruck zu erwecken – ist die Ueberfahrt natürlich gut, aber diese kleinen Schönheitsfehler wollte ich Dir nicht vorenthalten….
Vorträge haben wir nicht sehr viele gehabt, da die Paßgeschichte auch die Leute sehr in Anspruch genommen hat, außerdem beginnt die erste Gruppe schon um 11 Uhr Mittag zu essen. B u b e r B u b e r Martin Buber (1878–1965) war ein österreichisch–israelischer jüdischer Gelehrter, Religionsphilosoph und Zionist. Er verfasste u.a. Arbeiten zum Chassidismus und übersetzte den Tanach ins Deutsche. 1938 konnte er mit seiner Frau Paula (1877–1958) nach Palästina fliehen. , der an Bord ist, hat einen sehr schönen O n e g S c h a b b a t O n e g S c h a b b a t Oneg Shabbat (hebr.) (dt.: Freude am Shabbat) bezeichnet eine informelle Zusammenkunft von Jüdinnen und Juden am Shabbat, deren Ziel es ist, die dem Shabbat innewohnende Freude nach außen hin zum Ausdruck zu bringen. für uns gemacht. Heute ist Schlußappell aller Kreise in Uniform und Weihe der tschechischen Makkabifahne…
In 6 Stunden werden wir in Erez Israel sein. Ein seltsames Gefühl für einen alten Zionisten, der zum ersten Mal in unser Land kommt….“
Aus einem anderen Brief
…„Wir haben soeben Kreta passiert und sollen morgen gegen Mittag in Haifa ankommen. Die Fahrt war herrlich. Das Schiff ist ausverkauft; an Bord der deutsche, tschechische, österreichische, jugoslawische Makkabikreis. Alles ist in bester Stimmung, Verpflegung gut.
Wir haben jeden Tag eine halbe Stunde trainiert und hoffen, daß – wenn die klimatischen Verhältnisse uns nicht zu schaffen machen – wir in guter Form antreten werden.
Bisher ist niemand seekrank gewesen; das Meer ist spiegelglatt, ohne jede Erschütterung fahren wir und glauben, uns auf einem Sterndampfer zu befinden. Wir werden alle privat untergebracht werden, wissen aber nichts Näheres über den Start und die Chancen…“
Vorfreude und Beginn
Tel-Aviv, den 3. April 1935.
In den Straßen Tel-Avivs gibt es kein Vorwärtskommen. Kostümierte Gestalten – blau-weiß, grün-weiß, schwarz-weiß – mit Strohhüten, Baskenkappen, Kapitänsmützen, überwiegen im Stadtbild. Die Plätze sind illuminiert, man sieht noch riesengroße, bemalte  Purimtiere
Purimfest
also:
Purim, Losfest, Mordechajtag, Mordechai-Tag, Tag des Mordechai
Purim (hebr. Plural von 'Schicksal', 'Los'). Mit dem Purimfest gedenken Jüdinnen und Juden der Errettung des jüdischen Volkes aus der drohenden Gefahr in der persischen Diaspora. Das Freudenfest wird mit Verkleidungen, Aufführungen und ausgelassenen Feiern sowie besonderen Speisen begangen. Gemäß der Überlieferung im Buch Ester unternahm Haman, der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs, den Versuch, die gesamte jüdische Bevölkerung des damaligen persischen Weltreichs an einem Tag zu töten, weil der höchste Rabbiner Mordechai ihm die Verbeugung versagte. Der Tag des geplanten Massenmords wurde per Los bestimmt. Mordechais Cousine und Stieftochter Esther konnte den König Xerxes I. jedoch überzeugen, von der Ermordung der Juden abzusehen und die Verfolger zu bestrafen.
 und manchmal sogar Bürger, die zur Arbeit gehen.
[ Fotografie Fotografie Bildunterschrift: Abreise aus Berlin. Fot. Pinn. Aufgenommen mit Genehmigung der Reichsbahn. ]
Wieder scheint eine ganze Stadt tagelang zu feiern. Purimsfortsetzung? Nein! Makkabiahfreude! Die Makkabiah gestaltet sich zu einem neuen jüdischen Volksfest. Eine Synthese der wenigen Freudenfeste unseres Volkes. Die Makkabiah ist für uns keine gewöhnliche Sportdarbietung. Sie ist eine Demonstration der Einheit und des Aufbauwillens unseres Volkes. Das Wiederkehren der Makkabiah, der ungeheure Zustrom von Touristen, von Palästinensern aus den kleinsten Kolonien, beweist, daß wir dieses Fest wollen und brauchen. Die Makkabiah ist das einzige und erste jüdische Fest, das nicht zur Erinnerung an ein historisches Ereignis begangen wird, sondern sich aus der neuen jüdischen Wirklichkeit ergibt. – Die Stadt Tel Aviv befindet sich seit Purim im Festrausch. Die Einwohner haben sich zum Empfang der vielen Gäste alle erdenkliche Mühe gegeben. Matratzengeschäfte müssen sich verzweifelt nach neuer Ware umschauen, auf allen Notbetten schlafen Menschen, die Parole heißt: Platz für unsere Gäste. Schließlich haben sie alle Platz gefunden. – Als die Stadtverwaltung von Tel-Aviv am 1. April einen Empfangsabend im Messegelände gab – mit ernsten Reden, lustigem Kabarett und vielem Kuchen – da mußten auch die größten und verwöhntesten „Sportmeckerer“ zugeben, daß hier in Tel-Aviv ein neuer, eben ein wirklich palästinensischer Gemeinschaftsgeist herrscht. Sogar der Himmel bleib dieses Mal kameradschaftlich. Die dunklen Wolken am Eröffnungstage brachten keinen Regen, der bei den schönsten Purimzügen manchmal nicht auszubleiben pflegt.
Eine gewaltige Menschenmasse versammelte sich am 2. April im neuerbauten Stadion. Ueber 40 000 Menschen 40 000 Menschen Zwischen 40.000 und 50.000 Menschen nahmen daran teil. , Menschen aller Klassen sind auf dem Sportplatz vereint |4| und erwarten gespannt die Eröffnung. Die Versammlung dieser Volksmasse auf dem neuen jüdischen Sportplatz ist, wie mir scheint, erstes entscheidendes Ereignis der Makkabiah, und diese Menschen, die durch ein gemeinsames Interesse geeint sind, sind nicht umsonst gekommen. Jeder einzelne ist ehrlich begeistert. Um 3 Uhr beginnt der Aufmarsch. Die Mannschaften der 30 verschiedenen Staaten marschieren in alphabetischer Ordnung auf. Sie tragen verschiedene Uniformen, die sich im Stile alle ähneln, und aus der bunten Vielfalt der einzelnen Gruppen entsteht schließlich ein einheitliches Gebilde. Nach den einleitenden Worten von Dr. Lelewer Dr. Lelewer Dr. Hermann Lelewer (1891–1946) war Rechtsanwalt, Mitglied im Kartell Jüdischer Verbindungen und hatte eine Führungsposition im Bar Kochba Berlin inne. 1929 wurde er Präsident des Makkabi Weltverbandes. eröffnet Lord Melchett Lord Melchett Henry Ludwig Mond, 2. Baron Melchett (1898–1949), war ein britischer Industrieller, Politiker und Zionist. Er war der älteste Sohn von Alfred Mond, 1. Baron Melchett. Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg engagierte er sich zunächst politisch in der Liberal Party, bevor er gegen Ende der 1920er Jahre zu den Konservativen wechselte. Mond entstammte einer jüdischen Familie, wurde jedoch christlich erzogen. Im Zuge seiner zunehmenden Hinwendung zum Zionismus konvertierte er 1933, ebenso wie seine Schwester Eva, zum Judentum. Seit den 1920er Jahren unterstützte er aktiv die Bestrebungen zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina als Teil des britischen Empire. In diesem Zusammenhang bekleidete er unter anderem das Amt des Vorsitzenden der British Agency for Palestine und engagierte sich als Förderer des Makkabi-Weltverbands. Aufgrund seiner führenden Rolle im jüdischen Leben Großbritanniens geriet Mond in den späten 1930er Jahren ins Visier des nationalsozialistischen Regimes und wurde 1940 für den Fall einer deutschen Invasion Großbritanniens auf eine Sonderfahndungsliste gesetzt. Mond war verheiratet und hatte zwei Söhne. die Zweite Makkabiah. Langsam wird unsere Fahne emporgezogen, 40 000 Menschen schweigen wie verzaubert. Gerade in diesem Augenblick lichten sich die Wolken und die Sonne bricht durch.  Die Hatikwah
Hatikwah
also:
Hatikvah, Nationalhymne Israels, Ha-Tikwa
Die Hatikwa (deutsch: Die Hoffnung) ist seit 1897 die Hymne der zionistischen Bewegung. Mit Gründung des Staates Israels am 14. Mai 1948 wurde sie zur Nationalhymne erklärt.
 wird angestimmt, eine Schar Brieftauben wird freigelassen – und sie tragen die Botschaft von der Eröffnung dieses neuen nationalen Festes hinaus. – der Sport beginnt.
Dr. E l l y W i t t k o w e r Dr. E l l y W i t t k o w e r Dr. Elly Dorothea Friedmann (geb. Wittkower) (1912–1988) war eine in Berlin geborene britisch-israelische Sportpädagogin. Sie war Mitglied in der zionistischen Jugendorganisation Blau-Weiß. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und dem Gymnastikexamen studierte sie Romanistik in Deutschland und Frankreich und seit 1933 in der Schweiz. In Basel reichte sie 1934 ihre Dissertation ein, das Verfahren konnte jedoch erst nach dem Krieg abgeschlossen werden. Über einen Aufenthalt in England emigrierte sie 1934 nach Palästina und arbeitete in diversen Kibbuzim. Ab 1936 lehrte sie als Dozentin an einem Lehrerausbildungsseminar in Jerusalem. Danach lehrte sie in Haifa. 1963 gründete sie das staatliche Sportlehrerseminar in Be’er Sheva.
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.

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