Excerpt from Albrecht Penck's Account of Ukraine

The German anthropogeographer Penck places Ukraine on the mental map of German imperialism; here, he considers not only its geopolitical relevance, but also, among other things, its exploitation for grain.

Transcriptions

Transcription (German)

Die Ukraina
[…]
Immerhin sind die Ukrainer heute ein Volk, dessen Zahl Rudnyćkyj auf 34½ Millionen schätzt, wovon 32,7 Millionen auf einem geschlossenen Gebiete von 850 000 qkm wohnen. Innerhalb dessen allerdings bilden sie nur 73% der Gesamtbevölkerung. Dieses große Volk spielt aber politisch nur eine höchst bescheidene Rolle. Rußlands Politik war, seitdem die Ukraina sich ihm freiwillig angeschlossen hatte, immer darauf gerichtet, den im Laufe der Jahrhunderte durch die geschichtliche Entwickelung gezeitigten Unterschied zwischen Groß- und Kleinrussen nicht anzuerkennen, das Kleinrussische nur als einen Dialekt zu betrachten und das Großrussische als allein zulässige Sprache hinzustellen. Alle Bestrebungen der Ukrainer auf Entwicklung ihrer Sprache und Kultur fanden in Rußland hartnäckigen Widerstand, und wenn ihnen zeitweilig bessere Aussichten bevorzustehen schienen, so wurden diese doch immer wieder bald zerstört. 1876 wurde der Druck von Werken in ukrainischer Sprache ist bis auf wenige Ausnahmen verboten; diese harte Bestimmung hat seither [D. h. seit der Revolution von 1905, M.R.] Erleichterungen gefunden. Zur Zeit der ersten Duma war sogar den Ukrainern Betätigung am Staatsleben möglich, aber nunmehr sind sie von letzterem wieder gänzlich ausgeschlossen worden.
Als Österreich bei den Teilungen Polens zu seinen in Ungarn in der Marmaros wohnenden Huzulen eine ansehnliche Zahl von Kleinrussen in Galizien gesellte und weitere in der Bukowina gewann, da entfaltete es naturgemäß eine von der russischen abweichende Behandlung der ukrainischen Frage. Es lag im Interesse Österreichs, zu betonen, daß seine Kleinrussen keine Russen sind; sie wurden daher nicht als Kleinrussen bezeichnet, sondern Ruthenen genannt […]. Das ist derselbe Name, den die Bevölkerung des alten Reiches Kiew bekam und der dann übergegangen ist auf die Moskowiter. Die Form „Ruthenen“, auf falscher Aussprache des Griechischen beruhend, ist für slawische Sprachen unanwendbar, und die Ruthenen, die auf dem Boden der österreichischen Auffassung stehen und nicht als Russen gelten, deswegen nicht „Kleinrussen“ heißen wollen, können den Namen Ruthenen für sich in ihrer Sprache nicht verwenden. So ist es denn gekommen, daß die Ruthenen ihrerseits für den alten historischen Namen „Ukrainer“ historischen Namen „Ukrainer“ Schewtschenko-Gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg. Denkschrift über die Notwendigkeit des ausschließlichen Gebrauches des nationalen Namens „Ukrainer“. Als Manuskript in 25 nummerierten Exemplaren gedruckt, Wien 1915. eingetreten sind nach dem alten Grenzlande, der Ukraina.
Sie nennen nun heute nicht mehr bloß das alte Stammland, für das der Name „Ukraina“ geprägt worden ist, sondern alles von ihnen besiedelte Land „die Ukraina“. In dieser Fassung bildet die Ukraina den Vorwurf für die prächtige Darstellung von Rudnyćkyj. Sie greift weit hinaus über das alte Grenzland, das sich im großen und ganzen auf eine natürliche Einheit des europäischen Bodens beschränkte, die wir als Schwelle und Niederung der Ukraina geschildert haben. Die Ukrainer Österreichs haben sich in den letzten 5/4 Jahrhunderten wirtschaftlich und kulturell viel kräftiger entwickelt, als die Rußlands. Sie haben Volksschulen, mittlere und höhere Schulen erhalten. Es ist ihnen auch zugesichert worden, in Lemberg eine Universität zu bekommen. Ihre Sprache ist in Ostgalizien anerkannt, welches nunmehr der Mittelpunkt des geistlichen [sic!, Gemeint ist „geistig“, d.h. im Sinne des kulturellen und intellektuellen Zentrums, M.R.] Lebens der gesamten Ukraina geworden ist. Aber im politischen Leben des Staates spielen sie bei weitem nicht die Rolle, wie die nur wenig zahlreicheren Polen. Diese bilden den Adel Galiziens, nicht bloß im polnischen, sondern auch im ruthenischen Sprachgebiete, und erscheinen als die herrschende Klasse.
Die Ukrainer gehören eben zu den Völkern Europas, die des Adels entbehren: sie haben ihn im Laufe der Geschichte verloren; er ist polonisiert oder russifiziert worden. Gleich den Polen haben sie keinen Mittelstand in unserem Sinne des Wortes: ihre Kaufleute und Handwerker sind Juden. Sie sind ein Bauernvolk, und es sind nicht wenige, die ihre Sprache deswegen als einen Dialekt, das Volk selbst aber nicht als Nation, sondern als Nationalität bezeichnen. Eine solche Auffassung liegt im Interesse Großrußlands, sie liegt im Interesse der Polen, welche zwar nie aufhören, sich selbst als unterdrücktes Volk zu bezeichnen, die aber gleichwohl noch immer vom alten Königreiche Polen träumen, welches durch Unterdrückung das ukrainische Volk größtenteils in die Hände Rußlands getrieben hat. Ob aber eine solche Auffassung im Interesse der Ukrainer selbst und im Interesse der europäischen Zivilisation liegt, das ist eine andere Frage. Schwer zu ergründen ist allerdings, was ein Bauernvolk von über 30 Millionen empfindet und wonach es sich sehnt. Ein solches Volk pflegt mit jeder Herrschaft, die es nicht bedrückt, zufrieden zu sein. Aber es wäre verkehrt, zu leugnen, daß es sich leicht dahin neigen wird, wohin es durch sein religiöses Empfinden gelenkt wird. Rußland steht durch seine Kirche der breiten Masse des ukrainischen Volkes näher als ein katholisches Polen und ein in katholischem Sinne regiertes Österreich. Unverkennbar ist in Österreich bei manchen Kreisen der Ukrainer eine Vorliebe für Rußland vorhanden, die gestärkt worden ist durch Lockungen auf der anderen Seite und durch Bedrückungen von Seiten der Polen. Aber bei vielen Ukrainern existiert ein warmes nationales Empfinden, welches sich deutlich offenbarte in der Ablehnung ihrer Benennung als Kleinrussen und in der Wahl eines alten historischen Volksnamens, und welches während des jetzigen Krieges durch die tüchtigen Leistungen der ruthenischen Legion deutlich zu Tage getreten ist. Die Frage ist nur, welche Strömung im Volke die Oberhand gewinnt: die indifferente oder die nationale.
Der akademische Lehrer, der während 20 Jahre in Wien Studierende aus allen Teilen Österreichs unterrichtet hat, wird in dieser Hinsicht zuversichtlicher auf die Ansätze der nationalen Entwickelung der Ukrainer blicken, als derjenige, der die Seelenzahl des Volkes in Vergleich mit seiner bisherigen nationalen Betätigung bringt. Ich habe unter meinen Hörern auch ruthenische Popensöhne gehabt, die nichts anderes waren als arm. Aber ich habe öfters junge Leute von außergewöhnlicher Intelligenz angetroffen, welche den Tschechen an Fleiß nicht nachstanden, sie aber an Begabung übertrafen, welche die leichte Beweglichkeit der Polen auf geistigem Gebiete besaßen, ihnen aber an Gründlichkeit überlegen waren. Manche dieser Leute sind inzwischen zu Führern ihres Volkes geworden. Ich kann nur glauben, daß sie ihr Volk aufrütteln werden; denn daß ein Bauernvolk ohne Adel und ohne Mittelstand einer höheren Entwicklung fähig ist, sobald der auf ihm lastende Druck von ihm genommen wird, lehren die Bulgaren: befreit von türkischer Herrschaft und vom Drucke griechischer Kaufleute haben sie sich in kürzester Zeit unter deutschen Herrschern eine achtunggebietende Stellung unter den Völkern Europas errungen. Warum sollte solches nicht auch mit den Ukrainern möglich sein?
Vom Standpunkt der Geschicke Europas aber wird es von größter Bedeutung sein, wenn Rußland die Pforten verschlossen werden, durch die seine Ländergier nach Westen drängte. Der Abschluß der einen wird am vollkommensten erreicht werden, wenn sich hier wieder, wie im 17. Jahrhundert, ein selbständiger Grenzstaat entwickelt, der, wie seine älteren Vorläufer, sich anlehnt an die mitteleuropäische Zivilisation. Natürliche Grenzen würden einen solchen Staat von Rußland scheiden, seine Bevölkerung wäre nicht russisch und will nicht so heißen. Ein ungemein reicher Boden könnte einer solchen Ukraina die Grundlage eines wirtschaftlichen Daseins geben — liefert sie doch heute schon einen ansehnlichen Teil der südrussischen Getreideausfuhr, die größtenteils auf den Seeweg durch das Schwarze Meer angewiesen ist. Sie könnte aber andere Richtungen einschlagen, wenn leicht auszuführende moderne Schiffahrtskanäle [sic!] das Dnjepr-Gebiet mit der Memel im Norden und der Weichsel im Westen verbinden würden. Ein Großschifffahrtsweg [sic!] vom Dnjepr hinüber zu Bug und Narew würde die reichen Getreidegebiete der Ukraina mit dem Herzen von Norddeutschland, und nach Vollendung des Mittellandkanals mit dem industriellen Westen Norddeutschlands verbinden und Deutschlands Getreidebedarf in weitem Umfang aus einer freien Ukraina zu decken vermögen.

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