Newspaper article
Man schreibt uns
Download
Quellenangabe:
Ginsberg, S. H.: Man schreibt uns. In: Organ des Turn- u. Sport Klub „Hakoah“ Essen, 1. Jahrgang, März 1924. Cited from: Copernico. History and Cultural Heritage in Eastern Europe. URL: https://www.copernico.eu/en/link/6789165cdf5408.71318941 (2026-02-09)
Die Quelle steht unter der Lizenz
Rechte vorbehalten - Freier Zugang
Transcriptions
Transcription (German)
Man schreibt uns
Als ich hörte, daß im Turnverein „Hakoah“ eine Damen-Riege gegründet werden sollte, erinnerte ich mich mit großem Vergnügen an die 7 Jahre, die ich dem
I. Wiener jüdischen Turnverein
I. Wiener jüdischen Turnverein
Der Sport Club Hakoah Wien, dessen hebräischer Name Kraft bedeutet, wurde 1909 in Wien als explizit jüdischer Sportverein ins Leben gerufen. Das Emblem der Hakoah ist ein blauer Magen David (Davidstern) auf weißem Hintergrund.
als aktives Mitglied angehörte. Aktiv natürlich nur insoweit es das Turnen betrifft, |S. ?| denn um Politik haben sich damals die jungen Mädchen garnicht gekümmert. Unser Inter# gehörte einzig und allein dem Turnen, nur war es ganz eigenartig, welch großen psychischen Einfluß neben dem rein physischen das Turnen auf uns ausübte. — Jede Mißstimmung und jedes Leid, das uns tagsüber bedrückte, fiel von uns ab, sobald wir den Turnboden betraten. Und damals war das Leben doch wirklich ein Kinderspiel gegen heute, wo eine Mißstimmung die andere jagt, und wo wir Frauen die geistige Ausspannung genau so nötig haben wie die Männer. Ich würde allen Frauen und Mädchen, gleichviel in welchem Alter sie stehen, raten, die Gelegenheit zu nützen und sich unter die Turnerschar zu begeben. — Sie werden bald merken, welch angenehm fröhliche Stimmung diese Leibesübungen hervorrufen und welch gesunden Einfluß diese Art der Gemeinsamkeit ausübt — meines Erachtens weit mehr, als die zahllosen Kaffeekränzchen, wie sie hierzulande üblich sind. Wir turnten damals unter Leitung eines staatlich geprüften Turnlehrers, der nicht nur unsere Uebungen an den Geräten beaufsichtigte, sondern vor allem auf besonders exakte Ausführung der Freiübungen hielt. Es kam ihm nicht darauf an, die eine oder andere Dame mal tüchtig anzufahren, wenn sie unaufmerksam war; trotzdem waren die Damen nie beleidigt, wie ja überhaupt bei sportlichen Uebungen alle kleinlichen Gesichtspunkte wegfallen. Das gemeinsame Turnen war nicht das einzige Band, das uns verknüpfte; wir machten viel gemeinsame Wanderfahrten in die wunderschöne Wiener Umgebung und die Frische, die wir uns auf dem Turnboden erworben hatten, wurde draußen in der freien Natur noch erhöht.
Diese Wanderungen wurden natürlich mit den Männerriegen zusammen gemacht und wir haben uns ganz reizende Erinnerungen bewahrt — Im Laufe der Jahre hatte es der Verein sogar soweit gebracht, daß er große gemeinsame Turnfahrten unternahm; so steht eine besonders gelungene Fahrt nach der Insel Rügen noch heute im Gedächtnis aller Teilnehmer. Da der im „Hakoah“ in Aussicht genommene Leiter der Damenabteilung ein akademisch ausgebildeter Turnlehrer ist und seine Erfolge in der Herren- und Knaben-Abteilung ganz hervorragende sind, so müßte die Welle der Begeisterung in diesen Abteilungen zu uns Frauen hinüberfluten, damit wir möglichst lange frisch und jung bleiben. Drum Ihr Frauen und Mädchen Essens auf in den „Hakoah“ „Hakoah“ Der Turn- und Sportclub Hakoah Essen entstand im Dezember 1923 aus der Turnabteilung des Jüdischen Jugendvereins Essen und gründete 1925 den VINTUS mit. Der Verein richtete sich hauptsächlich an bisher nicht sportlich aktive Juden und Jüdinnen, die aus Angst vor Antisemitismus keinem nichtjüdischen Verein beitreten wollten. Im Jahr 1928 erreichte der Verein 1000 aktive und passive Mitglieder. Zudem hatte der Verein eine gute Verbindung zur jüdischen Gemeinde in Essen und wurde von ihr unterstützt. Es wurden viele Sportarten angeboten. Diese waren Turnen, Leichtathletik, Fußball, Boxen, Schwimmen, Wandern, Jiu-Jitsu, Tennis, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten. 1933 trat der Verein dem Makkabi-Weltverband bei. Der Sportbetrieb wurde durch die Nationalsozialisten gestört, fand jedoch weiter statt. Die Sportarten Wandern, Jiu-Jitsu, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten fielen weg. Dafür wurde Kegeln aufgenommen. Ab Ende 1938 gibt es keine Dokumentation oder Nachweise mehr über Aktivitäten des Hakoah Essen. .
Frau S. H. Ginsberg.
Diese Wanderungen wurden natürlich mit den Männerriegen zusammen gemacht und wir haben uns ganz reizende Erinnerungen bewahrt — Im Laufe der Jahre hatte es der Verein sogar soweit gebracht, daß er große gemeinsame Turnfahrten unternahm; so steht eine besonders gelungene Fahrt nach der Insel Rügen noch heute im Gedächtnis aller Teilnehmer. Da der im „Hakoah“ in Aussicht genommene Leiter der Damenabteilung ein akademisch ausgebildeter Turnlehrer ist und seine Erfolge in der Herren- und Knaben-Abteilung ganz hervorragende sind, so müßte die Welle der Begeisterung in diesen Abteilungen zu uns Frauen hinüberfluten, damit wir möglichst lange frisch und jung bleiben. Drum Ihr Frauen und Mädchen Essens auf in den „Hakoah“ „Hakoah“ Der Turn- und Sportclub Hakoah Essen entstand im Dezember 1923 aus der Turnabteilung des Jüdischen Jugendvereins Essen und gründete 1925 den VINTUS mit. Der Verein richtete sich hauptsächlich an bisher nicht sportlich aktive Juden und Jüdinnen, die aus Angst vor Antisemitismus keinem nichtjüdischen Verein beitreten wollten. Im Jahr 1928 erreichte der Verein 1000 aktive und passive Mitglieder. Zudem hatte der Verein eine gute Verbindung zur jüdischen Gemeinde in Essen und wurde von ihr unterstützt. Es wurden viele Sportarten angeboten. Diese waren Turnen, Leichtathletik, Fußball, Boxen, Schwimmen, Wandern, Jiu-Jitsu, Tennis, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten. 1933 trat der Verein dem Makkabi-Weltverband bei. Der Sportbetrieb wurde durch die Nationalsozialisten gestört, fand jedoch weiter statt. Die Sportarten Wandern, Jiu-Jitsu, Faustball, Handball, Wintersport und Fechten fielen weg. Dafür wurde Kegeln aufgenommen. Ab Ende 1938 gibt es keine Dokumentation oder Nachweise mehr über Aktivitäten des Hakoah Essen. .
Frau S. H. Ginsberg.
Die Editionsrichtlinien finden Sie hier.
Metadata
- Main title
- Man schreibt uns
- Languages
- German
- Source
- Ginsberg, S. H.: Man schreibt uns. In: Organ des Turn- u. Sport Klub „Hakoah“ Essen, 1. Jahrgang, März 1924
- Source type
- Newspaper article
- Inventory institution
- Alte Synagoge Essen
- Copyright (historical source)
- Rechte vorbehalten - Freier Zugang
- Copyright (Comment)
- CC BY-NC-SA 4.0
Info section
License
- For deviating licenses and rights of images, see the respective image credits.
- We make every effort to clarify all rights of use for digitized sources and images on Copernico, but there may still be some uncertainties and ambiguities. If you hold rights to a work displayed here, please contact us.
