The Pavilion of the “Ukrainian Legion” at the Vienna War Exhibition

The comments on the Vienna War Exhibition and the "Artists in the Field" show how much the First World War was also a (multimedia) media and propaganda event.

Transcriptions

Transcription (German)

Ukrainische Legion

Pavillon der „Ukrainischen Legion“.

(Kriegsausstellung Wien 1916, 1917)
Er liegt just an der Grenze zwischen der eigentlichen Kriegsausstellung und dem baumreichen Prater, weswegen schon seine Lage an die getreue Wacht zu gemahnen scheint, welche von den ukrainischen Legionären seit drei Kriegsjahren an den östlichen Grenzen der Monarchie gehalten wird. Auch sein Aeußeres erinnert an ein einsames Jägerhaus in den Karpaten: der kleine, nach den Plänen des Architekten W. Luschpynskyj ausgeführte Pavillon verleugnet nirgends seinen ausgesprochen ukrainischen Baustil. Weiches, gelb gefirnißtes Holz, eine luftige Veranda mit leichten Säulen, vor dem träumerischen Grün von Akazien und Kastanienbäumen.
Schmuck, bescheiden und still und geradezu einsam.
Und ebenso prunklos ist sein Inneres.
Fast lauter Gemälde und photografische Aufnahmen. Dazwischen eine schon etwas abgeblaßte Fahne. Und unweit von ihr eine blauseidene Fahnenschleife mit in Silber gestickter Inschrift:
„Treue führt zum Siege — Sophie, Erzherzogin von Oesterreich, 1849.“
Der Tür gegenüber im länglichen Rechteck zwischen Fenstern Säbel, Gewehre, Handgranaten und inmitten dieser Trophäen das Bild, wie seine Majestät der Kaiser Karl noch als Thronfolger die Ukrainische Legion am 23. Juli 1915 an der Solota Lypa besucht.
Auf den kleinen Tischchen rundherum Photographienalben, Bücher, Flugschriften, Zeichnungen und eingerahmte Zeitungen. Man überblickt dies alles in einem Augenblicke und der erste Eindruck, den man hat, ist der einer mehr als bescheidenen Anspruchslosigkeit.
Dort vorne, am Eingang in die Ausstellung, sieht man mehr.
Man sieht dort fast alle Merkwürdigkeiten des modernen Krieges und glaubt manchmal, man befinde sich mitten im Schlachtgetümmel, welches plötzlich vom Dornröschenschlafe befallen wurde und alles ringsherum erstarren ließ: die deutschen Soldaten, die österreichischen Reiter, die Kanonen, die Gewehre, die Flugzeuge, die Minenwerfer. Und unwillkürlich tritt man dort vorne vorsichtig auf, um die erstarrten Kämpfer und Kampfgeräte in ihrem Zauberschlafe nicht zu stören und kein „Aufrollen der Front“ hervorzurufen. Der Pavillon der Ukrainischen Legion aber wirkt beinahe wie eine Erholung im Etappenraume:
Gemälde, Zeichnungen, Broschüren und nicht zuletzt — bequeme Klubsessel. Die Bilder mit Geschmack zusammengestellt und im lichten Raum malerisch verteilt.
Und schließlich versöhnt man sich mit dieser Anspruchslosigkeit und schaut sich den stillen Schmuck der vier Wände näher an. Und da erst möchte man mit Goethe über die Fülle in dieser Bescheidenheit staunen. Denn alle diese Bilder und Zeichnungen und Gemälde und Broschüren und eingerahmten Zeitungen — sind schwerwiegende Dokumente schwerwiegendster Tatsachen einer nationalen Kultur, Erhebung, einer nationalkultururellen Feuertaufe schlechthin Jedes kleinste Bild, jedes unscheinbarste Stück dieser Ausstellung der Ukrainischen Legion spricht von [sic!] erbittertsten Kampfe des Ukrainertums gegen seine Feinde für sein Selbstbestimmungsrecht.
Recht hat es schon in diesem Kampfe, denn eine ethnographische Übersichtskarte, links beim Eingang, ausgeführt von Professor Rudnyzjkyj Professor Rudnyzjkyj Stepan Rudnyc‘kyj, ukrainischer Geograf und vom Allgemeinen Ukrainischen Nationalrate herausgegeben, belehrt uns darüber, daß die Oberfläche des ukrainischen Nationalterritoriums 850.000 Quadratkilometer umfaßt und die Bevölkerung auf dieser Oberfläche 45,000.000 – davon 75 Prozent Ukrainer – zählt.
[…]
Diese [die Geschichte der ukrainischen Legion, M.R.] wird dem Besucher von einer kolorierten Karte erzählt, welche rechts vom Eingang fast die ganze Wandhälfte einnimmt. […]
Und alle übrigen Bilder?
Sie illustrieren uns dasjenige, was die ukrainischen Legionäre auf jenen aufgezeichneten Linien [der o.g. Karte, M.R.] Menschliches und Uebermenschliches vollbracht haben. Und hierin liegt gerade die Bedeutung dieser an und für sich anspruchslosen Bilder, daß sie das Wirken der jungen ukrainischen Helden am tödlich sausenden Webstuhl des Krieges, abgesondert von dem Ganzen unserer Armee, darstellen. Denn im Zusammenhange mit dieser betrachtet, sind ukrainische Legionäre nur ein winziger Ausschnitt, nur ein kleines Blatt auf einem großen Baume zu nennen, welches man erst dann sieht, bis man darauf aufmerksam gemacht wird. Denkt man aber daran, daß diese Schar und ihre Taten die alleinige Hoffnung jener 40 Millionen Ukrainer repräsentierten, dann freut man sich, in diesem kleinen Pavillon die Ukrainische Legion aus jenem erdrückenden Zusammenhange herausgehoben und in ihrem eigenen Wirkungskreise sehen zu können.
Sämtliche Bilder und künstlerische Originalaufnahmen stammen von den Legionären selbst. Buzmanjuk, Iwanecj, Mojseowytsch, Uhryn, Kurylas, Rosumowytsch, Nazarak, Gez, Orobec, Sorochtej, Tschmola, Borodyjewytsch, Rudnytzjkyj, Startschuk — dies die Namen der Künstler, die bei der Legion die „Ukrainische Künstlerschar“ bilden. Photographie überwiegt. Aber es ist eine höchst gelungene Photographiekunst. Drei große Aufnahmen sind koloriert und muten wie Handgemaltes an. Motive: Märsche, Kämpfe, Strapazen. Gegenden: Karpathen, die Hochebene von Bolechiw, die Ebene von Kalusch, Halytsch, und die an der Solota Lypa, Hnyla Lypa und Strypa. Daneben eine Auswahl von Porträts. Einzelaufnahmen und Gruppen. Im ganzen ein tiefernstes Bild des Krieges. Nur hie und da lichtere Momente, — wie etwa der Besuch unseres Thronfolgers, des nunmehrigen Kaisers Karl I., oder des Generalissimus Erzherzog Friedrich an der ukrainischen Front. Sonst jene schweren Mühsale, deretwegen die Teuren daheim bangen und die Jungen draußen zu Helden werden.
Wie stimmungsvoll mutet das Bild: ,,Die Massengräber auf dem Berge Makiwska“ an! Man weiß ja allgemein, was Makiwka für die Ukrainische Legion bedeutete: das schönste Ehrenblatt und ein düsteres Massengrab zugleich. Der Kampf auf dem Berge Makiwka war es ja, der den Divisionskommandanten General Fleischmann jene unvergeßlichen Worte an die Ukrainer richten ließ:
„Voll Stolz könnt ihr auf eure jüngsten Heldentaten zurückblicken. Stolz muss ein jeder sein, eurem Korps anzugehören..." Und als „Elitetruppe“ werden die Ukrainer bezeichnet. Aber unzählbar sind die stillen Graber, die uns aus jenem Bilde entgegenstarren.
Auf einem Bilde ist auch der berühmt gewordene Makiwkaberg selbst zu sehen. Deutlich sieht man jene drei so oft erwähnten Kuppen und zwei Sattel des Berges. Rundherum grüne Wälder und im Hintergrunde eine schneereiche Gebirgsgegend. Schneelandschaft ist überhaupt die dominierende Landschaft auf diesen Bildern. So vor allem auf der, ihrem Umfange nach, größten Aufnahme von Herrn Th. Mojseowytsch „Semykiweji an der Strypa“, welche von der Firma Kilophot vergrößert und koloriert wurde. Eine weite, schneebedeckte Gegend, hie und da zerstörte Gehöfte und schwarze Granatenlöcher. Eine Abteilung von Legionären marschiert im Gänsemarsch zu ihrem Schützengraben, welcher sich vom weißen Hintergrunde kaum merklich abhebt.
Worüber mögen diese jungen, tief in ihre Mäntel eingehüllten Feuerköpfe nachdenken?
Wohl, daß ihre Ukraine auferstehen wird.
Höchst ansprechend ist das Bild „Der Aufstieg auf den Berg Pohar“. Es ist da dem jungen Künstler gelungen, den Ausdruck der Mühe und der Ermattung, der Kraftanspannung und der inneren Überwindung voll festzuhalten. Auf einem größeren Bilde sieht man den Vormarsch einer ganzen Kolonne gegen die Strypa, hier die Drahtverhaue an derselben mit zwei Feldposten in ihren verschneiten Deckungen, dort eine stramme Reiterpatrouille.
Überall das Bild schwerer aber siegreicher Arbeit, junger aber starker Streiter und ihrer zielbewußten Führer.
[…]
Und auf dem kleinen Tischchen in einer Ecke des Pavillons liegen die wichtigsten, auf das ukrainische Problem sich beziehenden Bücher und Broschüren auf:
„Die ukrainische Frage in historischer Entwicklung“ von Universitätsprofessor M. Hruschewskyj, „,Ukraina und Ukrainer“ vom Dozenten der Lemberger Universität Dr. S. Rudnytzkyj, eine Sammlung von Aufsätzen „Ukrainische Legion in den Karpathen“, herausgegeben von Professor J. v. [Ivan] Boberskyj, „Die Ukrainische Legion“ von W. Temnytzkyj, „“Die Ukraine“ von Dr. Wladimir Kuschnir, „Vom blutigen Vormarsch der ukrainischen Legionäre“ und ,,Auf den Spuren der Ukrainischen Legion“ von Dr. O. Nazaruk. Dann die die ukrainische Frage erörternden Zeitschriften: die deutsche ,,Osteuropäische Zukunft‘, die ungarische „Ukraina” und die schweizerische „La Revue Ukrainienne“.
So schließt dieser kleine Pavillon in sich eigentlich eine jahrzehntelange, beinahe ungeheure kulturelle Arbeit einer Nation ein, deren Jugend in diesem Weltkriege die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht mit ihrem Blute erringen will.
Ostap Hrycaj

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