Article from the Austrian “nationaljüdische Zeitschrift für Turnen und Sport” Hagibor in the Jüdische Turn- und Sportzeitschrift, 1. Heft, Jahrgang 1919. Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg,
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Quellenangabe:
Anonymus: Selbstwehr und Turnvereine. Vorbildliche Organisation in Wien (1919). In: Jüdische Turn- und Sportzeitung. Organ des Deutschen Kreises der jüdischen Turnerschaft 20, 1. p. 9-11. Cited from: Copernico. History and Cultural Heritage in Eastern Europe. URL: https://www.copernico.eu/en/link/67877f8d7e0e35.34323472 (2026-02-09)
In unserem österreichischen Bruderorgan,
„Hagibor“
„Hagibor“
Dt. der Held
, nationaljüdische Zeitschrift für Turnen und Sport, erstattet
K u r t J u h n
K u r t J u h n
Kurt Juhn war ein jüdischer Fußballer.
, folgenden interessanten Bericht:
„Als in Wien die ersten Zeichen der Umwälzung sichtbar wurden, als Arbeitermassen und Volkshaufen die Straßen durchzogen, Straßenbahnzüge aufhielten, die Soldaten zumAblegen [sic!] der kaiserl.-königl.
Kokarden
Kokarden
Kokarden waren ein ursprünglich kreisförmiges Abzeichen.
zwangen oder diese sich selbst herabrissen, Firmentafeln, die den österreichischen Adler trugen, in Splitter warfen , war es für die Juden in
Wien ist die Bundeshauptstadt und politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Österreichs. Allein im Stadtgebiet leben rund 1,9 Millionen Einwohner:innen und damit ein Fünftel der Landesbevölkerung, im Großraum insgesamt sogar ein Drittel aller Österreicher:innen. Historisch bedeutend ist Wien insbesondere als Hauptstadt und mit Abstand wichtigste Residenzstadt der ehemaligen Habsburgermonarchie.
Leopoldstadt bildet seit 1850 den 2. Gemeindebezirk von Wien. Der Bezirk war bis zur Shoa der Hauptort des jüdischen Lebens in Wien. Die jüdische Bevölkerung stellte in der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft von Leopoldstadt aus.
Der heutige Bezirk Brigittenau entstand 1850 infolge der Abschaffung der Grundherrschaft in Österreich und und wurde Teil des 2. Wiener Gemeindebezirks, der Leopoldstadt, bis er 1900 davon als 20. Gemeindebezirk abgetrennt wurde.
, ja selbst gegen regelrechte P o g r o m s zu treffen; ein Tun, welches nicht leeren Befürchtungen entsprang, sondern in der Tatsache eine hinreichende Erklärung fand, daß es, wie seit je, so noch heute in Wien Elemente genug gibt, die in der Aufhetzung der Massen gegen die Juden ihr vornehmstes Lebenswerk gefunden zu haben vermeinen.
Die erste dieser Vorkehrungen war die Errichtung einer j ü d i s c h e n S e l b s t w e h r, deren unglaublich rasch ins Leben gerufene Organisation das unumschränkte Verdienst des Kreisturnwartes
Dr. Adolf Taglicht
Dr. Adolf Taglicht
Dr. Adolf Taglicht war Stellverterter des Kreises Deutsch-Österreich in der Jüdischen Turnerschaft (JT). Vorsitzender war Dr. Heinrich Schiffmann.
und Dr. Siegfried Bernfelds war. 40 Stunden genügten und ohne jede besondere Agitation, ohne Publikation, nur durch das von Mund zu Mund weitergegebene Schlagwort der „Selbstwehr“ fanden sich gegen 1000 junge J u d e n a l l e r S c h i c h t e n, die sich in den Dienst der Sache stellten.
Aus diesen wurden die Geeigneten ausgewählt, Kompagnien aus ihnen gebildet, ein regelrechter Bereitschaftsdienst eingerichtet und ein ausgebreiteter Patrouillen und Nachrichtendienst verfügt.
Die nächsten Tage brachten die Meldungen von der Auflösung der Fronten, von der Proklamierung der selbständigen Nationalstaaten, von der automatischen Demobilisierung des ehemaligen österreichisch – ungarischen Heeres; nach Ost und Nord fluteten die heimkehrenden Soldaten in ihre frei gewordenen Heimatländer zurück. Der deutsch-österreichische Staat wurde erklärt und die ersten Gerüchte von einem aufzustellenden deutsch-österreichischen Volksheere tauchten auf und verbreiteten unter der großen Zahl jüdischer Soldaten, die in Wien weilten, Unruhe und Sorge. Jahre lang hatten die jüdischen Soldaten als Oesterreicher gekämpft und gestritten |10| an allen Fronten war jüdisches Blut in Strömen geflossen und jetzt, nach der Gründung der einzelnen neuen Staaten, sollten die Juden, getrennt durch die Mauer neuerrichteter Grenzen, hier als Deutsche, dort als Polen oder Tschechen weiterleben und weiter ihr Volkstum verleugnen? Die Erbitterung über eine solche Möglichkeit bemächtigte sich vieler jüdischer Soldaten und war der Anstoß zu der vom jüdischen Nationalrat einberufenen und am 2. November 1918 im „Bayrischen Hof“ abgehaltenen V e r s a m m l u n g j ü d i s c h e r S o l d a t e n.
Wer dieser Versammlung beigewohnt hat weiß, welcher Geist die Tausende beseelte, die dicht zusammengepreßt im Saale standen. Die vom Staatsbahnrat
Ing.
Ing.
Ingenieur
Stricker
Stricker
Robert Stricker (1879–1944) war Präsident des zionistischen Landeskomitees in Österreich, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde, Zionist, Journalist und Politiker sowie Bahningenieur. 1919/20 war er Mitglied der österreichischen Konstituierenden Nationalversammlung. Er wurde nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz 1944 ermordet.
geleitete Versammlung tat den über alle Erwartungen hinausgehenden nationalen Geist der jüdischen Soldaten kund und fand ihren Höhepunkt in der begeisterten Annahme der Resolution, in der die A n e r k e n n u n g d e r N a t i o n a l i t ä t, Zuerkennung nationaler Minderheitsrechte sowie Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in P a l ä s t i n a gefordert wird.
Der von der Versammlung gewählte E x e k u t i v au s s c h u ß j ü d i s c h e r [sic!] S o l d a t e n begann sofort im Einvernehmen mit dem jüdischen Nationalrate, dem sich die jüdischen Soldaten alle bedingungslos unterwarfen, Verhandlungen mit der Regierung über den Eintritt der Juden in das zu bildende deutsch-österreichische Heer als geschlossene Formation, ungefähr als jüdische Bataillone unter den Bedingungen der Resolution vom 2 . November 1918, einzuleiten. Während dieser Verhandlungen hatte indessen die Polizeidirektion Wien die Stadtschutzwache ins Leben gerufen und war bereit, die Jüdische Selbstwehr als einen selbständigen Teil derselben, als „j ü d i s c h e G r u p p e d e r W i e n e r S t a d t s c h u t z w a c h e“ anzuerkennen und übertrug dieser auch sofort die Ueberwachung des Nordbahnhofes und den Schutz der judenreichsten Wiener Bezirke, der Leopoldstadt und der Brigittenau.
Da eine Organisation der jüdischen Soldaten auf rein militärischer Basis vor der Antwort der Regierung unmöglich war und diese trotz wiederholter mündlich gegebener Zusagen Dr. Matajas und des Staatssekretärs Mayer bis zu der im Plenum der Nationalversammlung zur Beratung gelangenden Ausarbeitung des neuen Wehrgesetzes vertagt wurde, wurde beschlossen, diese Organisation im Rahmen der Selbstwehr durchzuführen und diese solcher Art zu „militarisieren,“ während die Nichtsoldaten in eine Zivildienstkompagnie übergeleitet werden sollten.
Diese Reform wurde seitens des inzwischen offizell konstituierten jüdischen N a t i o n a l r a t e s den Herren D r. B e r n f e l d und Kreisturnwart D r. T a g l i c h t einerseits und D r. R e i k andrerseits anvertraut und raschest in Angriff genommen, wobei dem gewähten [sic!] Exekutivausschuß eine überwachende Rolle zugedacht wurde. Die rein militärische Leitung, die ganz von den Beschlüssen des jüdischen Nationalrates abhängt, wurde Major Löwenstein und die Ausarbeitungen und Einteilung des ärztlichen und Sanitätsdienstes Stabsarzt Dr [sic!] Meyer im Vereine mit Dr. Taglicht und Oberarzt Dr. Wilheim überantwortet.
Der Abschub der Zivilisten aus der Selbstwehr führte nun zu einer großzügigen von Dr. Taglicht inituierten und vom jüdischen Nationalrat gebilligten Aktion, welche für die gesamte jüdische Turn- und Sportbewegung von ganz kolossaler Bedeutung ist.
|11| Es wurde nämlich vorerst eine Beratung unter den Vertretern der jüdischen Verbindungen, akademischen Vereinigungen und sonstigen jüdisch-nationalen Verbänden und Vertretern der Turn- und Sportvereine abgehalten; in deren Verlauf der militärische Referent im jüdischen Nationalrate, Dr. Reik, den von der Turnerschaft gestellten Antrag vorbrachte, die weitere Organisation der Zivilisten und derjenigen Soldaten, die in der jüdischen Gruppe der Stadtschutzwache, die auch nur bis zu einer gewissen Stärke möglich ist, keinen Platz mehr haben, ganz im Rahmen der jüdischen Turn- und Sportvereine auszubauen. Diesem Antrage, der beim jüdischen Nationalrat warmen Anklang fand, wurde nach genauester Uebelegung [sic!] aller dafür oder dawider sprechenden Gründe begeistert zugestimmt und seine Ausführung so in Vorschlag gebracht, daß sämtliche jüdischnationalen Vereinigungen, akademischen Verbände und andere gleichgesinnte Organisationen ihren Mitgliedern zur o b l i g a t o r i s c h e n P f l i c h t zu machen hätten, in einen j ü d i s c h e n T u r n- o d e r S p o r t v e r e i n einzutreten.
Die T u r n– u n d S p o r t v e r e i n e andrerseits mußten sich verpflichten, für die auszuarbeitenden Alarmvorschriften, und das Zusammenhaltender so gewonnenen „S e l b s t w e h r – R e s e r v e“ notwendigen Arbeiten zu erledigen, sich bereit erklären, den auf diese Art gewonnenen neuen Mitgliedern eine entsprechende Gebührenermäßigung, eventuelle Befreiung von denselben einzuräumen und diese durch Aufnahme einiger einschlägiger, halbmilitärischer Uebungen in ihr Turn- oder Sportprogramm zu einer kräftigen Selbstwehr fähig zu machen, um so eine große Anzahl von Juden bereitzuhalten, auf deren Gesinnung man unbedingt bauen könne.“
Anonymus: Selbstwehr und Turnvereine. Vorbildliche Organisation in Wien. In: Jüdische Turn- und Sportzeitung. Organ des Deutschen Kreises der jüdischen Turnerschaft 20, 1. p. 9-11.
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Anonymus: Selbstwehr und Turnvereine. Vorbildliche Organisation in Wien (1919). In: Jüdische Turn- und Sportzeitung. Organ des Deutschen Kreises der jüdischen Turnerschaft 20, 1. p. 9-11. Cited from: Copernico. History and Cultural Heritage in Eastern Europe. URL: https://www.copernico.eu/en/link/67877f8d7e0e35.34323472 (2026-02-09)
Anke Hilbrenner: Commentary on: Anonymus: Selbstwehr und Turnvereine. Vorbildliche Organisation in Wien (1919). In: Jüdische Turn- und Sportzeitung. Organ des Deutschen Kreises der jüdischen Turnerschaft 20, 1. p. 9-11. In: Copernico. History and Cultural Heritage in Eastern Europe. URL: https://www.copernico.eu/en/link/67877f8d7e0e35.34323472 (2026-02-09)