Essay
The Ukrainian Volunteer Corps
Download
Quellenangabe:
Temnyc'kyj, Volodymyr: Das ukrainische Freiwilligenkorps. (1915). In: Ukrainische Rundschau XIII, 1. p. 12-15. Cited from: Copernico. History and Cultural Heritage in Eastern Europe. URL: https://www.copernico.eu/en/link/687a1eb2c7e735.25166493 (2026-09-06)
Die Quelle steht unter der Lizenz
Volodymyr Temnyc'kyj, Ukrainian politician and member of the military self-administration of the Ukrainian Sikh Riflemen, presents the volunteer unit in the propaganda magazine Ukrainische Rundschau.
Transcriptions
Transcription (German)
Das ukrainische Freiwilligenkorps
Während des ersten Balkankrieges und zwar in dem Momente, als es schien, dass derselbe das Signal zu einem allgemeinen europäischen Krieg geben werde, tauchte unter den Ukrainern Galiziens der Gedanke auf, eine militärische Organisation ins Leben zu rufen. War es doch leicht vorauszusehen, dass der mit der Kraft der geschichtlichen Notwendigkeit herannahende Krieg zwischen der österreichischen Monarchie und Russland auf ukrainischem Gebiete geführt werden wird. Es war auch für niemanden ein Geheimnis, dass die von den Ukrainern bewohnten Länder das Hauptstreitobjekt zwischen den feindlichen Nachbarstaaten bilden würden. Die Ukrainer konnten, vor allem aber wollten sie nicht objektive Zeugen des gewaltigen Ringens bleiben. Nachdem es sich um ihre Zukunft handelte, fühlten sie die vollste Berechtigung, ein Wort mitzureden und an der Bildung neuer Verhältnisse mitzuarbeiten.
Unverzüglich schritten nunmehr politische Führer der Ukrainer in Anlehnung an die bereits bestehenden Turnvereine an die Bildung ukrainischer Vereine nach dem Muster der deutschen Freischützenkorps. Das nächstliegende Ziel war die Aufstellung ukrainischer Legionen, welche in dem zukünftigen Kriege auf der Seite Oesterreichs gegen Russland kämpfen sollten: gegen den gemeinsamen Feind und für die Befreiung der Ukraine vom russischen Joch!
Indessen begegneten die bezüglichen Bestrebungen der Ukrainer ernstlichen Schwierigkeiten. Alle Statutenentwürfe wurden von der galizischen Landesregierung konsequent verworfen, bis es erst im Winter des Jahres 1913 gelang, unter Ueberwindung der vielen dem patriotischen Werk in den Weg gelegten Hindernisse die Bestätigung der Statuten zu erwirken. Aber auch fernerhin wurden den Bemühungen der ukrainischen Patrioten die Wege nicht geebnet und es hiess noch manchen mühsamen Kampf auszustehen. Kein Wunder, dass unter den höchst ungünstigen Umständen das ukrainische Freischützentwesen sich keinesfalls so entwickeln konnte, wie es erwünscht und in der Absicht der ukrainischen Politiker gelegen war. Nichtsdestoweniger hat der genannte Verein, der den Namen „Ukrainski sitschowi strilzi“ führte, seine Aufgabe wenigstens in der Hinsicht erfüllt, dass seine Mitglieder militärisch ausgebildet und in Anknüpfung an den Verein nach dem Ausbruche des Krieges gleich an die Bildung ukrainischer Legionen in Ostgalizien geschritten werden konnte.
Die eingeleitete Aktion schien auch die besten Hoffnungen zu rechtfertigen. Schon in den ersten zwei Wochen nach dem Ausbruch des Krieges meldeten sich auf den Aufruf des aus den drei sich zur Unabhängigkeitsidee der Ukraine bekennenden Parteien in Galizien (Nationaldemokraten, Sozialdemokraten und Radikale) gebildeten Nationalrates über 15.000 kriegstaugliche Jünglinge zu den ukrainischen Legionen, deren flotte Entwickelung indes auf weitere Schwierigkeiten, und zwar materieller Natur stiess. Nachdem die Ausrüstungskosten unsere knappen Mittel überstiegen, kam es zu einem Uebereinkommen mit der Regierung, welche sich verpflichtete, zehntausend ukrainische Legionäre auszurüsten. Ungeachtet dessen, dass die russische Armee unerwartet die kernukrainischen östlichen Bezirke Galiziens inzwischen besetzt hatte, machte die Werbung ukrainischer Freiwilliger so rasche Fortschritte, dass wir Anfang September bereits imstande waren, fünf Bataillone zu achthundert Mann aufzustellen.
In den ersten Septembertagen musste Lemberg, der Sitz der Zentralleitung unserer Freiwilligenorganisation, geräumt werden, welcher Umstand auf die begonnene Organisierung selbstredend einen höchst nachteiligen Einfluss hatte. Der ursprüngliche Plan bestand darin, dass die ukrainischen Legionen gemeinsam mit der österreichischen Armee die russische Grenze überschreiten, wo sie erst ihre Tüchtigkeit zielgemäss entfalten konnten. Mit Rücksicht auf die inzwischen eingetretenen Kriegsereignisse wurden die ukrainischen Legionäre einstweilen gezwungen, zwar keineswegs auf ihre ursprüngliche Aufgabe zu verzichten, aber von derselben wenigstens auf gewisse Zeit Abstand zu nehmen und sich nach Stryj zurückzuziehen. Infolge der russischen Offensive fand sich auch die österreichische Regierung veranlasst, die Zahl der auszurüstenden Legionäre auf zweitausend herabzusetzen. Dieser Beschluss wurde von den über zehntausend in Stryj versammelten ukrainischen Freiwilligen äusserst schmerzlich empfunden. Ich selbst war Augenzeuge tiefergreifender Szenen. „Wir verzichten auf die Soldatenröcke! Gebt uns nichts als Gewehre und Munition — wir gehen in die Schlacht, so wie wir sind!“ — riefen die Abgewiesenen verzweifelt. Leider konnte auch diesem sehr bescheidenen Wunsche der kampflustigen Jünglinge nicht entsprochen werden...
Nach fünfstätigem Aufenthalte in Stryj waren die Legionäre genötigt, sich über die Karpathen nach den ukrainischen Gegenden Ungarns zurückzuziehen. Erst hier konnten sie der vollkommenen militärischen Ausbildung unterzogen werden. Instruktoren und Kommandanten der einzelnen Unterabteilungen waren Reserveoffiziere ukrainischer Nationalität. Die Organisation wurde ganz nach dem Muster der österreichischen eingeführt, nur die Benennungen der einzelnen Abteilungen den einst bei den Saporoger Kosaken gebräuchlichen entlehnt. So heisst ein Zug — tscheta, eine Kompagnie — sotnia, ein Bataillon — Kurin und dementsprechend ein Leutnant — tschetar, ein Hauptmann — sotnyk, ein Major — Kurinnyj Otaman.
Mitte September begannen die Russen in das Karpathengebirge einzudringen. Inzwischen waren die Legionäre soweit ausgebildet, dass sie zum Dienste im Feld verwendet werden konnten. Schon am 13. September ging eine Kompagnie (sotnia) in die Feuerlinie ab und kämpfte mehrere male bei Alsóverecze mit den Russen, wo sie wegen hervorragender Tapferkeit wiederholt mit Belobungen seitens der dort operierenden höheren österreichischen Offiziere ausgezeichnet wurde. Etwas später wurde auch die zweite Kompagnie ins Feuer geschickt. Dieselbe schlug bei Uzsok kleinere russische Abteilungen aufs Haupt, eroberte ein österreichisches Geschütz von den Russen zurück und besetzte im Sturm eine wichtige Brücke. In Anerkennung ihrer Leistungen wurde den ukrainischen Legionären im Tagesbefehl des Munkacer Militärkommandos vom 30. Oktober die Belobung ausgesprochen und einigen besonders verdienten ukrainischen Helden die allerhöchste Auszeichnung verliehen.
Nunmehr steht das ganze Freiwilligenkorps der ukrainischen Legionäre in der Gefechtslinie, wo sich dasselbe auch im Berichte des k. u. k. Militäroberkommandos über die Verjagung der Russen aus den Karpathen ein besonderes Lob erwarb.
Es verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden, dass Angehörige aller gesellschaftlichen Schichten der ukrainischen Nation bei den Freiwilligen vertreten sind. Am stärksten die Intelligenzberufe, d. i. die akademische und die Mittelschuljugend, ferner Richter, Advokaturskandidaten, Gymnasial- und Volksschullehrer usw. Die Intelligenzler bilden ca. 60% der Freiwilligen. Ausserdem ist die städtische Arbeiterjugend mit 20%, die kleinbürgerliche mit 5% und die bäuerliche mit 15% vertreten, wohl der beste Beweis, wie tiefpatriotisch die ukrainische Bevölkerung in allen ihren Schichten ist. Dass die ukrainische Frauenwelt den Männern in punkto Patriotismus nicht nachsteht, beweist der Umstand, dass fünf ukrainische Mädchen denselben Freiwilligendienst bei der Legion leisteten wie ihre männlichen Kameraden. Ausser diesen fünf Heldinnen meldeten sich noch zahlreiche Ukrainerinnen zum Dienste in der Feuerlinie, doch mussten sie infolge körperlicher Unzulänglichkeit abgewiesen werden.
Aus dieser kurzen Darstellung geht zweifellos hervor, welch lauten Widerhall der Krieg gegen Russland in der ukrainischen Volksseele gefunden hat. Die Begeisterung für diesen Krieg, der Wille zum Siege — dies alles erinnert uns an längstvergangene Zeiten, in welchen sich das ganze ukrainische Volk zum Kampfe gegen die fremde Herrschaft aufgerafft hatte. Denn seit den Zeiten Chmelnickyjs gab es keinen Krieg, der unter den Ukrainern so populär wäre, seit den Zeiten Mazeppas aber hatte kein anderer Krieg auch nur annähernd eine solche politische Bedeutung für die Ukraine, wie der gegenwärtige Krieg gegen Russland. Möge nur der Ausfall dieses Krieges für die Ukraine glücklicher sein wie die beiden vorgenannten, ein Wunsch und eine Hoffnung, die uns alle beseelt.
Dr. Wladimir Temnyckyj
Translations
Info section
License
- For deviating licenses and rights of images, see the respective image credits.
- We make every effort to clarify all rights of use for digitized sources and images on Copernico, but there may still be some uncertainties and ambiguities. If you hold rights to a work displayed here, please contact us.
