Schreiben im Krieg ist affektgeladen, die Texte zeugen von Betroffenheit, von starken Emotionen, von Wut und auch von Hass. Dagegen steht der erhobene Zeigefinger deutscher Intellektueller, die Mäßigung von den ukrainischen Autor:innen fordern.


Sind wir tatsächlich so weit gekommen, dass ein Völkerhasser den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen muss? In seinem Buch „Himmel über Charkiw“ bezeichnet der ukrainische Dichter Serhij Zhadan die Russen als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“. Und es geht weiter: „Die Russen sind Barbaren, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten.“ Der Friedenspreisträger schreibt: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine.“

Franz Alt, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Skandalöse Auszeichnung, taz (https://taz.de/Friedenspreis-des-Deutschen-Buchhandels/!5886985/)
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Dieses Zitat stammt aus einem Gastkommentar, den der Journalist Franz Alt am 25. Oktober 2022 in der taz veröffentlicht hat. Alt ist bekennender Christ, hat 1983 ein Buch mit dem Titel Frieden ist möglich publiziert und gehört zu den Unterzeichnern des sogenannten „offenen Briefes deutscher Intellektueller“ vom April 2022 an den deutschen Bundeskanzler.
Franz Alts Kommentar dient mir als Sprungbrett, um zur ukrainischen Gegenwartsliteratur zu kommen, zu einer Literatur im Extrem, die keine langen, traditionellen literarischen Formen hervorbringt, sondern spezifische Gattungen, die dem Stress und der fehlenden Zeit während der Kriegssituation geschuldet sind: Essays, Gedichte und Kriegstagebücher, wo jeder Eintrag ein Zeitfenster nutzt, in denen Gefühle und Gedanken festgehalten werden. Die Publikationsorte sind social media (Serhij Zhadan), Tageszeitungen (Oksana Matychuk, Evgenija Belarusets, Jurij Durkot) oder aber Essaybände (Oksana Sabuschko, Tanja Maljartschuk). Die Schriftstellerin Victoria Amelina, die am 1. Juli 2023 im Alter von 37 Jahren an den Folgen eines russischen Angriffs gestorben ist, hat seit Kriegsbeginn keine Romane mehr geschrieben, sondern Zeugnisse über Kriegsverbrechen gesammelt und ist jetzt selbst zu einem Opfer eines Kriegsverbrechens geworden.1 Tanja Maljartschuk schreibt in ihrem Essay Anno belli, der kurz nach Kriegsbeginn entstanden ist:


Ich bin keine Schriftstellerin mehr und werde es vielleicht nie mehr sein können. Wörter erstarren in mir, sie sterben ab, gehen zugrunde mit jeder weiteren Rakete, die meine Welt beschießt und zerfetzt.

Tanja Maljartschuk: Anno belli (2022). In: Dies.: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus. Essays. Köln 2022, S. 138–142, hier: S. 141.
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Doch nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt der Texte passt sich dieser Situation im Extrem an: Die Texte sind häufig affektiv aufgeladen, diese Affekte sind Effekte der Betroffenheit, der Berührung, sind eher auf der Seite des Pathos angesiedelt als auf der des Ethos und reichen von Schock über Erregung bis hin zu Wut und Hass. Einerseits dürfte das keine Besonderheit sein, denn „große Gefühle“ bestimmen immer schon die Kunst. So zeugt Aristoteles‘ Poetik davon, dass Literatur nicht nur Gefühle abbildet, sondern diese, wie Furcht oder Mitleid, auch erzeugen soll.2 Andererseits gibt es vornehmlich im deutschsprachigen Feuilleton Stimmen, die sich mit erhobenem Zeigefinger gegen die Affekte der ukrainischen Autor:innen stellen, die eine Rationalität im Umgang mit dem Feind anmahnen und im schlimmsten Fall kalte Empathielosigkeit an den Tag legen, etwa wenn Jakob Augstein im Gespräch mit Tanja Maljartschuk behauptet, Zorn, Wut und Trauer „nähren Literatur“, nachdem erstere davon gesprochen hat, nicht schreiben zu können, weil sie, wie ihr Land, am Abgrund steht.3 Die ukrainischen Autor:innen werden belehrt und zurechtgewiesen, und während sie zurückgeworfen sind auf eine Realität, die eine reale Bedrohung ist, die tötet, sprechen ihre deutschen Dialogpartner:innen von Ästhetik und Vernunft.
Es gibt eine Reihe von Beispielen in der sogenannten „deutschen Debattenkultur“, bei denen die emotionalen, oft wütenden Texte der ukrainischen Autor:innen auf deutsches Unverständnis stoßen, was im Extremfall dazu führt, dass ein solches Gespräch eher einem Autounfall als einem Dialog ähnelt, wie Stefan Winterbauer im Nachgang auf den verbalen und emotionalen Zusammenstoß zwischen Augstein und Maljartschuk schreibt.4 Genauer anschauen möchte ich mir die Debatte – oder Kollision – zwischen Oksana Sabuschko und dem Slavisten Jens Herlth: Am 24. Februar, als der Krieg ausbrach, war sie in Warschau zu einer Lesung, und an dem Tag begann das, was sie selbst als „Die längste Buchtour“ bezeichnet – so der Titel ihres neuesten Buches, übersetzt von Alexander Kratochvil. Oksana Sabuschko, geboren 1960, ist eine der wichtigsten ukrainischen Gegenwartsautorinnen; bis zum 24. Februar, als sie zu einer zweitägigen Lesung nach 
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2022: 1.861.975). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

aufbrach, lebte sie in 
Kyjiw
deu. Kiew, eng. Kiev, eng. Kyiv, pol. Kijów

Kiew liegt am Fluss Dnepr und ist seit 1991 Hauptstadt der Ukraine. Nach der ältesten russischen Chronik, der Nestorchronik, wurde Kiew erstmals 862 erwähnt. Es war Hauptsiedlungsort der Kiewer Rus‘, bis es 1362 an das Großfürstentum Litauen fiel, das 1569 Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik wurde. 1667 kam Kiew nach dem Aufstand unter Kosakenführer Bogdan Chmel'nyc'kyj und dem darauf folgenden polnisch-russischen Krieg zu Russland. 1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Bezeichnet wurde Kiew auch als „Mutter aller russischen Städte“, „Jerusalem des Ostens“, „Hauptstadt der goldenen Kuppeln“ und „Herz der Ukraine“.
Im russisch-ukrainischen Krieg ist Kiew stark umkämpft.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

; seitdem wohnt sie bei ihrer Literaturagentin in Warschau. Am 60. Kriegstag – in Sabuschkos Zeitrechnung: der 83. Februar – schreibt sie: „Ich trage immer noch denselben Mantel wie am 23. Februar, als ich nach Warschau flog.“5
Das Buch enthält mehrere Essays, in denen es um die Geschichte der Ukraine geht, die hier verknotet ist mit der Biographie der Autorin. Am Beispiel dieses Buches lässt sich schon eine Gemeinsamkeit der Kriegstexte feststellen: es geht immer – auch – um die Ukraine. Es geht auch darum, was mit einer Schriftstellerin passiert, die plötzlich nichts anderes zu tun hat als die Ukraine zu erklären.


Als der erste westliche Journalist, der mich am 24. Februar anrief (um acht Uhr morgens, ungeduldig brummend) mit aufrichtiger Neugier fragte, was ich denn meine, was Putin wolle?, antwortete ich mit einem Schrei. Ich ging im Zimmer auf und ab und schrie den armen Mann durchs Telefon an, als verkörpere er den ganzen kollektiven Westen: „Machen Sie sich über mich lustig?! Er hat euch doch schon dutzende Male direkt ins Gesicht gesagt, was er will: dass die Ukrainer verschwinden, sich in Luft auflösen, dass wir aufhören zu existieren wie Hitlers Juden, er benutzt sogar die gleichen Worte. ‚Endlösung der Ukraine-Frage‘. Wie lange wollt ihr noch so tun als hättet ihr das nicht gehört? … Er hämmert euch seit acht Jahren ein, dass Ukrainer und Russen ein Volk sind, im Sommer hat er einen hirnlosen Artikel darüber veröffentlicht, so wie einst Stalin über die Sprachwissenschaft, was ist denn daran nicht zu kapieren, dass das die Annexion eines Landes ist, habt ihr denn wirklich geglaubt, dass er mit der Krym aufhört?“

Oksana Sabuschko: Die längste Buchtour. Essay. Graz 2022, S. 33–34
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Die Wut ist hörbar: „antwortete ich mit einem Schrei“, d.h. die verbale Wut wird durch den Laut unterstützt. Wütend ist Sabuschko hier auf den Journalisten, der naive Fragen stellt, auf den „kollektiven Westen“, der jahrelang einfach nicht richtig zugehört hat und – wahrscheinlich – ist sie vor allem auf Russland wütend, das will, „dass die Ukrainer verschwinden“. Dabei impliziert Wut eine moralische Dimension; der amerikanische Psychologe James Averill schreibt in seinem 1982 erschienen Buch Anger and Aggression, dass anger, also Wut, durch einen ungerechtfertigten Akt in Gang gesetzt wird.6 Der oder die Wütende reagiert also auf eine Verletzung moralischer Prinzipien.
In Konfrontation mit der westlichen Perspektive – dieses Mal der eines Slavisten – kommt Sabuschko aber durch einen anderen Text: Lektionen von einem großen Bluff, erschienen am 22. April 2022 in der NZZ, wieder in der Übersetzung von Alexander Kratochvil. Darin rechnet Sabuschko radikal mit der russischen Literatur ab, die, wie sie sagt, den Westen verführt habe. Der Westen versuche, „das Böse zu rationalisieren, den Verbrecher zu verstehen (so wie Dostoevskij es in seinen Romanen vorgemacht hat).“7
Dabei zeichnet sich Sabuschkos Text durch seine Atemlosigkeit aus: Sie spricht davon, dass den Russ:innen das freie Atmen genommen ist, sie atmen „wie unter Wasser und hassen ganz trivial jene, die anstelle von Kiemen eine Lunge haben.“8 Zugleich schreibt Sabuschko atemlose Sätze, das heißt sie setzt das, worüber sie redet, performativ um: „Zu konstatieren ist, dass ein ganzes Land von der Unterwasseratmung infiziert ist und dass ein Monolog, ein totalitärer Monolog entlang einer Machtvertikalen von oben nach unten, in Landschaft, Architektur, Sprache und Ideologie existiert, woraus monotone Städte und Strassen, Filme und Fernsehprogramme, immer die gleichen Denkmäler, im Idealfall 'von Lissabon bis ' hervorgehen – ein Gefängnis mit entsprechend brutaler Hierarchie planetarischen Ausmasses.“9
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Ein langer, atemloser Satz mit Wiederholungen („ein Monolog, ein totalitärer Monolog“), die sich steigern, Substantive und Adjektive des Schreckens: „ein Gefängnis mit entsprechend brutaler Hierarchie planetarischen Ausmasses“.
Sabuschkos radikale These, die russische Literatur habe den Westen verführt, habe „sich als wunderschöne Prinzessin [inszeniert], die von einer brutalen Macht eingekerkert wird, und schliesslich den Westen still und leise [infiziert] mit ihrer kindisch-passiven Unempfindlichkeit gegenüber dem Bösen“,10 hat eine schnelle Reaktion der deutschsprachigen (konkret: der Schweizer) Slavistik provoziert: Jens Herlth aus Fribourg und Thomas Grob aus Basel haben Artikel zur Verteidigung der russischen Literatur geschrieben. Herlth nennt Sabuschkos Weltbild „mythisch“, da sie, erstens, die Russen (als Folge der russischen Literatur) entmenschliche und der russischen Literatur das Europäische und Humanistische abspreche. Natürlich, so könne man argumentieren, ist diese Aussage radikal – aber befindet sich die Ukraine denn im Moment nicht in einer radikalen Situation? Wenn Herlth über Sabuschkos Essay schreibt, „ihrem Weltbild entziehen sich Prozesse in der realen historischen und politischen Welt“11, dann schreibt er, der deutsche Professor, der ukrainischen Autorin ein wildes Denken zu, das dem rationalen und implizit westlichem Denken unterlegen ist.
Muss die Slavistik, die bisher ausschließlich „durch die russische Brille auf Kiew geblickt hat"12, wie Sabuschko zurecht schreibt, an dieser Stelle nicht in sich gehen und überlegen, wie sie einen anderen, kritischen Blick auf die slavischen Literaturen – und damit auch auf die russische – wirft, nicht aus der Perspektive des Zentrums, sondern von der Peripherie? Die bereits genannte Victoria Amelina schrieb in einem Essay, dass die cancel culture, die im Moment gegen die russische Kultur betrieben wird (oder auch nicht), nichts ist im Vergleich zur execute culture, als die ukrainische Kultur in den 1930er Jahren von den russischen Machthabern praktisch vollständig vernichtet wurde.  „Statt über den Umgang mit der russischen Kultur zu debattieren, sollten westliche Intellektuelle darüber sprechen, wie die nächste Hingerichtete Renaissance Hingerichtete Renaissance Der Begriff „Hingerichtete Renaissance“ bezeichnet die Generation ukrainischer Schriftsteller:innen der 1920er- und 1930er-Jahre, die in der Frühzeit der Sowjetunion zunächst literarisch aufblühten, dann aber im Zuge der Repressionen der 1930er-Jahre hingerichtet wurden. verhindert werden kann“, schreibt sie.13
Mit emotionalen Texten, die die ukrainischen Autor:innen zur Zeit verfassen, reagieren sie auf die Gewalt, die sie und ihr Land von außen erfahren. Die Affekte äußern sich in Worten (in expliziten Beleidigungen, so Zhadan), aber auch in den Stimmlagen (wenn Oksana Sabuschko schreit), natürlich, in der Rhetorik (in Wiederholungen oder Affektsteigerungen). Und was setzen manche deutsche Kritiker diesen Emotionen entgegen? Eine Aufforderung zur Mäßigung, Belehrungen, Rationalisierungen und Ästhetisierungen. Die Frage ist, ob eine solche Disziplinierung, bei allem Respekt vor dem demokratischen Anspruch einer „deutschen Debattenkultur“, zur Zeit die richtige Reaktion ist.
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Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie, die auf der Tagung Deutsche Narrative zu Russlands Krieg in der Ukraine basiert. Die Tagung fand im Rahmen der Themenwoche Krieg in der Ukraine der Volkswagenstiftung vom 22. bis 24. Februar 2023 im Schloss Herrenhausen in Hannover statt. Die Veranstalterinnen: Dr. Cornelia Ilbrig (Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), Dr. Jana-Katharina Mende (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Prof. Dr. Monika Wolting (Universität Wrocław). Sowohl die Tagung als auch die Übersetzung dieses Beitrags wurden durch die Volkswagen Stiftung ermöglicht.
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