Welche Spuren der imperialen Ansprüche Russlands lassen sich in ukrainischer, russischer und belarussischer Gegenwartsliteratur finden? Der Beitrag zeigt, dass literarische Texte viel früher auf sich anbahnende Konflikte verweisen können, als die Politik es tut.
Literatur als Vorhersagemodell
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Was kann Literatur eigentlich bewirken? Zugegeben, sie begeistert uns durch ihre Geschichten und füllt mit ihren Worten unsere freien Nachmittage und Urlaubstage. Sie sorgt für kleine Nervenkitzel, ruft menschliche, neulich auch tierische und pflanzliche Gefühle hervor und bringt ihre Leser:innen zum Weinen, Lachen und Nachdenken. Literatur sorgt für anregende Gesprächen am Tisch, in Medien und Seminarräumen.
Das Cassandra-Team1 schreibt der Literatur aber noch eine weitere Funktion zu. Literatur kann auf zukünftige Entwicklungen hinweisen, weil sie als Quelle praktischer Daten und Informationen über die Wirklichkeit zu sehen ist. Mit dieser Feststellung möchte das Projekt für eine engagierte Literaturwissenschaft plädieren. Das Projektteam teilt die Meinung, dass „literarische Texte (1) früher und differenzierter als andere Medien auf Schlüsselthemen und Emotionen (Bedrohungsgefühle, freiheitliche / nationalistische / separatistische Gefühle) verweisen und (2) auf Wahrnehmungen und damit das Verhalten von Konfliktparteien einwirken und so auch aktiv an der (Gewalt-)Dynamik einer Krise/eines Konflikts beteiligt sein können“.2 Literarische Texte können auf diese Weise für die politische und gesellschaftliche Praxis nutzbar gemacht werden. Durch ihre ästhetische Perspektive sind sie in der Lage, eine gewisse Distanz zu den Diskursen des Wissens zu bewahren, also zu dem, was durch Sprache und soziale Praktiken in verschiedenen Kontexten geschaffen wird. Krisen, Kriege, Traumata, Ängste und Fremdheit sind Phänomene, die in literarischen Texten thematisiert werden und anhand von Figuren durchgespielt werden.3 Die Literatur behandelt diese Schlüsselthemen auf eine differenziertere Art und Weise als andere Medien, indem sie diese Erfahrungen an konkrete Figuren knüpft, die in einer fiktiven Wirklichkeit agieren.4 Literatur ist das einzige Medium, das im besten Fall ohne Tendenz Geschichten über Menschen erzählt und sie so darstellt, wie sie sich im Inneren der Protagonisten wirklich darbieten. Oftmals erzählt sie die „Vorgeschichte“ von „Geschichte“, noch bevor es dafür konkrete Begriffe gab, z.B. wie Heinrich Mann mit seinem „Untertan“ bereits 1914 vor einer Entwicklung warnte, die mit dem Nationalsozialismus Realität wurde.5
Literatur als Archiv gesellschaftlicher Entwicklungen
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Heutzutage leiden Gesellschaften nicht mehr unter einem Mangel an Informationen, sondern vielmehr unter einem Überfluss an Fakten, Daten und Ereignissen. Diese Informations- und Reizüberflutung erschwert die Analyse und Bewertung von Situationen. Im Gegensatz dazu bringt Literatur in der Erzählung Phänomene in Zusammenhänge, schafft Kontexte und liefert ein ganzheitliches Bild der dargestellten Realität. Durch die Schilderung von Handlungen und Gedanken der Figuren können latente Spannungen, Gewaltpotenziale und Störungen von Systemen aufgedeckt werden, die zum Umdenken und zur Veränderung zwingen können.6 Die im Text vorhandenen Störungen können ein Indiz für bevorstehende Konflikte sein.7 Der Ansatz des Cassandra-Projektes betrachtet Literatur als Archiv und Speicher kollektiver Erfahrung einer Kultur, in dem sich Unaussprechliches, Seelenzustände von Individuen sowie Mentalitäten von Klassen, Regionen und Orten bis ins Detail manifestieren.
Kassandrarufe
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Die mythologische Kassandra war die Tochter des trojanischen Königs Priamos. Der Gott Apollon gab ihr wegen ihrer Schönheit die Gabe der Weissagung. Als sie sich ihm aber verweigerte, verfluchte er sie, auf dass niemand ihren Rufen Glauben schenken sollte. Kassandra sah immer das Unheil kommen, fand aber niemanden, der auf sie hören wollte. So konnte sie mit ihren Kassandrarufen auch Troja nicht vor Paris und dem Trojanischen Pferd warnen und retten.
An diesen Gedanken der Kassandrarufe knüpft das Cassandra-Team in seinen Forschungen an. Es erwächst aus der Überzeugung, dass sich in der Literatur Signale erkennen lassen, die auf bevorstehende Konflikte und mögliche Strategien der Konfliktlösung hinweisen könnten. Aus diesem Grund ist es gegenwärtig wichtiger denn je, das Augenmerk auf die Literatur der Länder zu richten, die sich im Krieg befinden oder in direkter Nachbarschaft zu diesen liegen. Der Krieg lässt sich nicht mehr abwenden, aber vielleicht lassen sich weitere Eskalationen vermeiden, wenn man die Kassandrarufe ernst nimmt. Volker Weidermann gibt zu: „Die osteuropäischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller warnen uns seit Jahren vor Putin. Wir haben sie gelesen, gefeiert und ihre Warnungen in den Wind geschlagen, bis es zu spät war.“8
Konfliktgesellschaften
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Die meisten Länder Osteuropas, die – wie Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Polen oder Moldawien – bis 1990 Mitglieder des Warschauer Pakts Warschauer Pakts Warschauer Vertragsorganisation – war ein von 1955 bis 1991 bestehendes Militärbündnis des sogenannten Ostblocks unter der Führung der Sowjetunion. waren und heute weitgehend der EU angehören, leben im Zustand von Post-Konfliktgesellschaften. Das bedeutet, dass frühere Konflikte noch immer präsent sind und die Gefahr besteht, dass sie erneut ausbrechen könnten. In „Secondhand-Zeit“ (2013)9  schreibt Swetlana Alexijewitsch Swetlana Alexijewitsch Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in der Ukraine geboren und ist in Weißrussland aufgewachsen. Sie arbeitet als Reporterin und ist Schriftstellerin. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011), dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2013). 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. (Belarus), dass das postsowjetische Russland noch immer nach einer neuen Identität sucht, obwohl der Kalte Krieg seit über zwanzig Jahren vorbei ist. In Jurij Andruchowytsch' Jurij Andruchowytsch' Juri Andruchowytsch ist 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau geboren, er studierte Journalistik. Er debütierte als Lyriker, danach veröffentlicht er Essays und Romane. Andruchowytsch ist einer der bekanntesten ukrainischen Autoren der Gegenwart, sein Werk erscheint in 20 Sprachen. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen Rekreacij __(1992; dt. Karpatenkarneval, 2019), Moscoviada __(1993, dt. Ausgabe 2006), Perverzija __(1999, dt. Perversion, 2011) ist er zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden. 2022 wurde er mit dem Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf, 2016 mit der Goethe-Medaille und 2014 mit dem Hannah-Arendt-Preis ausgezeichnet. „Moskowiada“10 (1993) wird Moskau als das „faulige Herze des halbtoten Imperiums“11 beschrieben. Der junge Protagonist gewinnt seine Identität aus der Ablehnung dieser Stadt. Die Länder der ehemaligen Sowjetunion sind politisch zerrissen und es gibt innerhalb ihrer Grenzen oft Konflikte. Einige dieser Länder haben auch Grenzstreitigkeiten untereinander, die bisher nicht vollständig gelöst wurden. Es gibt zahlreiche Texte, die sich mit der umstrittenen Region Ostukraine befassen. Eines dieser Werke ist „Internat“12  von Serhij Zhadan Serhij Zhadan Serhij Zhadan ist 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, er studierte Germanistik und promovierte über den ukrainischen Futurismus. Seit 1991 gehört er zu den prägenden Figuren der jungen literarischen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet. Die BBC kürte das Werk zum „Buch des Jahrzehnts“. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ebenfalls 2022 den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken und den Freiheitspreis der Frank-Schirrmacher-Stiftung. 2018 wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zhadan lebt in Charkiw, Ukraine. (2017), das beschreibt, wie sich die einst vertraute Umgebung des Donbass' in ein unheimliches, vom Krieg verwüstetes Territorium verwandelt hat. Das Buch erzählt von Menschen, die trotz Angst, Verrohung und Zerstörung ihre Selbstbehauptung und ihr Verantwortungsgefühl bewahren.
Zuckerkreml
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Vladimir Sorokin Vladimir Sorokin Vladimir Sorokin ist 1955 in Bykovo bei Moskau geboren und gehört zu den Hauptvertretern der russischen Postmoderne. Nach dem Abschluss des Ingenieurstudiums an der Gubkin-Universität für Erdöl und Gas in Moskau 1977, arbeitete er als Grafiker, Buchillustrator, Maler und Konzept-Künstler und gestaltete dabei mehr als 50 Bücher. Vladimir Sorokin lebt in Moskau und Berlin. Er gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller und Dramatiker Russlands und scharfer Kritiker der politischen Eliten Russlands. Zu seinen bedeutendsten Romanen gehören __Die Schlange 1983, Der Obelisk 1992, Bro __2004, Die Tage des Opritschniks 2006, Der Schneesturm 2010, __Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs 2018. gilt neben Viktor Pelewin Viktor Pelewin Wiktor Olegowitsch Pelewin ist 1962 in Moskau geboren. Er studierte Elektrotechnik und später Literatur. Seine erste Erzählung wurde 1989 publiziert, seit 1990 arbeitet er als freischaffender Autor. Zunächst wurden mehrere seiner Geschichten in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht, mittlerweile sind fünf Romane und etwa fünfzig Erzählungen erschienen. Er gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller und hat vor allem bei jungen Lesern längst Kultstatus. Der „New Yorker“ nahm ihn in die Liste der „besten europäischen Erzähler unter 35“ auf. Er lebt in Moskau. 2001 erhielt er den Richard-Schönfeld-Preis „für literarische Satire“ der Hamburgischen Kulturstiftung. und Viktor Jerofejew Viktor Jerofejew Viktor Jerofejew ist 1947 in Moskau als Sohn einer Diplomatenfamilie geboren. Bekannt wurde er durch seinen Roman „Die Moskauer Schönheit“ (1989), der inzwischen in 27 Sprachen übersetzt worden. Jerofejew schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie die New York Times Book Review; zudem ist er Herausgeber der ersten russischen Nabokov-Ausgabe. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ist er mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Bedeutende Werke: Enzyklopädie der russischen Seele 1999, Der gute Stalin 2004, Russische Apokalypse 2009, Die Akimuden. Ein nichtmenschlicher Roman 2012, Der große Gopnik 2023. als einer der bekanntesten und angesehensten zeitgenössischen Schriftsteller Russlands. In seinem Werk „Der Zuckerkreml“13 (2010) thematisiert er die Wirkung von „zuckersüßen“ Worten. In „Der Zuckerkreml“ beschreibt Sorokin, wie süße Worte und Kremlfiguren dazu benutzt werden können, um Lügen und Ungereimtheiten zu verbreiten und die Menschen von Missständen abzulenken. In Vladimir Sorokins Werken finden sich zahlreiche Gewaltdarstellungen, die unter anderem Vergewaltigung, Kannibalismus, Verstümmelung und Auspeitschung einschließen. Auch homosexueller Gruppensex wird beschrieben. Diese Darstellungen sind oft als Parodie, Überzeichnung oder Dystopie Dystopie Die Dystopie entwirft –  anders als die Utopie –  ein negatives Zukunftsszenario. ausgeführt. Angesichts der gegenwärtigen Gewalt in der Ukraine ist der Roman als Vorbote des Kommenden zu sehen. „Der Zuckerkreml“ spielt im Jahr 2028. Er ist die Fortsetzung des Romans „Der Tag des Opritschniks“14  (2006), in dem viele Rezensenten eine tief pessimistische, orwellsche Antiutopie lesen wollten. In der Welt von Vladimir Sorokins Roman „Der Tag des Opritschniks“ herrscht im Jahr 2027 in Russland eine Monarchie, die sich durch eine hohe Mauer abgeschottet hat und von Religion und Gewalt zusammengehalten wird. Der Handlanger der Macht, Komjaga, erlebt in diesem Werk einen Tag aus seinem Leben. 2027 regiert ein Handlanger der Macht, die „russische Bärin“ ist wach und gefährlich. In dieser dystopischen Welt, die in vielen Werken von Sorokin dargestellt wird, ist Gewalt allgegenwärtig. Eltern schlagen ihre Kinder, Aufseher misshandeln Arbeiter, und Männer missbrauchen ihre Frauen. Die „zuckersüßen Kreml“, zu denen alle Zugang haben, halten die Gesellschaft zusammen. Die Lage Russlands sieht Sorokin in diesen Texten aussichtsloser und finsterer als die Lage der Welt seiner Vorgänger von Orwell bis Huxley.
In Viktor Jerofejews „Enzyklopädie der russischen Seele“ (2001) sucht das zerrissene Russland nach einer mythischen Figur: dem Grauen, um wieder zu einer Großmacht zu werden. Der Ich-Erzähler ist ein Intellektueller, der aufgrund eines Textes „über das Morgenrot einer neuen Offenbarung“ in den Kreis von Geheimdienstlern des Kremls gerät. Mit Hilfe des Assistenten früherer Generalsekretäre soll die Großmacht Russland wiederhergestellt werden. Die Figur des Grauens wird als eine Art Putin dargestellt, wie Jerofejew in dem Vorwort zum Roman schreibt. Der Autor hatte die gegenwärtige Entwicklung in Russland bereits vorhergesehen.
Russische Debatten
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In der heutigen russischen Gesellschaft erleben die intellektuellen Debatten des 19. Jahrhunderts zwischen den Slawophilen und den Westlern eine Neuauflage („Der Konflikt zwischen Westlern und Slawophilen im Russland des 19. Jahrhunderts war eine der wichtigsten intellektuellen Auseinandersetzungen dieser Zeit, welche die philosophischen und sozialtheoretischen Debatten des Landes bis heute prägt. Die Slawophilen waren jedoch nie eine geschlossene Gruppe: Von Tjutschew bis Solschenycin kämpften viele Denker für ein starkes slawisches Gebilde und einen Weg Russlands, der unabhängig vom Westen war.“15 ). Auf der einen Seite stehen Ultra-Nationalisten, die die Idee von Russlands eigenem Weg propagieren, während auf der anderen Seite diejenigen stehen, die europäische Werte einfordern und sich in westlichen Metropolen wie Paris oder den USA heimisch fühlen. Von der „gelenkten Demokratie“ Putins und von der Mission des russischen Staates, das Leben seiner Untertanen so leidvoll wie möglich zu machen, schreibt Victor Pelewin in „Tolstois Alptraum“.16
Die Verführbarkeit des Menschen, wenn die Gier nach Macht zum stärksten Motiv seines Handelns wird, erzählt auch der belarussische Autor Viktor Martinowitsch Viktor Martinowitsch Viktor Martinowitsch (auch: Victor Martinovich) ist 1977 in Belarus geboren. Er studierte Journalistik in Minsk und lehrte Politikwissenschaften an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius. Er schreibt regelmäßig für „Zeit online“. Martinowitsch wurde 2014 bekannt mit dem Roman „Paranoia“, der in Belarus nach Erscheinen inoffiziell verboten wurde. 2012 erhielt Martinowitsch den Maksim-Bahdanowitsch-Preis. Zuletzt ist bei Voland & Quist der Roman „Revolution“ erschienen. in „Revolution“17 (2017). Nach dem Erscheinen des Romans wurde dessen Verlag in Minsk durchsucht, der Verleger kam für kurze Zeit in Haft, das Buch wurde ohne Begründung aus dem Handel genommen. Martinowitsch schreibt über menschliche Verführbarkeit, Macht, Gier – und ein System, das über den Einzelnen verfügt. Der Staatsapparat greift manipulierend in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ein. Es ist auch ein Roman über die Strukturen eines patriarchalen postsowjetischen Staates, die das gesellschaftliche und politische Leben in Belarus prägen.
Autonomie und Austausch
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Doppeldeutigkeiten und Mehrdeutigkeiten, die unsere Gesellschaften charakterisieren, finden sich auch in literarischen Texten häufig wieder. Zudem wird in der Literatur oft deutlich, dass nationale Grenzen in Europa nicht immer mit regionalen Zugehörigkeiten übereinstimmen. Gerade entlang der Trennlinie zwischen Russland und Westeuropa gibt es Regionen, die andere Werte und Identitäten verkörpern als diese beiden Großstrukturen. Die Unterstützung dieser Regionen als neutraler Streifen könnte eine Entlastung in Konfliktsituationen bringen und Brücken zwischen den Systemen bauen. Die Idee der Brücke zwischen dem Westen und dem Osten verfolgt Andrzej Stasiuk in dem Entwurf einer Einheit der Regionen, die süd-östlich von Polen liegen („Der weiße Rabe“ (1998), „Galizische Geschichten“ (2002), „Unterwegs nach Babadag“ (2005), „Der Osten“ (2015)18). In einem Doppelessay „Mein Europa“19 (2004) schreiben Andrzej Stasiuk und Jurij Andruchowytsch, wie Wolfgang Schneider in der FAZ urteilt, die „brisanteste Heimatkunde, die derzeit zu lesen ist“.20 Dabei geht es den Autoren nicht darum, eine antiwestliche Haltung zu propagieren, sondern vielmehr darum, eine kritische Sichtweise auf die westliche Dominanz und den damit einhergehenden Verlust von kultureller Vielfalt einzunehmen. Die Autoren betonen, dass es wichtig sei, die Geschichte und Kultur dieser Regionen zu bewahren und zu würdigen, um ein vollständiges Bild von Europa zu erhalten. Sie interessieren sich für die zwischen Polen, Rumänien, Tschechien und der Ukraine verlassenen und vergessenen Regionen Europas. Für sie sind die Städte, Flüsse, Häuser, Landschaften die Zeugen der Konflikte, die in diesem Teil Europas ausgetragen wurden und die für die Bevölkerung Lehrmeister der Verzweiflung waren. Sie sehen in diesen Regionen eine Art „zwischenweltlichen Raum“, der nicht wirklich zu Westeuropa oder zu Russland gehört, sondern eine eigene Identität und Geschichte hat. Insgesamt zeigt sich in den Texten von Stasiuk und Andruchowytsch eine Haltung, die sich gegen eine Vereinheitlichung und Gleichschaltung der europäischen Kultur und Identität wendet und stattdessen für eine Wertschätzung der Vielfalt und der lokalen Besonderheiten eintritt.
In der kulturellen Praxis ist gerade die Vielstimmigkeit, Unterschiedlichkeit, Diversität das antreibende und das wahre Moment. Die Literatur beweist, dass die Wahrung der Andersartigkeit in Europa zukunftsbringend ist.
Transkultureller Austausch darf nicht nur auf den Feldern von Kunst und Kultur stattfinden – er muss in einem überlebensfähigen, auf Heterogenität fußenden Europa zur Grundlage auch der politischen Agenda werden. Was passiert, wenn anders gedacht wird, steht in Vladimir Sorokins „Manaraga“21 (2017): Europa zerfällt in kleine, feindliche Einheiten: Republiken, Diktaturen, Monarchien; und Bücher ersetzen die Holzkohle. Der Rezensent Daniel Henseler schreibt dazu: „Sorokin war immer gut darin, Tendenzen der Gegenwart zu erkennen, sie in die Zukunft zu projizieren und zugleich zu akzentuieren. Auf diese Weise hat er oft Entwicklungen frühzeitig erkannt, bevor diese sich dann tatsächlich durchzusetzen vermochten. Das muss zu denken geben: Aus dem Spaß könnte Ernst werden.“22
Es ist nur eine unzureichende Zusammenstellung literarischer Texte aus der Ukraine, Polen, Russland und Belarus. Was den Texten gemein ist, sind die Erzählungen über Zerrissenheit, die die betreffenden Kulturen umtreiben, über gesellschaftliche Gegensätze, Machtfantasien der Regierenden und die Flucht in die Mythologie. In dieser Literatur suchen die Gesellschaften nach einem Halt, nach einem übergeordneten Ziel, den sie in der Gegenwart nicht finden.
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Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie, die auf der Tagung Deutsche Narrative zu Russlands Krieg in der Ukraine basiert. Die Tagung fand im Rahmen der Themenwoche Krieg in der Ukraine der Volkswagenstiftung vom 22. bis 24. Februar 2023 im Schloss Herrenhausen in Hannover statt. Die Veranstalterinnen: Dr. Cornelia Ilbrig (Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), Dr. Jana-Katharina Mende (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Prof. Dr. Monika Wolting (Universität Wrocław). Sowohl die Tagung als auch die Übersetzung dieses Beitrags wurden durch die Volkswagen Stiftung ermöglicht.
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