Góra Kalwaria war eines der vielen Schtetl in Polen, dessen jüdisches Leben im Zuge des Zweiten Weltkriegs verschwand. Erhebliche Verluste erlitten jedoch auch zahlreiche jüdische Kulturgüter. Besonders interessant ist das Schicksal der Bibliothek, die in der Zeit des Krieges der Tzaddik-Familie Alter gehörte. Die Geschichte ihrer Zerstreuung während des Zweiten Weltkriegs ist beispielhaft für viele jüdische Bibliotheksbestände im nazibesetzten Europa.
Das Schtetl und seine Begründer
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Góra Kalwaria
pol. Nowa Jerozolima, pol. Góra, yid. Ger, yid. גער, yid. Gur, . Guer

Góra Kalwaria ist eine Kleinstadt (Bevölkerungszahl 2022: 11.807) an der Weichsel in der Woiwodschaft Mazowien im östlichen Zentralpolen. Die heutige Stadt wurde an der Stelle des während der schwedischen Besatzung im Jahr 1666 vollständig zerstörten Dorfs Góra unter dem Namen Nowa Jerozolima ("Neu Jeusalem") auf dem Grundriss eines christlichen Kreuzes angelegt. Juden durften sich in der Stadt, die als Passions-Wallfahrtsort rein christlich sein sollte, erst 1802 ansiedeln. Bald stellten die Juden die dominierende Bevölkerungsgruppe in der Stadt, und Góra Kalwaria wurde zu einem der wichtigsten Zentren des chassidischen Judentums.

, von den Jüd:innen Ger oder Gur genannt, war eine der vielen Städte in der Nähe von 
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw

Warschau ist die Hauptstadt Polens und zugleich die größte Stadt des Landes (Bevölkerungszahl 2022: 1.861.975). Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

 mit einer großen jüdischen Bevölkerung. Wie viele andere urbane Zentren im zentralen Polen während des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit besaß die Stadt seit der Verleihung des Stadtrechtes im Jahr 1670 das Privileg „de non tolerandis iudaeis“ – ein Verbot der Ansiedlung von Jüd:innen. Die Geschichte schlug dem ersten Verwalter der Stadt, dem katholischen Bischof von Poznań, Stefan Wierzbowski, allerdings ein Schnippchen. Seine Pläne, den Ort zu einem Schrein für die Passion Jesu Christi und somit zu einem christlichen Pilger:innenzentrum zu machen, waren nur teilweise von Erfolg gekrönt. Denn die Stadt wurde zu einem der wichtigsten Zentren der jüdischen Wallfahrt.
Dank eines Dekrets der preußischen Regierung von 1802 kamen die ersten jüdischen Familien Anfang des 19. Jahrhunderts hierher. Nach einigen Jahrzehnten wurde Góra Kalwaria zu einem Schtetl – einer Stadt mit eigentümlich jüdischem Charakter –, in der die Zahl der Einwohner:innen, die dem mosaischen Glauben des  Chassidismus
Chassidismus
auch:
Hasidismus, Hassidismus, Chasidismus
Mystische, in viele Gruppierungen zerfallende Erneuerungsbewegung im Judentum, die von Ba'al Shem Tov (meist mit dem Akronym Besht bezeichnet, eigtl. Israel ben Eliezer,) in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Podolien ausging und im östlichen Europa rasch weite Verbreitung in allen sozialen Schichten fand. Charakteristisch ist die Herausbildung einzelner chassidischer Höfe, an denen sich die Anhänger um ihren Rebbe (Tzaddik) scharen. Bezeichnend für den Chassidismus ist aber auch die erbitterte Gegnerschaft, die er in rabbinischen Kreisen, so vor allem in großen Teilen Litauens und Belarus, hervorrief.
 anhingen, bald die Zahl der Christ:innen überstieg. Seit dem 19. Jahrhundert trug die Stadt zwei Namen, einen christlichen – Góra Kalwaria – und einen jüdischen – Ger (Hebräisch :„Konvertit“). Die meisten der Ger-Chassidim, welche mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Góra Kalwaria vor 1939 ausmachten (ca. 7.000 Einwohner:innen), wurden zunächst ins Warschauer Ghetto und anschließend nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Nicht mehr als ein paar Dutzend Jüd:innen aus Ger sollten den Holocaust überleben. Nach dem Krieg kehrten sie für kurze Zeit in die Stadt zurück und gründeten hier ein jüdisches Komitee zur Unterstützung der Überlebenden des Holocaust, begannen aber bald, ins Ausland abzuwandern, vor allem wegen des Antisemitismus und der Pogrome in Kielce und anderen Städten im Nachkriegspolen. Nur vier von ihnen verblieben im kommunistischen Polen und in Góra Kalwaria. Heute gibt es Gerer Chasidm in Israel, den Vereinigten Staaten (New York), England, Kanada und anderen Orten, wo sie eine große orthodoxe religiöse Präsenz darstellen.1 
 
Der Grund für die dynamische Entwicklung der jüdischen Gur Gemeinde im 19. und frühen 20. Jahrhundert lag weniger in attraktiven wirtschaftlichen Bedingungen als vielmehr in den umtriebigen Aktivitäten der chassidischen Dynastie Alter. Ihr Begründer war  Tzaddik
Tzaddik
auch:
Zaddik
Der Tzaddik, wörtlich übersetzt: Gerechter, ist eine spirituelle Führungsfigur im Chassidismus, die auch als Rebbe oder Admor bezeichnet wird. Sie wurde nicht per Wahl auf Grundlage einer formalen Ausbildung bestimmt; vielmehr waren für die Anhänger eines Tzaddiks dessen Charisma und spirituelle Fähigkeiten ausschlaggebend. Diese Würde ist seit dem 19. Jahrhundert erblich und geht in der Regel auf einen Sohn über. Auf diese Weise bildeten sich chassidische Dynastien (Höfe) heraus, die vielfach bis heute bestehen.
 Yitzhak Meir Rothenberg (Rothenburg) Alter (1798-1866), der sich 1859 in Góra Kalwaria niederließ. Seine Nachfolger, darunter sein Enkel Avraham Mordechai Alter (1866-1948), der letzte Tzaddik, der in Góra Kalwaria lebte und der erste, der nicht in Góra Kalwaria begraben wurde (er starb in Jerusalem), sorgten für den Aufschwung der Stadt als wichtiges chassidisches Pilgerzentrum in Polen und in ganz Europa.2  
Das jüdische Viertel und der Sitz des Tzaddiks lagen im Zentrum der Stadt. In einem großen Backsteingebäude gegenüber der Synagoge befand sich der Altersche Wohnsitz. Das Gebäude ist bis heute erhalten und von einzigartigem historischem Wert, denn auf dem Dachboden ist ein Matzebackofen erhalten geblieben; wahrscheinlich der einzige seiner Art in ganz Polen. In seiner Nähe befanden sich ein rituelles Badehaus (Mikwe), eine religiöse Knabenschule (Cheder) und ein großes, an den Hof angeschlossenes Gebetshaus (bet ha-midrash). Erleichtert wurden die Pilgerreisen tausender chassidischer Jüd:innen durch eine 1898 eingerichtete Schmalspurbahnlinie, die Góra Kalwaria mit dem Zentrum Warschaus verband und die von den jüdischen und nichtjüdischen Einwohner:innen umgangssprachlich als rebe kolejke (jiddisch: Rabbinerzug) bezeichnet wurde.3 
Tzaddik Avraham Mordechai Alter war eine legendäre Führungspersönlichkeit, eine charismatische Figur, nicht nur für seine Hunderttausende von Chasidim, sondern für das orthodoxe Judentum im Allgemeinen. Sein Antlitz kennen wir von erhaltenen Fotos, darunter von einer Reise nach Karlsbad zur Kur im Jahr 1931 und von mehreren Reisen nach Palästina, das er fünfmal zwischen 1922 und 1935 besuchte. Er war Mitgründer der Agudas Jisroel, einer 1909 in Deutschland gegründeten gesamteuropäischen Partei, die für die Verteidigung der religiösen und wirtschaftlichen Rechte von Jüd:innen kämpfte. Auf polnischem Boden nahm sie 1916 ihre Tätigkeit auf und umfasste in der Zwischenkriegszeit etwa eine halbe Million gegenüber dem polnischen Staat loyale Mitglieder. Ihr religiöser Konservatismus und ihr politischer Einfluss in Polen lösten bei anderen jüdischen Parteien, insbesondere bei zionistischen Gruppen im In- und Ausland, Besorgnis aus. Alfred Döblin, der 1924 auf Bitten deutscher Zionisten nach Polen reiste, um Unterstützung für die Idee der jüdischen Auswanderung nach Palästina zu finden, notiert nach einer Audienz bei Tzaddik Alter die Eindrücke seines Aufenthaltes in Góra Kalwaria in sein Tagebuch und äußert sich nicht ohne einen Hauch von Überlegenheit über die Bewohner:innen - typische Ostjuden in schwarzen Challahs und großen schwarzen Hüten.
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Der internationale Ruhm Avraham Alters half dabei, ihn vor dem Holocaust zu retten. Zu Beginn der deutschen Besatzung versteckte er sich zunächst unter falschem Namen in Warschau. Dank dem Eingreifen mehrerer Rabbiner aus dem Ausland und mit Unterstützung diplomatischer Kreise gelang es ihm und einigen seiner Familienmitglieder im Frühjahr 1940, das besetzte Polen – über Wien und Triest – mit einem italienischen Visum nach Palästina zu verlassen. Unterstützt wurde er dabei von Stefan Pojarski, einem polnischen Aristokraten und Neffen des polnischen Vorkriegspräsidenten Ignacy Mościcki, der von Alter seit seiner Begegnung mit ihm im Jahr 1935 tief beeindruckt war. Im Gegensatz dazu ereilte den Rest der Familie (mit wenigen Ausnahmen) der Tod: der älteste Sohn des Tzaddiks, Rabbi Meir Alter, der sich geweigert hatte, das besetzte Polen zu verlassen, sowie die Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder des Tzadiks.4
Die verlorene Bibliothek von Tzaddik Alter
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Am 8. September 1939 besetzten deutsche Truppen Góra Kalwaria. Der Beginn dieser Besatzung markierte das jähe Ende des blühenden Lebens im jüdischen Schtetl. Sie markierte auch den Anfang vom Ende des Haushalts des Tzaddiks Alter, der zwei Tage zuvor nach Warschau abgereist war. Kurz nach seiner Flucht machten sich die Besatzer an die Plünderung der von ihm zurückgelassenen Habseligkeiten: Möbel- und Kleidungsstücke sowie andere Wertgegenstände. Von besonderer Bedeutung für die Nazis war die umfangreiche, sich in der Villa des Tzaddiks befindliche Bibliothek. Die Büchersammlung, von der die wertvollste seine persönliche Bibliothek war, darunter waren seltene Drucke mit rabbinischen Kommentaren und Manuskripte prominenter Rabbiner. Auch die rabbinischen und kabbalistischen Manuskripte waren von einzigartigem Wert. Einige von ihnen stammten aus dem 11. und 12. Jahrhundert, andere stellten vergriffene Werke großer chassidischer Persönlichkeiten dar. Manche Bände waren in Leder gebunden und mit vergoldeten Inschriften versehen. Dies machte die von Rebbe Avraham Alter erweiterte Bibliothek zu einer Sammlung von großem spirituellem Wert. Der einzige Bibliothekskatalog, der in den 1930er Jahren erstellt wurde, überlebte den Holocaust leider nicht, so dass wir die genaue Anzahl der Bände in der Sammlung nicht kennen.
Das Kriegsschicksal der Alterschen Bibliothek ist eine historische Episode, die prototypisch nicht nur für die jüdische Geschichte von Góra Kalwaria steht. Sie steht auch exemplarisch für das Schicksal vieler jüdischer Sammlungen im nationalsozialistisch besetzten Mittel- und Osteuropa. Sie offenbart die Mechanismen, Strukturen und Abläufe einer Praxis, die unter dem Namen NS-Raubkunst in die Geschichte eingehen sollte. Alters Bibliothek und ihre Geschichte nach 1939 kann als Folie dienen für das Schicksal eines großen Teils der jüdischen Bibliotheksbestände und Kulturgüter in der frühen Nachkriegszeit. Jedoch birgt dieses Thema mehr Fragen als Antworten und bedarf weiterer gründlicher Forschung. 5 
Den ersten Hinweis auf das Interesse an jüdischen Bibliotheken im besetzten Polen liefert eine Korrespondenz, die bereits am 16. September 1939 von einer SD-Stelle in Dessau an das SD-Hauptamt in Berlin geschickt wurde. Es handelt sich um einen Vorschlag von Erich Wilken, einem evangelischen Pfarrer in der Magdeburger Martinsgemeinde, der in engem Kontakt mit dem fränkischen Gauleiter Julius Streicher stand. In seinem Brief fordert Wilken eine Durchsicht der jüdischen Bibliotheken in Polen auf der Suche nach kabbalistischer Literatur. Nach seiner Meinung könnte diese von bedeutendem Wert für propagandistische und politische Zwecke sein. Ausgehend von einer Analyse der verfügbaren Quellen erscheint es allerdings zweifelhaft, dass Wilken von der Existenz der Alterschen Bibliothek wusste. Es gibt ferner keinen direkten Hinweis darauf, dass der wertvollste Teil seiner Sammlung den groß angelegten Raubzügen auf Bibliotheksbestände und Kunstwerke zum Opfer fiel. Diese wurden im Auftrag des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), oft in gegenseitiger Konkurrenz von deutschen Kommandos durchgeführt. Bezüglich des weiteren Schicksals der Alterschen Buchsammlung  müssen wir uns nur mit Mutmaßungen begnügen.6
In diesem Zusammenhang ist die Figur von Julius Streicher erwähnenswert. Streicher, der zwischen 1923 und 1945 Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Der Stürmer“ war, richtete sich mit der Forderung an seine unter anderem aus Vertreter:innen der Militär- und Zivilverwaltung im besetzten Polen bestehenden Leser:innenschaft, von Juden zurückgelassene Bücher, Dokumente und Archivmaterial einzusenden. Einer, der dem Aufruf des „Stürmer“ folgte, war der kommissarische Bürgermeister von Góra Kalwaria, Ewald Jahnke. Jahnke, der der deutschen Minderheit  angehörte, war vor dem Krieg als Fuhrmann bei einer örtlichen jüdischen Familie beschäftigt gewesen. Aus einem Briefwechsel mit Streicher, dem Gauleiter von Franken, geht hervor, dass Jahnke im Herbst 1940 zwei Kisten mit Büchern nach Nürnberg schicken ließ. Diese könnten einzelne Bände aus Alters Bibliothek enthalten haben. Die Sendung ergänzte Streichers insgesamt etwa 10.000 Bände starke Sammlung geraubter jüdischer Bücher. 8.000 davon wurden kurz nach dem Krieg in das Offenbacher Archivdepot gebracht und später der Organisation Jüdischer Kultureller Wiederaufbau übergeben, die von den Nazis geraubte jüdische Bücher und religiöse Gegenstände in der ganzen Welt restituierte. Aus Analysen der später nach New York gelangten Sammlung wissen wir, dass sie zwar tatsächlich Bücher aus Góra Kalwaria enthält – allerdings keine Bände aus Alters Bibliotheksbestand.
In die erste Hälfte des Jahres 1941, kurz nach der Deportation der jüdischen Bevölkerung von Góra Kalwaria in das Warschauer Ghetto am 25. und 26. Februar, fällt wahrscheinlich die zweite Phase der Verstreuung der Alterschen Büchersammlung. Grund zu dieser Annahme liefern die Erinnerungen von Anwohner:innen. Einige berichten, im Hof des Hauses des Zaddiks einen deutschen Militärlastwagen gesehen zu haben, der mit „Büchern in Planensäcken beladen war, auf denen ein Dutzend großer, in braunes Leder gebundener Bände lag“. Wohin könnte der mit Büchern beladene deutsche Lastwagen von Alters Hof gefahren sein?
 
Wir müssen uns mit Mutmaßungen begnügen. Eine Möglichkeit besteht darin, dass die geraubten Bände zu den Beständen der polnischen wissenschaftlichen Bibliotheken aus der Vorkriegszeit gehören, die unter der deutschen Besatzung in die Verwaltung des Hauptbibliotheksamtes übergingen. Es unterstand der Abteilung Bildung und Kultur des NS-Generalgouvernements. In diesem Fall könnten die Bücher aus Góra Kalwaria in die Depots der damals neu gegründeten Staatsbibliothek Warschau verbracht worden sein. Aus Nachkriegsberichten polnischer Bibliothekar:innen wissen wir, dass sich in der Staatsbibliothek Warschau wertvolle Judaica befanden, die wahrscheinlich, wie Teile der Sondersammlungen der Polnischen Nationalbibliothek oder der Krasinski-Bibliothek, während des Warschauer Aufstandes im Frühherbst 1944 verbrannt worden waren. Eine andere Möglichkeit ist, dass die wertvolle LKW-Ladung aus Góra Kalwaria an die von den Nazis im besetzten Polen gegründete „wissenschaftliche“ Einrichtung, das Institut für Deutsche Ostarbeit (IDO) mit Sitz in Krakau und Zweigstellen in Warschau, ging. Innerhalb des IDO befand sich eine seiner wichtigsten Abteilungen, das Referat Judenforschung. Es stand in engem Kontakt mit dem von Alfred Rosenberg gegründeten Institut der NSDAP zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main und verfügte über eine reichhaltige Bibliothek mit beschlagnahmten Judaica. Das IDO selbst hatte sich unter anderem zum Ziel gesetzt, eine Bibliographie zu erstellen und Literatur zur Geschichte der Jud:innen in Osteuropa zu sammeln, sowie in Archiven nach Judaica zu suchen. Leider sind die Aktivitäten der Warschauer Zweigstelle der IDO zu schlecht dokumentiert, um Rückschlüsse auf das Schicksal der Alterschen Bibliothek ziehen zu können.7  
Ferner ist es möglich, dass die Ladung des Lastwagens aus Góra Kalwaria an einen ganz anderen Ort auf dem Gebiet des Generalgouvernement (GG) oder direkt ins Dritte Reich gelangte. Sie könnte in Lodz gelandet sein. Dort sollte eine Zweigstelle des in Frankfurt ansässigen NSDAP Instituts zur Erforschung der Judenfrage eingerichtet werden, die zur Koordinierung der Beschlagnahmungskampagne jüdischer Bücher aus dem Ghetto Lodz dienen sollte. Über Lodz könnte die Ladung sogar an das Frankfurter NSDAP-Institut geschickt oder nach Poznań gebracht worden sein, wo sich der Sitz der Haupttreuhandstelle Ost sowie eine neu eröffnete deutsche Universität und ein Depot für von den Nazis in Polen beschlagnahmte Bücher befanden. Schließlich dürfte der wertvollste Teil der Alterschen Sammlung in die Hauptbibliothek des RSHA in Berlin gebracht worden sein, in der Judaica aus dem besetzten Europa gesammelt wurden. Die Bibliothek des RSHA – wie auch ein großer Teil der Objekte der Berliner Bibliotheken und Museen – wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 unter anderem in geheime Depots der SS-Verwaltung in Schlösser in Niederschlesien verfrachtet. Hier fielen sie 1945 in die Hände von Spezialeinheiten des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD), die ihrerseits erbeutete Kulturgüter beschlagnahmten und in Geheimdepots in der Sowjetunion brachten. Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden die dort gelagerten Sammlungen zugänglich gemacht und russischen Bibliotheken überreicht. Die derzeit aufgrund des Krieges in der Ukraine angespannte Situation verunmöglicht jedoch eine gründliche Provenienzforschung.
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Gewiss ist nur das Schicksal des am wenigsten kostbaren Teils von Rabbi Alters Büchersammlung. Sie enthielt vermutlich jüdische Drucke aus dem 19. und 20. Jahrhundert und überlebte den Krieg auf dem Dachboden eines Stadthauses in Góra Kalwaria. Sie fiel jedoch der unbarmherzigen Situation zum Opfer, in der sich die örtliche Bevölkerung nach dem Ende der Kampfhandlungen befand. Die meisten dieser Drucke wurden als Anzündholz in Öfen zum Heizen der Wohnungen verwendet, während andere, die bis in die späten 1940er und frühen 1950er Jahre überlebten, von Mädchen eines nahe gelegenen Internates mutwillig zerstört wurden. Nur einige wenige Exemplare überlebten und gelangten in den Besitz des Geschichtslehrers Edward Marchocki, der nach seiner Rückkehr aus einem Konzentrationslager nach Góra Kalwaria im Jahr 1946 eine Sammlung anlegte, die dem Gedenken an die regionale Geschichte gewidmet war.
Trotz jahrelanger Recherche durch das Komitee für die Suche nach der Gora-Kalwaria-Bibliothek der New Yorker Chassidim-Gemeinde liegt das Kriegsschicksal des wertvollsten Teils der Bibliothek von Tzaddik Alter weiterhin im Dunkeln. Das Komitee gibt die Suche indes nicht auf, getrieben von der Überzeugung, dass die Bibliothek, falls sie auf wundersame Weise überlebt hat, eines Tages restituiert werden möge. Das Motto des Komitees sind die Worte des Begründers der chassidischen Bewegung, Rabbi Israel Baal Shem Tov:

In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.