Der Beitrag bietet einen Überblick über die jüdische Geschichte und die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Polen von den ersten Erwähnungen jüdischer Zentren im 11. Jh. bis zum Ende des 18. Jh. Wie in den Nachbarländern Ungarn und Böhmen waren auch die polnischen Monarchen an jüdischer Ansiedlung interessiert; das Privileg von 1264 und seine Bestätigungen schufen die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür. Jüdinnen und Juden waren an der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung Polens beteiligt. Ihr Anteil an der städtischen Bevölkerung wuchs; vor allem in den südöstlichen Provinzen war ihr prägender Einfluss sichtbar, was im Begriff des jüdischen „Shtetls“ seinen Ausdruck fand. In der Neuzeit wurde Polen-Litauen auch zum Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Die Krisen und Kriege in der Mitte des 17. Jahrhunderts brachten messianistischen Bewegungen Zulauf. Im 18. Jahrhundert wurden die Impulse der jüdischen Aufklärung und die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung intensiv diskutiert.
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In der jüdischen Kultur wurden Deutschland und Polen ursprünglich als ein gemeinsamer Raum begriffen.1  Der biblische Begriff „Aschkenas“ stand zwar seit dem Mittelalter für Deutschland, aber das Adjektiv „aschkenasisch“ bezeichnete allgemeiner die jüdische Kultur in Mitteleuropa, von Norditalien und dem Elsass bis nach Ungarn und Litauen. „Polin“ etablierte sich erst zu Beginn der Frühen Neuzeit nicht als Abgrenzung gegenüber Deutschland, wohl aber als erläuternde Ergänzung. In der Doppelform „Aschkenas u-Polin“ spiegelte sich weiterhin die räumliche Einheit, aber auch die Verschiebung der kulturellen Zentren seit dem 16. Jahrhundert.
In Polen sind die ersten jüdischen Zentren im Hochmittelalter belegt: um die Mitte des 11. Jahrhunderts gibt es Hinweise auf eine jüdische Gemeinde in 
Kraków
deu. Krakau

Krakau ist die zweitgrößte Stadt Polens und liegt in der Woiwodschaft Kleinpolen im Süden des Landes. In der Stadt an der Weichsel wohnen ungefähr 775.000 Menschen. Die Stadt ist bekannt für den Hauptmarkt mit den Tuchhallen und der Wawel-Burg in der Altstadt Krakaus, welche seit 1978 zum UNESO-Welterbe gehört. In Krakau liegt die älteste Universität Polens, die Jagiellonen-Universität.

, bis zum Ende des 13. Jahrhunderts dann weitere vereinzelte Belege für Niederlassungen vor allem an Fürstensitzen (
Wrocław
deu. Breslau, lat. Wratislavia, lat. Vratislavia, ces. Vratislav

Wrocław (dt. Breslau) ist eine der größten Städte in Polen (Bevölkerungszahl 2022: 674.079). Sie liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien im Südwesten des Landes.
Zunächst unter böhmischer, piastischer und zeitweise ungarischer Herrschaft übernahmen 1526 die Habsburger die schlesischen Erblande und damit auch Breslau. Einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der Stadt stellte die Besetzung Breslaus durch die preußischen Truppen 1741 und die anschließende Einverleibung eines Großteil Schlesiens in das Königreich Preußen dar.
Die rapide Bevölkerungszunahme und Industrialisierung führte zur sprunghaften Urbanisierung der Vorstädte und ihrer Eingemeindung, was mit der Schleifung der Stadtmauer Anfang des 19. Jahrhunderts einherging. Bereits 1840 wuchs Breslau mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt heran. Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das häufig noch mittelalterlich geprägte Stadtbild hin zur Großstadt wilhelminischer Prägung. Höhepunkt der Stadtentwicklung noch vor dem Ersten Weltkrieg war die Anlage des Ausstellungsparks als neuer Mittelpunkt der gewerblichen Zukunft Breslaus mit der Jahrhunderthalle von 1913, die seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
In den 1920er und 30er Jahren erfolgte die Eingemeindung von 36 Ortschaften und der Bau von Wohnsiedlungen am Stadtrand. Um der großen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu begegnen, wurden auch Wohngenossenschaften mit Siedlungsbau beauftragt.
Noch 1944 zur Festung erklärt, wurde Breslau während der folgenden Kampfhandlungen in der ersten Hälfte 1945 nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau der nun Polnisch gewordenen Stadt dauerte bis in die 1960er Jahre.
Von der etwa 20.000 Personen zählender jüdischen Bevölkerung fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur 160 Personen in der Stadt wieder. 1945–1947 wurde die nach dem Kriegsende verbliebene bzw. zurückgekehrte - deutsche - Bevölkerung der Stadt zur Auswanderung größtenteils gezwungen, an ihre Stelle wurden Menschen aus dem Gebiet des polnischen Vorkriegsstaats angesiedelt, darunter aus den an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Nach dem politischen Umbruch von 1989 erhob sich die Stadt zu neuer, beeindruckender Blüte. Der Transformationsprozess und seine raumwirksamen Folgen sorgten für einen rasanten Aufschwung Breslaus, unterstützt durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union im Jahr 2004. Heute ist Breslau eine der am besten prosperierenden Städte Polens.

Plock

Płock ist eine Stadt in Zentralpolen mit etwa 100.000 Einwohnern. Ihre Geschichte reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück, als sie als Festung angelegt wurde. Die an der Weichsel gelegene Stadt diente mehr als einmal als polnische Königsresidenz und regionale Hauptstadt. Zu den wichtigsten Denkmälern der Stadt gehören das Schloss Płock aus dem vierzehnten Jahrhundert und die Kathedrale von Płock aus dem zwölften Jahrhundert.

Kalisz
deu. Kalisch

Die polnische Kreisstadt Kalisz wurde erstmals um 150 n. Chr. in Urkunden erwähnt und wird daher als älteste Stadt Polens bezeichnet. Sie liegt im Tal der Prosna in der Woiwodschaft Großpolen. Im 16. und 17. Jahrhundert galt Kalisz als eine der bedeutendsten Städte des Königreiches. 1793 wurde Kalisz im Zuge der zweiten Teilung Polen-Litauens Teil Preußens. Zwischen 1807 und 1815 gehörte Kalisch zum napoleonischen Herzogtum Warschau, dessen Gebiete 1815 an das Russische Reich fielen. Kalisch wurde Teil des sog. Kongresspolens und erlebte in den folgenden Jahren eine wirtschaftliche Blüte. Im Ersten Weltkrieg wurde die Stadt fast gänzlich durch deutsche Truppen zerstört. In den 1920er und 1930er Jahren wurden große Teile der Stadt wiederaufgebaut.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Teil des sog. Warthelandes und war der rigorosen Germanisierungspolitik des nationalsozialistischen Deutschen Reiches ausgesetzt. Zum einen wurde die jüdische Bevölkerung, die bis dahin nicht Opfer von Erschießungen oder Deportationen in Konzentrations- oder Vernichtungslager geworden war, ghettoisiert, später - nach Auflösung des Ghettos 1942 - ins Ghetto Litzmannstadt verbracht. Zum anderem wurden große Teile der polnischen Bevölkerung deportiert, um Platz für die in "Heim ins Reich"-Aktionen aus dem Baltikum, Siebenbürgen oder der Bukowina hier anzusiedelnde deutsche Bevölkerung zu machen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Kalisz zur Volksrepublik Polen, seit 1990 zur 3. polnischen Republik.

). Hier wie dort entwickelte sich die jüdische Siedlung zunächst, ohne dass grundlegende Rechtsdokumente zu ihrer Regelung ausgestellt werden mussten. Polen war vom Investiturstreit weitgehend unberührt geblieben, erst die fortschreitende Stabilisierung der polnischen Teilfürstentümer als selbstständige Territorien im 13. Jahrhundert veranlasste Herzog Bolesław den Frommen von Großpolen 1264, ein Generalprivileg für die Juden in seinem Herrschaftsbereich auszustellen. Der Text des Privilegs lehnte sich mittelbar an die Urkunden Herzog Friedrichs von Österreich (1244) und Kaiser Friedrichs II. (1236/38) an, doch vor allem bildete es eine Antwort auf ähnliche Vorstöße der Könige von Ungarn (1251) und Böhmen (1262). Die Ähnlichkeiten im Text mit der böhmischen Urkunde gehen so weit, dass diese als direkte Vorlage des großpolnischen Privilegs gilt.2  Für die ostmitteleuropäischen Herrscher ging es darum, ihre Territorien als attraktiv für jüdische Zuwanderung darzustellen. Die Urkunden waren Teil der Politik des Landesausbaus, die Kolonisten – Bauern, Handwerker, Kaufleute – anwarb und Wirtschaft und Gesellschaft auf neue Grundlagen stellte. Jüdische Zuwanderer sollten vor allem das Kreditwesen fördern; der größte Teil der wirtschaftlichen Regelungen im Generalprivileg war diesem Feld gewidmet, während zum Handel nur gesagt werden musste, dass Juden völlige und unumschränkte Handelsfreiheit besäßen, ebenso wie Christen.
Auch in Ostmitteleuropa versuchte die Kirche, ihren Anspruch auf Oberhoheit über die Juden gegen die weltliche Herrschaft durchzusetzen. Auf zwei Bischofsversammlungen in Wien und Breslau, unter der Leitung eines päpstlichen Legaten, wurde 1267 – drei Jahre nach dem großpolnischen Generalprivileg – ein Programm zur radikalen Ausgrenzung der Juden verabschiedet: die Juden wollten die Christen, die sie für ihre Feinde hielten, vergiften, daher müssten Kontakte zwischen beiden möglichst vollständig verhindert werden. In Breslau wurde erstmals die Forderung erhoben, die Häuser der Juden durch eine Mauer von denen der Christen zu trennen, um sie zu isolieren.
Umgesetzt wurde von alldem nichts. Die polnischen Herrscher achteten darauf, dass die Stadtbürger, die direkten wirtschaftlichen Konkurrenten der Juden, keine Rechtshoheit über sie erlangten. Während die Juden in Deutschland in den größeren Städten seit dem späten Mittelalter zusehends in die Geldleihe abgedrängt wurden, konnten sie in Polen im Großen und Ganzen ihre Handels- und Gewerbefreiheit erhalten.
Seit dem spätem 12. Jahrhundert waren Juden als Münzmeister im Dienst verschiedener polnischer Herzöge tätig; im 14. Jahrhundert übertrug König Kasimir dem Juden Lewko aus Krakau die Leitung der Saline in 
Wieliczka
pol. Wieliczka, eng. Wieliczka, pol. Powiat wielicki

Kreis Wieliczka liegt im Woiwodschaft Kleinpolen im südlichen Polen, südlich der Stadtgrenze von Krakau.

; seit dem 15. Jahrhundert amtierten Juden in großer Zahl als Leiter von Zollstellen, v.a. im Südosten des Königreichs. Hinweise auf Juden als Kreditgeber sind erst in der Zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts überliefert, doch schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts traten Juden in den Quellen häufiger als Kreditnehmer (bei Bürgern oder Adeligen) denn als Kreditgeber auf. Allerdings kam es in den großen Städten seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert vermehrt zu Konflikten mit der Bürgerschaft. Zünfte und Kaufmannschaften versuchten, ähnlich wie im
Heiliges Römisches Reich (Deutscher Nation)
eng. Holy Roman Empire, lat. Sacrum Romanum Imperium, lat. Sacrum Imperium Romanum, deu. Heiliges Römisches Reich

Das Heilige Römische Reich war ein politisches Gebilde in Mittel- und Westeuropa, das in der Regel vom Heiligen Römischen Kaiser geführt wurde. Es entstand im frühen Mittelalter und bestand über 800 Jahre lang bis zu seiner Auflösung im Jahr 1806 während der Napoleonischen Kriege.

, den jüdischen Handel und Handwerk einzuschränken, jedoch ohne durchgreifenden Erfolg.
Für die Juden eröffnete sich seit dem 16. Jahrhundert ein weiterer wichtiger Beschäftigungszweig, die sog. Arrende. Dabei ging es im Prinzip um die Pacht von Monopoleinkünften, wie dies seit dem Mittelalter bei Zollstellen praktiziert wurde, nun aber auf breiterer Grundlage, als Pacht von Mühlen, Schenken, Brückenzöllen, Fischteichen etc., bis hin zu ganzen Gutskomplexen. Die Adeligen, denen diese Abgaben zustanden, waren nicht vor Ort ansässig; die jüdischen Arrendatoren fungierten somit nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Repräsentanten der Obrigkeit in der ländlichen Wirtschaft. Juden erfüllten zudem auch zentrale Funktionen als Handwerker und Kaufleute in den Zentren der Gutswirtschaft. Adelige Gutsherren hatten kein Interesse an der Abwanderung ihrer leibeigenen Bauern in die Städte auf ihren Güterkomplexen, sodass Juden dort eine Art „Ersatzbürgertum“ (Jacob Goldberg) bildeten.
Daraus entwickelte sich im späten 17. und 18. Jahrhundert besonders in den südöstlichen Landesteilen 
Polen-Litauen
eng. Polish–Lithuanian Commonwealth, lit. Abiejų Tautų Respublika, pol. Rzeczpospolita Obojga Narodów, deu. Erste Polnische Republik, lat. Respublica Poloniae, pol. Korona Polska i Wielkie Księstwo Litewskie, lat. Res Publica Utriusque Nationis, deu. Republik beider Völker

Bereits 1386 wurden das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen durch eine Personalunion verbunden. Polen-Litauen bestand als multiethnisches Staatsgebilde und Großmacht im östlichen Europa von 1569 bis 1795. In dem auch Rzeczpospolita genannten Staat wurde der König von den Adeligen gewählt.

das sog. „Shtetl“, vor allem kleinstädtische Orte, in denen Juden zwar nicht „unter sich“ waren, aber doch einen solch großen Teil der Bevölkerung stellten, dass man sie nicht länger als „Minderheit“ bezeichnen konnte. Nach einer Zählung im Jahre 1764 betrug die jüdische Bevölkerung in Polen-Litauen 750.000 Personen, was einem Anteil von 6-7% an der Gesamtbevölkerung entsprach. Die jüdische Präsenz in Handel und Handwerk auf dem Lande und in den Kleinstädten illustriert der Ausruf eines preußischen Beamten in den nach 1772 von Polen annektierten Gebieten: „Hier ist es mir zu toll mit allen Juden! Will ich einen Chirurgen haben, kommt ein Jude, einen Tischler, ein Jude, Schlächter, Bäcker Juden, alle möglichen Handwerker sind Juden.“3  Dies war ein unübersehbarer Kontrast zum brandenburgisch-preußischen Kernland, wo nach dem Generaljudenreglement von 1750 nur 162 Juden in Berlin als ordentliche und 63 als außerordentliche Schutzjuden anerkannt wurden. Insgesamt gab es um die Mitte des 18. Jahrhunderts (vor der ersten Teilung Polens) ca. 60.000 Juden in Brandenburg-Preußen, davon lebten aber ca. 90% außerhalb der Schutzbriefregelung, als Gemeinde- oder Hausangestellte bei Schutzjuden oder – überwiegend – in rechtlich marginalen Umständen.
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Für das religiöse und gemeindliche Leben im gesamten aschkenasischen Raum waren im Mittelalter die Zentren im Heiligen Römischen Reich tonangebend. Die Gemeindeordnungen („taqqanot“) der rheinischen „Schum“-Gemeinden hatten bis weit in die Frühe Neuzeit Vorbildcharakter für die Organisation neu entstehender Gemeinden. Im religiösen Bereich strahlte Regensburg im 13. Jahrhundert als Wirkungsstätte von Rabbi Jehuda He-Hasid und der „Frommen von Aschkenas“ bis weit nach Osteuropa hinein aus. Es gibt nur wenige bekannte Rabbiner, die in dieser Zeit in Polen oder der Rusʼ wirkten, doch sehr viele von ihnen standen in intensivem Kontakte mit Regensburg.
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Im Spätmittelalter führten die Vertreibungen in Deutschland zum Erlahmen der alten geistigen Zentren. Der gleichzeitige Aufschwung des Gemeindelebens in Polen ließ die dortigen Städte für jüdische Gelehrte attraktiv werden. Rabbi Meisterlein aus 
Wiener Neustadt
hrv. Bečki Novigrad, hun. Bécsújhely, hrv. Bečko Novo Mjesto

Wiener Neustadt ist die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs und liegt etwa 50 km südlich von Wien im sog. Industrieviertel.

betonte um die Mitte des 15. Jahrhunderts, dass Polen ein „sicherer Hafen“ für die Juden sei. Ebenfalls seit der Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte Krakau eine deutliche Zuwanderung von jüdischen Kaufleuten und Gelehrten vor allem aus Prag. Rabbi Moses Isserles (1520-1570) und sein Werk prägten das jüdische Rechtsdenken im aschkenasischen Raum bis über das Ende der Frühen Neuzeit hinaus. Rabbinische Schulen („Jeshivot“) in Polen zogen zahlreiche Studierende auch aus Deutschland an. Während jüdische Rabbiner aus Polen und Litauen vor allem im Bereich des jüdischen Rechtsdenkens („Halacha“) führend waren, entwickelte sich die jüdische Mystik („Kabbala“) in einem weiteren Rahmen, in dem auch sefardische Gelehrte aus dem Heiligen Land großen Einfluss besaßen.
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Die Verfolgungen im Verlauf des Chmielnicki-Aufstands zwischen 1648 und 1651 verstärkten Endzeiterwartungen in der jüdischen Bevölkerung, nicht nur bei den betroffenen Juden in Polen-Litauen, sondern auch in Deutschland, wie die Memoiren der Glückl von Hameln zeigen. Geschürt wurden diese Vorstellungen durch das Auftreten eines selbsternannten Propheten im Osmanischen Reich: Sabbatai Zwi hatte sich 1648 zum Propheten erklärt und wurde 1655 von Nathan aus Gaza zum Messias ausgerufen. Seine Bewegung fand rasch Anhänger in der ganzen jüdischen Diaspora, bis Zwi vom Osmanischen Sultan verhaftet wurden und zum Islam übertrat. Zwis Ideen rückten die mystische Gotteserfahrung in den Mittelpunkt, während die Befolgung der halachischen Vorschriften für nachrangig erklärt wurde. Seine religiösen Vorstellungen waren zudem pantheistisch geprägt und weckten daher auch Interesse in christlichen Kreisen, wie dem Institutum Judaicum in Halle an der Saale, das in der Folgezeit gezielte Missionsbemühungen in Polen-Litauen unternahm.
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Um die Mitte des 18. Jahrhunderts trat ein neuer selbsternannter Messias in Erscheinung. Jakub Frank aus
Podolien
pol. Podole, ukr. Поділля, eng. Podolia, ukr. Podìllâ, rus. Podolʹe, rus. Подолье, tur. Podolya, ron. Podolia, rus. Podolye, yid. Podolia, yid. פאדאליע, fra. Podolie

Podolien ist eine historische Region in der südwestlichen Ukraine und im Nordosten der Republik Moldau. Im 13. und 14. Jahrhundert war Podolien zwischen diversen ruthenischen Fürstentümern und der Goldenen Horde umkämpft. Im 14. Jahrhundert wurde Podolien Teil von Litauen, wobei der Westen bald zum polnischen Lehnsgebiet wurde. Auch nach der Personalunion von Polen und Litauen 1366 und der Errichtung des gemeinsamen Staates der beiden Länder 1569, war Podolien tatarischen bzw. osmanischen Angriffen ausgesetzt.
Ab 1434 bildete Podolien eine eigene Woiwodschaft. Während des Chmelnyzkyj-Aufstands wurde Podolien weitgehend entvölkert und die staatliche Macht stark geschwächt. Schließlich, während des Osmanisch-Polnischen Kriegs 1672–1676, eroberte das Osmanische Reich Podolien, das allerdings nach 27 Jahren wieder an Polen-Litauen fiel. Seitdem versuchte vor allem Russland das Gebiet der Doppelmonarchie streitig zu machen, und verleibte schließlich 1793 den Großteil Podoliens in der Dritten Teilung Polens ein, während sein westlicher Teil bereits während der Ersten Teilung 1772 teilweise von Österreich besetzt wurde.
1919 fand sich der westliche Teil Podoliens in Polen, während der Rest in der Sowjetunion verblieb. 1941-1944 okkupierte Rumänien ganz Podolien, das später wieder von der Sowjetunion zurückerobert und zwischen die Ukraine und Moldau aufgeteilt wurde.

(Südostpolen) verkündete nach einer Reise ins Osmanische Reich, er sei der Messias. Er erhielt Zulauf aus sabbatianischen Kreisen und verkündete die „Überwindung der Trennlinien“ zwischen den Religionen. Im Jahre 1759 trat er zum Christentum über, wobei der polnische König August III. als Taufpate agierte. Auch nach der Konversion bezeichnete Frank sich aber weiterhin als Messias und wurde daraufhin im Kloster Tschenstochau interniert. Nach der ersten Teilung Polens verließ er das Land und wurde schließlich in Offenbach aufgenommen, wo er bis zum Lebensende 1791 im Isenburger Schloss residierte.
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Bei beiden messianistischen Bewegungen handelte es sich im Grunde um elitäre Kreise, die keine große Breitenwirkung erreichten. Die größte Breitenwirkung unter den frühneuzeitlichen religiösen Strömungen in der polnisch-litauischen Judenheit entwickelte der sog. „Chassidismus“. Der Name selbst knüpfte an ältere Traditionen an, die sich vor allem durch eine asketische Frömmigkeit auszeichneten. Der moderne Chassidismus als gesellschaftliche Bewegung formierte sich erst an der Wende zum 19. Jahrhundert, doch seine Grundlagen gehen auf das Wirken von R. Israel ben Eliezer, genannt „Baal Shem Tov“ [BeShT] zurück. R. Israel wurde um 1700 in der Ukraine geboren und starb nach 1760 in Międzybóż in Podolien. Es gibt nur wenig zeitgenössische Quellen zu seinem Leben; die meisten Informationen sind erst nach seinem Tod überliefert und wurden in den „Geschichten vom Baal Shem Tov“ [Shivhe ha-BeShT] legendär überformt. Für R. Israel ben Eliezer war nicht asketische Weltabgewandtheit (perishut) der Weg, um die Nähe zu Gott zu suchen, sondern das Vertrauen in den Herren (bitahon), der sich durch die Chassidim den Menschen mitteilt. Aus seinen Briefen wie aus den Shivhe ha-BeShT wird deutlich, dass eine Gruppe von Anhängern seine Lehren auch über Międzybóż hinaus bekannt machten.
Im Jahre 1772 kam es zum Bruch zwischen den neuen und den traditionellen Chassidim: R. Elijah ben Salomon Salman (der sog. Gaon von Wilna, häufig mit dem jiddischen Begriff Vilner Gaon bezeichnet) verkündete den Bann gegen die Anhänger des BeShT  und ließ später deren Schriften öffentlich verbrennen. Die Anhänger des Vilner Gaon wurden in der Folge als Mitnagdim („Gegner“) bezeichnet und legten die Grundlagen für die neue jüdische Orthodoxie des 19. Jahrhunderts. Sie wandten sich gegen den neuen Chassidismus ebenso wie gegen Versuche, im Geiste der Aufklärung das Judentum zu reformieren. Der neue Chassidismus prägte ebenso wie die neue Orthodoxie und das Reformjudentum die religiöse Entwicklung des Judentums im 19. Jahrhundert.
Die Ideen der jüdischen Aufklärung (Haskalah) erlangten in Polen-Litauen breite Beachtung im Zuge der Reformdebatten nach der ersten Teilung und besonders im Rahmen des Vierjährigen Reichstags 1788-1792. Unter den jüdischen Publizisten plädierten vor allem die von der Französischen Revolution beeinflussten Reformer wie Zalkind Hurwitz oder Mendel Satanower für eine Aufhebung aller rechtlichen Barrieren zwischen Juden und Nichtjuden – und schlossen dabei mitunter auch die Aufhebung der jüdischen Gemeindeverfassung mit ein.  Die Bevollmächtigten der jüdischen Gemeinden („Shtadlanim“) wiederum stellten den nichtjüdischen Vorstellungen einer „Eingliederung der Juden in die Nation“ die Vision kontraktueller Regelungen gegenüber, die mit durchaus „modernen“ staatswirtschaftlichen Argumenten Problemlösungen anboten und zugleich die herkömmliche Grundlage ständischer Aushandlungsprozesse beibehielten.
Bei den Beratungen des Vierjährigen Reichstags erhielten jetzt auch die Ideen einer radikalen Gleichberechtigung („Emanzipation“) der Juden im Ideenumfeld der Französischen Revolution Gehör. Dominierend in den Debatten waren jedoch eher traditionelle Ansätze: Die Vorschläge der meisten nichtjüdischen Deputierten kreisten um die Zuordnung der Juden zum „städtischen Stand“, wobei das Maß der künftigen politischen Partizipationsmöglichkeiten umstritten blieb. Diesen Autoren schwebte vor, dass sich die Juden an ihre nichtjüdische Umgebung angleichen sollten. Ob dies infolge einer rechtlich-politischen Gleichberechtigung zu erreichen war (z.B. Mateusz Butrymowicz), oder ob eine Gleichberechtigung – wenn überhaupt – erst als Folge gesellschaftlicher, kultureller und möglichst auch religiöser „Assimilation“ erfolgen könne, blieb umstritten. Eine Umsetzung der Reformkonzepte wurde durch die weiteren Teilungen 1793 und 1795 verhindert; in den folgenden Jahrzehnten verfolgte jede der Teilungsmächte eine eigene Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

Siehe auch