Adam Mickiewicz, der polnische Romantiker, Poet, Übersetzer und Journalist, war die meiste Zeit seines Lebens Migrant. Außerdem reiste er zum Vergnügen, zu wissenschaftlichen Zwecken und auf politischer Mission u.a. nach Berlin, Rom, Konstantinopel. Eine Beschreibung der Ortswechsel zeigt eine mobile und transnationale Lebensgeschichte.
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Nach Kindheit, Schule und dem Studium in 
Nawahrudak
pol. Nowogródek, rus. Novogrudok, lit. Naugardukas, rus. Новогрудок, bel. Навагрудак

Die Stadt Nowogródek, belarussisch Nawahrudak, liegt im Westen von Belarus in der Hrodsenskaja Woblasz. Sie ist mit rund 30.000 Einwohner:innen größter Ort des Rajon Nawahrudak.

 (jetzt Nawahrudak in Belarus) und 
Wilna
rus. Вильнюс, rus. Wilnjus, yid. ווילנע, yid. Wilne, bel. Вільня, bel. Wilnja, pol. Wilno

Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Sie liegt im südöstlichen Teil des Landes an der Mündung der namengebenden Vilnia (auch Vilnelė) in die Neris. Wahrscheinlich bereits in der Steinzeit besiedelt, datiert die erste schriftliche Erwähnung auf 1323; Magdeburger Stadtrecht erhielt Vilnius 1387. Von 1569 bis 1795 war Vilnius Hauptstadt des litauischen Großfürstentums in der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Mit der dritten Teilung von Polen-Litauen verlor sie im Russischen Zarenreich diese Funktion. Erst durch die Gründung der Ersten Litauischen Republik 1918 wurde Vilnius kurzzeitig erneut Hauptstadt. Zwischen 1922 und 1940 gehörte Vilnius zur Republik Polen, weshalb Kaunas zur Hauptstadt Litauens ausgebaut wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg war Vilnius bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens 1990 Hauptstadt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Bereits im Mittelalter galt Vilnius als Zentrum der Toleranz. Insbesondere Juden fanden in Vilnius Zuflucht vor Verfolgung, so dass sich Vilnius bald als "Jerusalem des Nordens" einen Namen machte. Nicht zuletzt mit dem Goan von Wilna, Elijah Ben Salomon Salman (1720-1797), war Vilnius eines der bedeutendsten Zentren jüdischer Bildung und Kultur. Bis zur Jahrhundertwende war die größte Bevölkerungsgruppe die jüdische, während laut der ersten Volkszählung im russischen Zarenreich 1897 lediglich 2% der litauischen Bevölkerungsgruppe angehörten. Ab dem 16. Jahrhundert entstanden zahlreiche barocke Kirchen, die der Stadt auch den Beinamen "Rom des Ostens" eintrugen und die bis heute das Stadtbild prägen, während die zahlreichen Synagogen der Stadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Zwischen 1941 und 1944 unterstand die Stadt dem sog. Reichskommissariat Ostland. In dieser Zeit wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet, nur wenige konnten fliehen.

Auch heute noch zeugt die Stadt von einer "phantastische[n] Verschmelzung von Sprachen, Religionen und nationalen Traditionen" (Tomas Venclova) und pflegt ihre vielkulturelle Geschichte und Gegenwart.

 wurde Mickiewicz 1824 wegen seiner Aktivitäten in dem Studentenbund der Philomaten Philomaten Philomaten ("Liebhaber des Wissens") waren in den Jahren 1817 bis zu ihrem Verbot 1823 eine in Vilnius aktive geheime studentische Vereinigung. Zunächst als Gesprächskreis auf die eigene Arbeit bedacht, förderten sie ab 1819 auch den polnisch-nationalen Gedanken eines Kampfes für die Unabhängigkeit. Die Philomaten hatten großen Einfluss auf die Studentenszene und organisierten auch Ableger ihrer Vereinigung wie z.B. die Philareten oder Philadelphisten. 1823 wurden ihre Aktivitäten den russischen Behörden bekannt und 20 Philomaten und Philareten zu Tode verurteilt. nach 
Russland
eng. Russia, rus. Rossija, rus. Россия

Die Russische Föderation ist der größte Flächenstaat der Welt und wird von rund 145 Millionen Menschen bewohnt. Hauptstadt und größte Stadt ist Moskau mit ungefähr 11,5 Millionen Einwohner:innen, gefolgt von Sankt Petersburg mit mehr als 5,3 Millionen Einwohner:innen. Der deutlich überwiegende Teil der Bevölkerung lebt im europäischen Teil Russlands, der dichter besiedelt ist, als der asiatische.

Die Russische Föderation ist seit 1992 Nachfolgestaat der russischen Sowjetrepublik (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, RSFSR), dem mit Abstand größten Teilstaat der ehemaligen Sowjetunion. Sie ist zugleich Rechtsnachfolger der Sowjetunion im Sinne des Völkerrechts.

 verbannt. So begann sein Weg in die Emigration, der ihn zunächst ins Exil nach 
Sankt-Peterburg
rus. Leningrad, deu. Sankt Petersburg, eng. Saint Petersburg, rus. Ленингра́д, rus. Петрогра́д, rus. Petrograd

Sankt Petersburg ist eine Metropole im Nordosten Russlands. In der Stadt wohnen 5,3 Millionen Menschen, was sie nach Moskau zur zweitgrößten des Landes macht. Sie liegt an der Mündung der Newa (Neva) in die Ostsee im Föderationskreis Nordwestrussland. Sankt Petersburg wurde 1703 von Peter dem Großen gegründet und war von 1712 bis 1918 die Hauptstadt Russlands. Von 1914–1924 trug die Stadt den Namen Petrograd, von 1924–1991 den Namen Leningrad.

 führte, von wo aus er Reisen auf die
Krim
lat. Tauris, rus. Крым, rus. Krym, ukr. Крим, ukr. Krym, eng. Crimea

Die Krim ist eine Halbinsel, die das Schwarze Meer vom Asowschen Meer trennt. Sie wird von knapp 2,3 Millionen Menschen bewohnt. Hauptstadt ist Sevastopol. Die Insel wird zum Großteil von russischsprachigen Bevölkerungsgruppen bewohnt. Seit 2014 ist ihr Status völkerrechtlich umstritten.

und nach 
Moskwa
eng. Moscow, deu. Moskau, rus. Москва́

Moskau (russisch Москва́) ist die Hauptstadt Russlands und zugleich größte Stadt des Landes. Mit ungefähr 12,5 Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt des europäischen Kontinents.

 unternahm.
Dem politischen Exil entkommen, ging er auf eine Grand Tour Grand Tour Als Grand Tour bezeichnet man eine Bildungsreise, die junge Adlige und Söhne des reichen Bürgertums seit der Renaissance unternahmen. Die Grand Tour führte meist durch Kontinentaleuropa, teils bis in den Orient, und diente Bildung, Lebenserfahrung und Prestigegewinn des reisenden jungen Mannes gleichermaßen. , die ihn nach Berlin, Dresden, 
Praha
deu. Prag, eng. Prague, lat. Praga

Prag ist die Hauptstadt Tschechiens und wird von ungefähr 1,3 Millionen Menschen bewohnt, was sie auch zur bevölkerungsreichsten Stadt des Landes macht. Sie liegt am Fluß Moldau in der Mitte des Landes im historischen Landesteil Böhmen.

Mariánské Lázně
deu. Marienbad

Marienbad ist eine Stadt mit rund 12.000 Einwohnern im Bezirk Eger (Okres Cheb) in der Karlsbader Region (Karlovarský kraj) im Westen Tschechiens. Der bekannte Kurort, der seit 2021 zum UNESCO-Welterbe der bedeutenden Kurstädte Europas zählt, gehört zum so genannten Westböhmischen Bäderdreieck.

, Weimar über die Schweiz nach Italien führt, wo er einige Zeit in Rom verbrachte und Pompeji erkundete. Mickiewicz erfuhr in Rom von dem Novemberaufstand in 
Kongresspolen
eng. Kingdom of Poland, eng. Congress Poland, deu. Königreich Polen, pol. Królestwo Polskie

Kongresspolen ist die Bezeichnung für das von 1815 bis 1916 unter russischer Oberherrschaft stehende Königreich Polen. Nach den drei Teilungen und der endgültigen Auflösung der alten Adelsrepublik Polen-Litauen (1772, 1793, 1795) hatte zunächst kein polnischer Staat mehr existiert, bis 1807-1815 der napoleonische Satellitenstaat des Herzogtums Warschau eingerichtet wurde. Im Rahmen des Wiener Kongresses (1815) wurde zwar wieder ein polnisches Königreich errichtet. Polnischer König war allerdings in Personalunion der russische Zar und Kaiser.

In der Folge kam es mehrfach zu erfolglosen Aufständen der polnischen Bevölkerung und Elite gegen die russische Oberherrschaft (u. a. Novemberaufstand 1830/1831, Januaraufstand 1863/1864), die allerdings nur zu wachsender Repression, massiven Auswanderungs- und Fluchtwellen (Große Emigration/Wielka Emigracja) und schließlich der auch administrativen Eingliederung in den russischen Staat führten.

Das Bild zeigt eine Karte eines 1871 in Braunschweig publizierten Schulatlas. Hervorgehoben sind die preußische Provinz Preußen sowie (blassrot) Kongresspolen (CC 1.0).

, reiste aber erst im April 1831 ab; zunächst nach Paris und dann über Dresden nach 
Großpolen
lat. Polonia maior, eng. Greater Poland, pol. Wielkopolska

Großpolen ist die Bezeichnung für eine historische Landschaft im Zentrum und Südwesten des heutigen polnischen Staates, die zugleich als historisches Kernland Polens gilt. Im Südwesten grenzt Großpolen an die historische Landschaft Schlesien, im Westen an die historischen Landesteile der Mark Brandenburg, im Norden und Nordosten an Pommerellen und Kujawien. Wichtige Städte sind Poznań (dt. Posen) und Gniezno (dt. Gnesen).
Nachdem Großpolen 1815 als sog. "Großherzogtum Posen" und spätere "Provinz Posen" an Preußen kam, wurde auch die Bezeichnung der Region als "Posener Land" geläufig.

Abgeleitet von der historischen Landschaft sind Name und Ausdehnung der heutigen Woiwodschaft Großpolen, die von ungefähr 3,5 Millionen Menschen bewohnt wird und knapp 33.000 Quadratkilometer groß ist.

 und wieder zurück nach Dresden, wo er den dritten Teil seines Dramas Dziady schrieb. Eine Teilnahme am polnischen Novemberaufstand konnte er durch die lange Reise vermeiden. Gemeinsam mit den Flüchtlingen des niedergeschlagenen Novemberaufstandes kam er 1832 endgültig nach Paris. Dort hatte er bis zu seinem Tod seinen Lebensmittelpunkt – auch wenn er kurzzeitig eine Professur in Lausanne antrat und nach Rom reiste. 1855 reiste er nach
İstanbul
deu. Istanbul, deu. Konstantinopel

Istanbul, vormals Konstantinopel genannt, liegt am Bosporus, der Meerenge die das Schwarze mit dem Marmarameer verbindet und eine Grenze zwischen Europa und Asien darstellt. Ehemals Zentrum des Oströmischen Reiches, wurde es 1453 von den Osmanen erobert. Aufgrund seiner wechselhaften Geschichte und Lage zwischen den Meeren und Kontinenten lebten in der Stadt neben Muslimen vor allem Griechen, Armenier und Juden. Heute ist Istanbul die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei.

, vorgeblich zu Forschungszwecken, in Wirklichkeit aber auf Bitten von Fürst Adam Jerzy Czartoryski, für den er politische Verbindungen in der Türkei knüpfen sollte. Unerwartet starb Mickiewicz nur zwei Monate nach seiner Ankunft in Konstantinopel. So lag auch sein Sterbeort in der Fremde.
Die Biografie Adam Mickiewiczs ist keine neutrale Erzählung von Fakten – die Auswahl und Interpretation der Bedeutung seines Lebens, seiner Entscheidungen, der Orte, an denen er gelebt hat, formen das Bild in der (polnischen) Literaturgeschichte. Lange Zeit war es die Geschichte eines Nationaldichters, der für die polnische Nation lebte, schrieb und starb.1 Ein weiteres Narrativ handelt von dem polyglotten, gebildeten Weltbürger, der von Paris aus Europa für sich einnimmt.2 In den letzten Jahren kommt eine (post-)migrantische, mehrsprachige Darstellung seines Lebens und Schaffens hinzu. Dafür liegt der Fokus besonders auf der Zeit in Paris.
1 Das kulturelle Leben der polnischen Emigrationsgemeinschaft in Paris
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Paris war das Ziel zahlreicher Pol:innen, die nach dem niedergeschlagenen Novemberaufstand 1831 aus dem russischen Teilungsgebiet fliehen mussten. Als Teil der  Großen Emigration Großen Emigration Als Wielka Emigracja (Große Emigration) bezeichnet man die Migrationsbewegung, die zwischen 1831 und 1862 das geteilte Polen aus politischen Gründen verließen. Die Flüchtlinge waren Teilnehmer:innen des Novemberaufstandes (1830/31) und anderer Aufstände. Unter ihnen waren zahlreiche Adelige und Intellektuelle (Zur Großen Emigration siehe auch Hahn 2002).  gelangten sie über Sachsen und Süddeutschland nach Frankreich.3  Unter ihnen waren neben den Soldaten, die im Aufstand kämpften, zahlreiche Adelige, Intellektuelle und Schriftsteller.4 Die wichtigsten Autoren der polnischen Romantik, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński gehörten zu der Emigrantengemeinschaft. 
Die polnischen Veteranen des Aufstandes waren von den politischen Maßnahmen der französischen Regierung stärker betroffen als die polnischen Romantiker, Intellektuellen, Adeligen in Paris. In Frankreich als „terre d’accueil“5 wurden sie als Flüchtlinge oder geflohene Fremde (réfugiés étrangers) zwar aufgenommen, es erwartete sie aber ein Leben in Armut mit vielen Einschränkungen.6 Die Kategorie der réfugiés étrangers entstand als Reaktion auf die Emigrationsbewegung und erlaubte der französischen Regierung, den Aufenthaltsort der Emigrant:innen festzulegen und Hilfe sowie Aufenthaltsrecht damit zu verknüpfen. Allerdings war unklar, wer als réfugié étranger gelten konnte.
Réfugiés/Flüchtlinge ist dabei nicht im modernen Sinne zu verstehen. Sowohl umgangssprachlich als auch politisch und rechtlich handelt es sich um eine unklare Kategorie, die sich auf Glaubensflüchtlinge, Menschen ohne Pass und Fremde generell beziehen konnte.7 Polnische Flüchtlinge waren in diesem Sinne Pol:innen ohne Pass in Frankreich, die zwar finanziell unterstützt, aber auch staatlicher Kontrolle ausgesetzt waren.8
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Polnische Adelige und Intellektuelle, die gute Beziehungen nach Paris hatten, konnten sich dort niederlassen und spürten wenig von den politischen Einschränkungen.9 Mickiewicz gehörte zu der privilegierten, gebildeten Oberschicht, die ein politisches und kulturelles Zentrum für eine polnische Emigrationsgemeinschaft in Frankreich bildeten.10 Dabei war diese Gruppe keinesfalls einheitlich:11 Politisch gab es zumindest zwei Gruppierungen mit gegensätzlichen politischen Positionen. Die Residenz des Fürsten Adam Jerzy Czartoryski, das Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis, wurde zum Treffpunkt konservativer Politik. Progressive und revolutionäre politische Stimmen versammelten sich in der Towarzystwo Demokratyczne Polskie, der Polnischen Demokratischen Gesellschaft, die auch in England aktiv war.12 Das kulturelle Leben wurde durch zahlreiche polnische Institutionen in Paris gefördert. 1832 wurde die Towarzystwo Literackie Polskie (Polnische Literarische Gesellschaft) gegründet. Zentral dafür war auch die heute noch existierende Bibliothèque Polonaise à Paris, in der die Bücher und Schriften der Gesellschaft sowie andere Bestände aufbewahrt wurden und werden.13 Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten die Kinder der Emigrant:innen eine polnische Schule, l’École des Batignolles, in Paris besuchen.14 
Die Emigrant:innen Emigrant:innen Wie bezeichnet man im 19. Jahrhundert Menschen, die aus politischen oder anderen Gründen ihren Herkunftsort verlassen mussten? Ein Blick in historische Wörterbücher zeigt, dass auf Französisch oft das Wort émigrants verwendet wird. Auch auf Polnisch werden vorwiegend die Wörter emigracya, emigrant verwendet, wie ein Blick in Lindes Słownik języka polskiego zeigt: „Emigracya [...] wywędrowanie, wynoszenie się z kraiu, die Emigration, das Auswandern [...] Emigrant, [...] Emigrancik, [...] który się z kraiu wynosi,“ (Linde 1807, 617).  schrieben und publizierten viel. Schon in den 1830er-Jahren eröffnete Aleksander Jełowicki eine polnische Druckerei und Buchhandlung (Drukarnia i Księgarnia Polska), in der zahlreiche Werke der Emigration erschienen, darunter auch die Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego (Bücher des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft, 1832) und Pan Tadeusz (1834) von Adam Mickiewicz. Insgesamt sind im Katalog der polnischen Bibliothek für das Jahr 1838 Bücher zahlreicher Emigranten wie Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki, Leonard Chodźko oder Feliks Wrotnowski verzeichnet.15 Neben Publikationen auf Polnisch veröffentlichten zahlreiche Schriftsteller und Journalisten der Emigration auch auf Französisch. Der französische Verleger Pinard publizierte auch polnische Werke.16 Zahlreiche Periodika wie Le Polonais (1833 bis 1838) oder La Pologne Pittoresque (1835, 1836) erreichten ein polnisches, französisches und internationales Publikum. 17 Adam Mickiewicz gab ab 1849 die Zeitschrift La Tribune des Peuples heraus. Die polnischen Emigrant:innen nahmen trotz der Einschränkungen, die sie als Fremde in Frankreich hatten, am kulturellen und politischen Leben teil, das von Mehrsprachigkeit, Interkulturalität sowie Kulturtransfer geprägt war. Diese Aspekte des Lebens in der Emigration zeigen sich deutlich am Beispiel von Mickiewicz, der in Paris als Migrant lebte und arbeitete.
2 Mickiewicz als Migrant, Mickiewicz als selbsternannter Pilger
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In Paris schrieb Mickiewicz in der Emigration, für die Emigration und über die Emigration auf Polnisch und auf Französisch. In seinen Schriften zeigen sich verschiedene Darstellungen einer migrantischen Identität für sich und andere. Die Mehrsprachigkeit von Adam Mickiewicz ist dabei erst in den letzten Jahren in den Fokus der Mickiewicz-Forschung gerückt.18 Mickiewiczs Sprachbiografie zeigt einen polyglotten, kosmopolitisch gebildeten Mann, der Polnisch und Französisch sprach, Latein und Griechisch beherrschte sowie Deutsch, Englisch, Italienisch und Russisch lernte.19 Vermutlich verstand er auch Weißrussisch und Tschechisch.20 Am Ende seines Lebens lernte er sogar Türkisch.21 In Paris wurde Französisch zu seiner zweiten Sprache im Alltag, im Leben und im Schreiben.22 
 
Französisch ist für Mickiewicz Alltagssprache, Korrespondenzsprache sowie Arbeitssprache für Vorträge, Selbstübersetzungen und Schreibsprache.23 Die Verwendung der französischen Sprache hat für den Emigranten Mickiewicz zahlreiche Funktionen: Sie erlaubte es ihm, den Unterhalt für seine Familie als Professor erst in Lausanne und dann am Collège de France zu verdienen. Sie ermöglichte die Integration in das französische kulturelle und politische Leben. Und sie ermöglichte eine breitere Rezeption und Lesart seiner Werke in der Übersetzung. Gleichzeitig war sie die Brücke zu einer Integration der polnischen Sprache, Literatur und Migranten in die französische Gesellschaft.
Mickiewicz sprach in seinen Vorlesungen über slawische Sprache und Literatur am Collège de France (1840-44) Französisch zu einem französischsprachigen Publikum. Er schrieb literarische Werke – die Dramen Les Confédérés de Bar und Jacques Jasinski (1836) – und journalistische Texte in zahlreichen Zeitungen auf Französisch. In diesen Texten thematisiert er zudem die Emigration, jedoch in einem europäischen Kontext. Im Programm der Tribune des Peuples charakterisierte er die migrierten Fremden als Sprecher für die Freiheit der Völker Europas - er selbst fällt in diese Kategorie.24 In den französischen Schriften von Mickiewicz zeigt sich ein universelles und europäisches Verständnis von Migration.
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Neben der Figur des europäischen Migranten schafft Mickiewicz den polnischen Pilger als Identifikationsfigur für die Emigrant:innen, Pilger wird zu einer Selbstbezeichnung für Mickiewicz und polnische Emigrant:innen, im Gegensatz zur Fremdbezeichung émigrant oder étranger. In den Büchern des polnischen Volkes und der polnischen Pilgerschaft (Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego) - erschienen 1832 in Paris - adressiert er die polnische Emigrationsgemeinschaft und gibt ihnen ein gemeinsames Ziel des Exils vor. Das Buch erscheint anonym und erinnert in seiner Gestalt an ein Gebetbüchlein.25 Die Gattung vermischt politische Schrift mit moralischer und religiöser Literatur. Stilistisch orientiert sich die Sprache an der Bibel und an religiösen Schriften.26 Die Bücher handeln von den Teilungen Polens, der Vertreibung der polnischen Emigrant:innen aus ihrer Heimat sowie den messianischen Aufgaben und Pflichten, die sich aus der Pilgerschaft ergeben.
Mickiewiczs polnische Interpretation der Emigration als Pilgerschaft bietet eine nationale, religiöse Lesart der Exilsituation, die nur eine Phase im Kampf für die politische Freiheit und nationale Unabhängigkeit ist. Weitergeführt wird diese Idee in der Zeitschrift Pielgrzym, an der Mickiewicz als Redakteur beteiligt ist.27  Hier wandelt sich der Kampf der polnischen Pilger für die Freiheit jedoch schon in eine universelle Idee.28 
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Auch die polnischen Pilger nehmen einen europäischen Weg: Die Księgi werden in ihrer französischen Übersetzung von Charles de Montalembert als Livre des pèlerins polonais (1833) von einem französischen und europäischen Publikum gut aufgenommen und schnell in andere Sprachen übersetzt.29 In der Übersetzung wird schließlich auch die Modernität des:r pilgernden Migrant:in in einem europäischen, anstatt nur nationalen Rahmen deutlich. Im Vorwort der Übersetzung von Montalembert heißt es, dass es in der modernen Gesellschaft vielleicht mehr Exilierte, mehr solche Pilger in eine finstere Zukunft streben.30  Die Heimatlosigkeit des modernen Subjekts wird hier angedeutet.
Mickiewicz war sicherlich einer der sichtbarsten polnischen Migrant:innen in Paris. Aufgrund seiner Schriften sowie seiner politischen Arbeit interessierte sich die Öffentlichkeit mehr und mehr für die ‚schweigende Mehrheit‘ der politischen Flüchtlinge nach dem Novemberaufstand. Als polnische Pilger:innen werden sie in eine französische und europäische Zukunftsvision integriert.
4 Fazit: Migrierter Nationalschriftsteller, europäischer Migrant
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Mickiewicz als Migrant, Flüchtling, Pilger sowie Fremder ist als Deutungsnarrativ seines Lebens zu lesen und dabei nicht im heutigen Sinne zu verstehen, sondern als historischer Diskurs. Als Nationalautor wird Adam Mickiewicz meist als Vertreter einer einheitlichen, nationalen, polnischen Literatur gesehen, die ihm zwar zugeschrieben wird, die zu seiner Zeit jedoch noch gar nicht existiert hat. Mickiewicz verbrachte seine Leben im Exil, auf der Reise und in der Emigration. Diese Lebensumstände wirken sich auf sein Leben und Schreiben aus, das nur im Spannungsverhältnis einer transkulturellen Biografie zwischen Nation und Migration erzählt werden kann. Mickiewicz ist  - im Leben wie im Tod – ein europäischer Dichter und globaler Migrant mindestens ebenso sehr wie ein ‚National’schriftsteller.  

Siehe auch