Osteuropa ist ab dem späten 19. Jahrhundert ein ‚Migrationshotspot‘: Erst als Kerngebiet der Übersee-Auswanderung, ab Ende des 1. Weltkriegs der ethnischen Zwangsmigration. Im Kalten Krieg war Emigration fast unmöglich. Heute sind viele Länder der Region Teil des EU-Freizügigkeitsraums.
Text
Jože Krajec wurde 1879 in
Loški Potok
deu. Laserbach

Loški Potok ist eine von knapp 2.000 Einwohnern bewohnte Gemeinde im südöstlichen Slowenien. Die Gemeinde liegt in der Region Dolenjska, ca. 90 km südlich der slowenischen Hauptstadt Ljubljana.

, einem Bergdorf in der habsburgischen 
Krain
ita. Carniola, hun. Krajna, eng. Carniola, slv. Kranjska, slv. Dežela Kranjska

Die Krain ist eine historische Landschaft im südöstlichen Mitteleuropa und gehört heute zu Slowenien. Die Region fiel bereits im Mittelalter an die Habsburger und wurde 1849 österreichisches Kronland. Lediglich in die Zeit der Napoleonischen Kriege fällt eine kurze Phase französischer Herrschaft, in der die Krain eine der sog. Illyrischen Provinzen (1809–1813) wurde.

Nach 1918 wurde die Krain und das weitere Gebiet des heutigen slowenischen Staates Teil des neu gegründeten Königreichs Jugoslawien.

Als Teilregionen der Krain wurden historisch vor allem Oberkrain, Innerkrain und Unterkrain voneinander unterschieden.

 im heutigen 
Slowenien
slv. Slovenija, eng. Slovenia

Slowenien ist ein Staat im südöstlichen Mitteleuropa. Das Gebiet des heutigen Staates kam bereits im Mittelalter in den Besitz der Habsburger und war bis zum Ersten Weltkrieg Teil Österreich-Ungarns, mit einer kurzen Unterbrechung in napoleonischer Zeit. 1918 wurde das heutige Slowenien Teil des neu gegründeten Königreichs Jugoslawien und war nach 1945 als Sozialistische Republik Slowenien Teilstaat des nun sozialistischen Jugoslawiens. Seit 1991 ist Slowenien ein unabhängiger Staat, seit 2004 auch Teil der Europäischen Union.

, geboren. 1893 zog seine Familie ins 
Dolga vas
deu. Grafenfeld, deu. Krapfenfeld

Dolga Vas, dt. Grafenfeld oder Krapfenfeld, ist eine kleine Gemeinde am Rinža Fluss, südöstlich der Stadt Kočevje. Die Gemeinde liegt im ehemaligen Gottscheer Land, einer bis 1941 deutschen Sprachinsel in Slowenien.

 nahe der Stadt 
Kočevje
deu. Gottschee, ita. Cocevie

Gottschee ist eine Stadt und Gemeinde im Süden Sloweniens. Sie liegt in der historischen Region Unterkrain und wird von 16.000 Einwohner:innen bewohnt. Die Stadt war das Zentrum des Gottscheer Landes, einer ehemaligen deutschsprachigen Sprachinsel in Slowenien.

. Wegen der sehr begrenzten Verdienstmöglichkeiten in der Region Gottschee ging Jože Krajec – wie viele andere Habsburger Untertanen, Männer und Frauen – Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach nach Amerika arbeiten, und zwar als Waldarbeiter, eine Beschäftigung, der er auch zu Hause nachging. Seine Emigration war nie von Dauer: Er kehrte immer wieder zurück und zeugte jedes Mal ein Kind, wenn er zu Hause war. Insgesamt hatte er neun Kinder, sieben Töchter und zwei Söhne. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Gottschee nunmehr zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 
Jugoslawien
srp. Југославија, hrv. Jugoslavija, eng. Yugoslavia, slv. Jugoslavija, sqi. Jugosllavia

Jugoslawien war ein südosteuropäischer Staat, der mit Unterbrechungen und in leicht wechselnden Grenzen von 1918 bis 1992 bzw. 2003 existierte. Hauptstadt und größte Stadt des Landes war Belgrad. Historisch unterscheidet man insbesondere zwischen der Zeit des Königreichs Jugoslawien von 1918 bis 1941 (auch 'Erstes Jugoslawien' genannt) und dem kommunistischen Jugoslawien ab 1945 (das sog. 'Zweite Jugoslawien') unter dem diktatorisch regierenden Staatschef Josip Broz Tito (1892-1980). Der Zerfall Jugoslawiens ab 1991 und die Unabhängigkeitsbestrebungen mehrerer Landesteile mündeten schließlich in die Jugoslawienkriege (auch Balkankriege oder postjugoslawische Kriege genannt). Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind heute Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien, der Kosovo und Bosnien und Herzegowina.

 genannt) gehörte, wanderten drei seiner Töchter nach Nordamerika aus. Eine weitere Tochter wurde Nonne und lebte in verschiedenen Klöstern im damaligen Jugoslawien. Die übrigen Kinder blieben zunächst in der Region.
Einer von Jožes Söhnen, ebenfalls Jože genannt, heiratete im Jahr 1934 Frieda Klun aus dem benachbarten 
Livold
deu. Lienfeld, deu. Lilienfeld

Livold ist ein Dorf südöstlich der Stadt Kočevje im südlichen Slowenien. Der für die Region Unterkrain bedeutende Fluss Rinža fließt durch die Gemeinde.

. Während Jožes Muttersprache Slowenisch war, gehörte Frieda zur deutschsprachigen Minderheit in der Gottschee. Als die Region 1941 unter italienische Besatzung kam, wurden die im völkischen Duktus nun als „Volksdeutsche“ bezeichneten deutschsprachigen Gottscheer von den NS-Besatzern „Heim ins Reich“ umgesiedelt, in diesem Fall in die von NS-Deutschland besetzte Untersteiermark. Die Familie Krajec – inzwischen hatten Jože und Frieda zwei Kinder bekommen – schloss sich der Umsiedlung an. Als „völkisch gemischte“ Familie galten sie aber nicht als zuverlässig genug, um die Grenzen des „Großdeutschen Reiches“ gegen das „Slawentum“ zu sichern. Also kamen sie 1943 in das sogenannte „Altreich“, ins ländliche Osthessen. Dort erlebten sie das Ende des Krieges fernab von Bombenkrieg und Kampfhandlungen und ließen sich dauerhaft nieder.
Den übrigen Gottscheer „Volksdeutschen“, darunter Friedas Schwester Anna, erging es weniger gut. Nach Kriegsende 1945 wurden sie von den siegreichen jugoslawischen Partisanen nach 
Österreich
eng. Austria

Österreich ist ein von ungefähr 8,9 Millionen Einwohner:innen bewohntes Land in Mitteleuropa. Hauptstadt des Landes ist Wien.

 vertrieben. Dort lebte Anna einige Jahre in Graz und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Da eine dauerhafte Ansiedlung jedoch unmöglich schien – Österreich bürgerte „volksdeutsche“ Umsiedler und Vertriebene nicht ohne weiteres ein – griff Anna auf das bewährte Mittel der Emigration zurück. Hierbei kam ihr zugute, dass ihr Bruder Alois schon in der Zwischenkriegszeit in die USA ausgewandert war und nun als ihr ‚Sponsor‘ dienen konnte. 1950 emigrierte sie zu ihm nach New York und lebte bis an ihr Lebensende in den USA.
Auswanderung nach Übersee
Text
Diese Einzelschicksale illustrieren einige charakteristische Elemente der Migrationsgeschichte Osteuropas seit Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Osteuropa bezeichnet hier primär den geographischen Raum, der bis 1918 vom 
Österreich-Ungarn
deu. Donaumonarchie, deu. Doppelmonarchie, deu. Habsburgerreich, deu. Habsburgisches Reich, deu. Habsburgermonarchie, hun. Osztrák-Magyar Birodalom, eng. Austria-Hungary, eng. Austrian-Hungarian Monarchy, eng. Austrian-Hungarian Empire

Österreich-Ungarn (ung. Osztrák-Magyar Monarchia), auch als k. u. k. Monarchie bekannt, war ein historischer Staat in Mittel- und Südosteuropa, der von 1867 bis 1918 bestand.

 und dem 
Russisches Kaiserreich
rus. Росси́йская импе́рия, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russländisches Reich, deu. Russländisches Kaiserreich

Das Russische Kaiserreich (auch Russländisches Kaiserreich, Russisches Reich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Einwohner:innen bewohnt.

 (sowie zum Teil auch dem 
Osmanisches Reich
eng. Ottoman Empire, tur. Osmanlı İmparatorluğu, deu. Ottomanisches Reich

Das Osmanische Reich war der Staat der osmanischen Dynastie von ca. 1299 bis 1922. Der Name leitet sich vom Gründer der Dynastie, Osman I., ab. Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs ist die Republik Türkei.

 und dem 
Deutsches Reich
eng. German Reich

Das Deutsche Reich war ein von 1871 bis 1945 existierender Staat in Zentraleuropa. Die Zeit von der Gründung bis 1918 wird als Deutsches Kaiserreich bezeichnet, dann folgte die Zeit der Weimarer Republik (1918/1919-1933) und die des Nationalsozialismus (sogenanntes Drittes Reich) von 1933 bis 1945. Als Tag der Reichsgründung gilt der 01.01.1871.

) beherrscht wurde und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Nationalstaaten zerfiel. Diese geographische Großregion wurde ab den 1880er Jahren zu einem ‚Hotspot‘ der Übersee-Emigration. Bis zum Ersten Weltkrieg gingen z. B. über 3,5 Millionen Bewohner des Habsburgerreiches in die USA – wenn auch, wie das Beispiel von Jože Krajec Senior zeigt, nicht unbedingt für immer. Die Emigration aus dem Habsburgerreich erfolgte vor allem aus armen, landwirtschaftlich geprägten Regionen wie der Krain (Slowenien), 
Galizien
yid. גאַליציע‎, yid. Galitsiye, ron. Halici, ron. Galiția, hun. Halics, hun. Gácsország, hun. Kaliz, hun. Galícia, ces. Halič, slk. Halič, eng. Galicia, rus. Галиция, rus. Galizija, ukr. Галичина, ukr. Halytschyna, pol. Galicja

Galizien ist eine historische Landschaft, die sich heute nahezu vollständig auf dem Gebiet Polens und der Ukraine befindet. Der heute südostpolnische Teil wird dabei üblicherweise als Westgalizien, der westukrainische als Ostgalizien bezeichnet. Vor 1772 gehörte Galizien über Jahrhunderte zur polnisch-litauischen Adelsrepublik, im Anschluss und bis 1918 - als Teil des Kronlandes "Königreich Galizien und Lodomerien" - zum Habsburgerreich.

, der 
Slowakei
slk. Slovensko, eng. Slovakia

Die Slowakei ist ein Staat in Mitteleuropa, welcher von ca. 5,5 Millionen Menschen bewohnt wird. Die Hauptstadt des Landes ist Bratislava (Pressburg). Die Slowakei ist seit 1993 unabhängig. Vorher war sie für mehrere Jahrzehnte Teil der Tschechoslowakei.

Slawonien
hun. Szlavónia, lat. Slavonia, hrv. Slavonija, deu. Slavonien, eng. Slavonia

Slawonien ist eine historische Landschaft im heutigen Osten Kroatiens. Geographisch lässt sie sich sich zwischen Südungarn und Bosnien verordnen. Im Osten grenzt Slawonien an die Donau und die Grenze zu Serbien. Die historische Landschaft wird von ungefähr 860.000 Menschen bewohnt. Osijek ist die größte Stadt Slawoniens.

 und
Dalmatien
ita. Dalmazia, srp. Далмација, hrv. Dalmacija

Dalmatien ist eine historische Region im Süden Kroatiens und westlichen Montenegro. Sie liegt am Adriatischen Meer und wird von ca. 850.000 Menschen bewohnt. Der Großteil Dalmatiens liegt im heutigen Kroatien und ist eine der vier Regionen des Landes.

. Sie war ethnisch so bunt gemischt wie das Reich selbst: Es emigrierten Polen, Ruthenen (Ukrainer), Slowaken, Slowenen, Kroaten, Juden und auch deutschsprachige Untertanen des Kaisers, wie etwa die Gottscheer. Aus dem Russischen Reich emigrierten in dieser Zeit ca. 2,7 Millionen Personen, besonders Angehörige ethnischer Minderheiten aus den westlichen Reichsgebieten. Dies waren vor allem Juden, die von Armut und Pogromen getrieben in großer Zahl in die USA gingen, aber auch Polen und Deutsche. Russen, Ukrainer und Belarussen migrierten hingegen überwiegend innerhalb des Reiches nach Sibirien, welches in Zusammenhang mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn zunehmend erschlossen wurde.
Ethnizität und (Zwangs-)Migration
Text
Ein zweites Motiv, das für die Migrationsgeschichte Osteuropas wichtig ist, ist die Rolle von Ethnizität. Diese entschied oft darüber, wer migrieren durfte bzw. musste. Dass vor allem Juden, Polen und Deutsche Russland verließen, war kein Zufall: Obwohl das Russische Reich seine Untertanen prinzipiell nicht auswandern ließ, ließen die Behörden diese vermeintlich illoyalen Minderheiten ziehen. Auch die Regierung des 1918 wiedererstandenen 
Polen
eng. Poland, pol. Polska

Polen ist ein Staat in Mittelosteuropa und wird von ungefähr 38 Millionen Menschen bewohnt. Das Land ist das sechstgrößte Mitgliedsland der Europäischen Union. Die Hauptstadt und größte Stadt Polens ist Warschau. Polen setzt sich aus 16 Woiwodschaften zusammen. Der größte Fluß des Landes ist die Weichsel (poln. Wisła).

 förderte etwa die Abwanderung ihrer jüdischen Bürger, um im Sinne einer „Ethno-Demographie“ den Anteil der katholischen Polen an der Bevölkerung zu stärken. Die USA verhängten wiederum in den 1920er-Jahren Einwanderungsbeschränkungen für osteuropäische Staaten vor dem Hintergrund stereotyper Vorstellungen über die vermeintliche Rückständigkeit und Armut der dort lebenden ethnokulturellen Gruppen, vor allem der Juden.
Text
Ethnizität war dann aber vor allem auch die Grundlage vieler Zwangsmigrationen in der Region im Laufe des 20. Jahrhunderts. Ab 1938 unternahm NS-Deutschland eine massive ‘ethnische Flurbereinigung‘ als Teil seiner imperialen Expansion. „Volksdeutsche“ Minderheiten wie die Gottscheer, aber auch die Baltendeutschen und Bessarabiendeutschen wurden u. a. aus ihren Heimatregionen aus- und anderswo neu angesiedelt. Für die Gottscheer ging es in die Untersteiermark; für die meisten anderen „Volksdeutschen“ war das Ziel der sogenannte
Wartheland
pol. Okręg Warcki, pol. Okręg Rzeszy Kraj Warty, deu. Warthegau, deu. Reichsgau Posen, eng. Reichsgau Wartheland

Der Reichsgau Wartheland, auch bekannt als Warthegau, war ein nationalsozialistischer Verwaltungsbezirk im besetzten Polen, der von 1939 bis 1945 bestand. Der Reichsgau war in größeren Teilen deckungsgleich mit der historischen Landschaft Großpolen und hatte 4,5 Millionen Einwohner:innen. Hauptstadt war das heutige Poznań, dt. Posen.

Die fast sechsjährige Besatzungszeit war geprägt durch die brutale Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung einerseits und der gezielten Neuansiedlung deutschsprachiger Bevölkerungsteile andererseits.

Bild: „Karte der Verwaltungseinteilung der deutschen Ostgebiete und des Generalgouvernements der besetzten polnischen Gebiete nach dem Stand vom März 1940“, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Kartensammlung, Inv.-Nr. K 32 II L 43. bearbeitet von Copernico (2022). CC0 1.0.

, also das besetzte Polen. Umsiedlung bedeutete aber auch stets Verdrängung: Um Platz für die Gottscheer zu machen, wurden Slowenen vertrieben; um Umsiedler im Warthegau unterzubringen, wurden Polen vertrieben; um diese Polen unterzubringen, wurden wiederum Juden vertrieben. Der Historiker Götz Aly (1995) sieht in diesem „Domino“ von Vertreibungen eine der Triebkräfte für den Holocaust. 
Das ‚ethnische Domino‘ fiel nach dem Krieg weiter: Nunmehr wurden die vorher privilegierten Deutschen von den erneut souveränen Nationalstaaten und mit alliierter Billigung vertrieben. Diese „Entwirrung der Bevölkerungsgruppen“ (disentanglement of populations), wie Winston Churchill es nannte, war nicht nur auf die Deutschen beschränkt. Sie betraf z. B. auch die ethnischen Polen aus den nunmehr sowjetischen polnischen Ostgebieten, die ihrerseits in den ehemaligen deutschen Ostgebieten angesiedelt wurden. Das einst durch seine ethnische Vielfalt charakterisierte Osteuropa wurde so gewaltsam „entmischt“ mit dem Ziel, möglichst homogene Nationalstaaten zu schaffen.
Die NS-Besatzer hatten aber auch Millionen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft als Zwangsarbeiter verschleppt. Nach dem Krieg befanden sich viele von ihnen im Deutschen Reich. Die, die nicht in ihre Heimatländer zurückgingen, kamen als sogenannte Displaced Persons (DPs) unter die Obhut der internationalen Gemeinschaft. Unter den DPs fanden sich viele jüdische Überlebende der Konzentrationslager, aber auch osteuropäische NS-Kollaborateure, die vor den nun kommunistischen Regimen flohen. Das „resettlement“ all dieser Menschen zog sich über Jahre hin, da kaum ein Land sie bereitwillig aufnahm. Die Institutionen des Internationalen Migrations- und Fluchtmanagements, die noch heute bestehen, entstanden im Kontext der Bewältigung dieser damaligen ‚Flüchtlingskrise‘. Migration aus Osteuropa erhielt so globale Bedeutung.
Migration und erzwungene Nicht-Migration
Text
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Phase in der Migrationsgeschichte Osteuropas. War die Region bis dahin vor allem durch Abwanderung geprägt gewesen, folgte Ende der 1940er Jahre dann im Zuge der Stalinisierung in fast allen Ländern Osteuropas – Jugoslawien war die einzige Ausnahme – ein Wandel hin zu einem strikten Migrationsregime, das legale Ausreisen fast unmöglich machte. Auf mehrere Jahrzehnte ökonomisch motivierter Emigrationen und eine Dekade von Zwangsmigrationen folgte also die erzwungene Nicht-Migration im staatssozialistischen Migrationsregime. Das populäre Stichwort lautet hier „Eiserner Vorhang“, der die Menschen administrativ und physisch an der Ausreise hinderte.
Doch auch hier war Ethnizität wieder von Bedeutung, denn Ausnahmen von diesem strikten Ausreiseverbot wurden, wenn überhaupt, für ethnische Minderheiten gemacht. In Ländern wie Polen, 
Rumänien
ron. România, eng. Romania

Rumänien ist ein von knapp 20 Millionen Menschen bewohntes Land in Südosteuropa. Die Hauptstadt des Landes ist Bukarest. Der Staat liegt direkt am Schwarzen Meer, den Karpaten und grenzt an Bulgarien, Serbien, Ungarn, die Ukraine und Moldau. Rumänien entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Moldau und der Walachei. In Rumänien liegt das für die dortige deutsche Minderheit zentrale Gebiet Siebenbürgen.

 und der 
Sowjetunion
eng. Soviet Union, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR, Russisch: Союз Советских Социалистических Республик (СССР) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Die UdSSR wurde von ungefähr 290 Millionen Menschen bewohnt und bildete mit ca. 22,5 Millionen Quadratkilometern den größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem.

waren dies vor allem Deutsche und Juden. Sie konnten Aufnahme in ihren „ethnischen Heimatländern“ Deutschland (meistens West-, manchmal auch Ostdeutschland) bzw. dem 1948 gegründeten Israel finden. Diese sogenannte ko-ethnische Migration war eine Art des „disentanglement“ mit anderen Mitteln. Emigration geschah meist im Rahmen von Familienzusammenführung, wobei dieser Begriff recht flexibel ausgelegt wurde: In Zeiten der Restriktion waren auch nahe Verwandte im Ausland kein hinreichender Grund, um eine Ausreisegenehmigung zu bekommen; in Zeiten der Offenheit war Familienzusammenführung auch möglich, wenn gar keine Verwandten im Ausland lebten, wie der Historiker Dariusz Stola am Beispiel Polens gezeigt hat. Die jenseits der Grenzen liegende Bezugsnation der ethnischen Minderheit wurde gewissermaßen zur „Ersatzfamilie“.
Text
Ko-ethnische Migration war während der Jahrzehnte des Kalten Krieges die wichtigste legale Möglichkeit, Osteuropa zu verlassen. Die Ausnahme war Jugoslawien, das seine Bürger frei ausreisen ließ. Hunderttausende Jugoslawinnen und Jugoslawen gingen daraufhin als „Gastarbeiter“ nach West- und Nordeuropa und blieben häufig auch dort. Emigration aus den anderen Staaten wurde erst im Zuge der Reformen ab Mitte der 1980er-Jahre zu einem Massenphänomen. Auch jetzt waren es vor allem Angehörige ethnischer Minderheiten, die gingen, nicht zuletzt weil sie es waren, die leicht Aufnahme im Westen finden konnten: Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland, Juden in Israel, den USA und ebenfalls in Deutschland, das sie ab 1991 als sogenannte “Kontingentflüchtlinge“ “Kontingentflüchtlinge“ Als Kontingentflüchtlinge bezeichnet man Menschen, die ihren Flüchtlingsstatus nicht durch ein individuelles Verfahren erhalten, sondern durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe, von der eine bestimmte Anzahl aus humanitären Gründen aufgenommen wird. aufnahm.
Migration nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“
Text
Diese Millionen von Emigranten der Spätphase des Sozialismus bzw. der frühen Phase der Transformationszeit bedeuteten eine Wiederaufnahme der Tradition von Ost-West-Migration, die durch den „Eisernen Vorhang“ weitgehend unterbrochen worden war. Freilich kamen sofort auch alte xenophobe Reflexe der westlichen Staaten und Gesellschaften zum Vorschein. Ko-ethnische Migranten wurden aufgenommen, ansonsten verbreite sich aber die Furcht vor Massenzuwanderung aus Osteuropa. Im Kontext des EU-Beitritts der meisten osteuropäischen Staaten 2004 war Migration ein besonders sensibles Thema, da EU-Bürger eigentlich Freizügigkeit im ganzen Unionsgebiet genießen. Länder wie Deutschland nahmen sich das Recht, während einer Übergangsfrist von sieben Jahren den osteuropäischen Neubürgern die Freizügigkeit zu verwehren. Viele von ihnen, besonders Polen, gingen daher nach Großbritannien und Irland, wo sie freien Zugang hatten. Inzwischen hat die Emigration aus (fast) allen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten Massencharakter angenommen, aus Polen genau wie aus den Baltischen Staaten, 
Ungarn
hun. Magyarország, eng. Hungary

Ungarn ist ein Staat in Mitteleuropa, dessen Hauptstadt Budapest ist. Das Land wird von ungefähr 10 Millionen Menschen bewohnt und war für mehrere Jahrhunderte Teil des sogenannten Habsburgerreich. Ungarn gehört seit dem 01.05.2004 der Europäischen Union an. Der größte Fluss des Landes ist die Donau.

, Rumänien und 
Bulgarien
eng. Bulgaria, bul. Bŭlgariya, bul. България

Bulgarien ist ein südosteuropäischer Staat und wird von ungefähr 7 Millionen Menschen bewohnt. Sofia ist die Hauptstadt der Republik und größte Stadt des Landes. Bulgarien liegt am Schwarzen Meer im östlichen Teil der Balkanhalbinsel. Zu den größten Flüssen des Landes gehören die Donau und Mariza.

. Für die Brexit-Kampagne war die Freizügigkeit der Ost- und Südosteuropäer wiederum ein zentrales Motiv, die EU zu verlassen.
Binnenmigration und Deportation in der Sowjetunion
Text
Während Migration oft nur als grenzüberschreitende Bewegung von Menschen diskutiert wird, verweist das Beispiel Osteuropas abschließend auch auf die Bedeutung von Binnenmigration. Russland bzw. die Sowjetunion ist hier ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Dies galt, wie erwähnt, schon vor dem Ersten Weltkrieg für die Besiedlung Sibiriens. Die Industrialisierung des Landes durch die Sowjetmacht sorgte dann in den 1920er- und 1930er-Jahren für massive Bevölkerungsbewegungen. Zugleich tat sich das Sowjetregime auch bald als einer der Hauptverursacher von Zwangsmigrationen hervor. Die Deportation zunächst von „Klassenfeinden“ (z.B. den “Kulaken“ “Kulaken“ Kulak ist eine russischsprachige Bezeichnung für einen Großbauern, die in der Sowjetunion abwertend belegt, aber nie klar definiert war. Viele vergleichsweise wohlhabende oder auch nur selbstständige Bauern wurden im Stalinismus als Kulaken und somit „Klassenfeinde“ ermordet oder in Straflager verschleppt. genannten Großbauern), zunehmend aber auch von ganzen ethnischen Gruppen (wie Koreanern, Wolgadeutschen, Tschetschenen, Griechen, Krimtataren u. v. a.) nach Sibirien war charakteristisch für die Zeit bis zum Ende des “Stalinismus“ “Stalinismus“ Als Stalinismus bezeichnet man die unter Stalin praktizierte Form des Sozialismus/Kommunismus, die durch besondere Härte gegenüber politischen Gegnern und Verdächtigten, Zwangskollektivierung und Industrialisierung gekennzeichnet ist. . Danach konnten viele dieser Menschen nicht in ihre Heimatgebiete zurückkehren, sondern ließen sich in den „Neulandgebieten“ Kasachstans sowie in den anderen zentralasiatischen Republiken nieder. Nach der Unabhängigkeit dieser Republiken 1991 kam es auch hier zu einer Art ‚Entmischungsmigration‘.

Siehe auch