Migrationsgeschichten können Erfolgsgeschichten sein. Oftmals ist eine Migration verbunden mit dem Wunsch, die eigene Lebenssituation zu verbessern. Dieser Wunsch geht aber nicht immer in Erfüllung und so sind Migrationsgeschichten vielfach deshalb auch von Enttäuschungen und Misserfolgen geprägt – wie die des Michael Kreutzers.
I. Michael Kreutzer - ein deutscher Müller an der Kölesder Mühle
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Die Geschichte Michael Kreutzers spielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in dem ungarischen Dorf 
Kölesd
deu. Kelesch

Das Dorf Kölesd, früher ein Marktflecken im Komitat Tolna, liegt am rechten Ufer des Flusses Sió rund 150 km südlich von Budapest. Heute wird der Ort von rund 1.500 Menschen bewohnt.

 im  Komitat Komitat Komitat, im Ungarischen „megye“, ist die Bezeichnung für einen ungarischen Verwaltungsbezirk, von denen es im heutigen Ungarn 19 Stück gibt. Eingeführt von König Stephan I., bestehen die Komitate als Institution seit dem 11. Jahrhundert ununterbrochen, auch wenn sich ihre Form mit der Zeit gewandelt hat.  
hun. Tolna vármegye, deu. Komitat Tolnau, lat. Comitatus Tolnensis

Das Komitat Tolna war ein Verwaltungsbezirk im Westen des ehemaligen Königreichs Ungarn und bestand (mit einer hundertfünfzigjährigen Unterbrechung) vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Sitz des Komitats war anfangs Tolnavár, später Szekszárd.

Auch im heutigen Ungarn gibt es wieder ein Komitat Tolna mit einer Bevölkerung von über 223.000 Einwohner:innen, Sitz ist erneut Szekszárd.

. Dort war der deutsche Müller ab 1768 an der herrschaftlichen Mühle beschäftigt. Vier Dokumente, zu finden in den Herrenstuhlakten Herrenstuhlakten Herrenstuhlakten Als Herrenstühle bezeichnet man die niederen Gerichte, die die Grundherren für ihre Leibeigenen zu betreiben hatten. Herrenstuhlakten sind demnach die Dokumente, welche während dieser Verfahren entstanden sind. der Grafenfamilie Apponyi im Komitatsarchiv in 
Szekszárd
deu. Seksard, deu. Sechsard, deu. Sechshard

Szekszárd ist eine Kreisstadt im Südwesten Ungarns mit über 33.000 Einwohnern. Die Stadt ist zugleich Sitz des Komitats Tolna, einem Verwaltungsbezirk, dessen Geschichte - mit Unterbrechungen - bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht.

, berichten von den Ereignissen, die ihm bis 1770 widerfahren sind: der Vertrag („Contract“) von 1769, ein deutscher Brief und ein ungarischer Brief von 1770 wie auch eine Reparaturliste.
Anhand der Quellen lässt sich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben des Müllers rekonstruieren. Unklar bleibt, wer Michael Kreutzer war, woher er kam und seit wann er in Ungarn lebte. Sicher ist zumindest, dass er seit Frühjahr 1768 als Müller in 
Kölesd
deu. Kelesch

Das Dorf Kölesd, früher ein Marktflecken im Komitat Tolna, liegt am rechten Ufer des Flusses Sió rund 150 km südlich von Budapest. Heute wird der Ort von rund 1.500 Menschen bewohnt.

 angestellt war. Im Vertrag von 1769 heißt es dazu: „der zu Köllesd auf der Herrschaftlichen Mühl schon gegen ein Jahr lang gestandene Ehrsame Mühler-Meister Michael Kreutzer auf das Neue angenohmm worden“.
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In dem Vertrag werden nun in neun Punkten sowohl die Rechte und Hilfen, die der Müller von den Herren zugestanden bekommen hatte, als auch die Pflichten und Leistungen, die er selbst zu erbringen hatte, aufgezählt. Bei der Mühle handelte es sich um eine herrschaftliche Wassermühle, d.h. sie gehörte dem Grundherrn und befand sich am Sárvíz.  Hauptsächlich wurde in der Mühle das Getreide des Grundherrn gemahlen. Gegen eine Gebühr, die sogenannte Maut, konnten jedoch auch die Bewohner Kölesds sowie Fremde dort ihr Getreide mahlen lassen:

Drittens soll er denen Leuthen, so wohl hiesigen, als auch frembden stetts gutes, und geniessehdes mehl mahlen […].

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Dabei hatte der Müller einiges zu beachten: Das Mehl musste er frisch mahlen, wenn die Leute zu ihm in die Mühle kamen und er musste immer die Mautgebühren einfordern, auch von Freunden. Selbstverständlich drohte ihm eine Strafe, wenn er das Getreide des Gutsherrn mit einer Maut versah. Bestraft wurde er auch, wenn er Mehl zu einem niedrigeren Preis verkaufte oder wenn er Geschenke annahm. Der Müller war weiterhin dazu verpflichtet, alle Arbeiten an der Mühle selbst zu erledigen und Werkzeuge dafür herzustellen. Zu achten hatte er außerdem auf die Mühlsteine, die er selbst schärfen sollte, bis sie abgenützt waren. Dann sollte er „nicht auf die lezte Stund wahrten, sondern bey zeiten, anbehörigen Orth anzeigen“, dass er neue Steine brauchte. Zum fünften Punkt gehört auch, dass der Müller zu jeder Zeit seine Helfer in der Mühle beaufsichtigen sollte, da er, wenn das Mehl nicht richtig gemahlen war, selbst dafür verantwortlich gemacht wurde:

Auf […] Knechte, und Jungen, soll er ein ahgestes Aug über sie halten, und sich nicht gänzlich auf Sie verlassen, sondern über alles bey Tag, und Nacht, […]  gute obsicht hegen. Den wen das Mehl verdorben, und nicht authendisch gemahlen wird, Mann den Meister selbst zur bezeigung aufziehen will.

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Er sollte immer bemüht sein, wenn vom Getreide etwas verloren ging, jedem trotzdem seinen Teil zuzustellen, bei Veruntreuung drohte ihm eine Strafe. Wenn er sich nicht an den Vertrag hielt, konnte er aus der Mühle geworfen werden. Unterzeichnet wurde der Vertrag von Seiten des Gutsherrn von István Nagy, der als Praefectus bezeichnet wird. Sein Name ist in mehreren Quellen des Jahres 1770 desselben Bestands zu finden. 
Michael Kreutzer war also 1768 als Müller angestellt worden, hatte seine Arbeit wahrscheinlich gewissenhaft erfüllt und hatte deshalb einen Folgevertrag für 1769 erhalten. Im Jahr 1769 scheint das Glück den Müller dann verlassen zu haben, wie zwei Briefe aus dem Jahr 1770 belegen: Der deutsche Brief ist direkt an den Gutsherrn gerichtet, wohingegen der ungarische Brief allgemeiner an die ungarischen Herren adressiert wurde und nach dem deutschen Brief entstanden sein muss.
In dem deutschen Brief berichtet der Müller von den Plänen des Gutsherrn, ihn aus der Mühle zu werfen, da er nicht genügend Einkünfte erbracht hatte. Der Müller nennt für seinen Misserfolg mehrere Gründe: Zum einen musste er die Mühle, die sein Vorgänger verwahrlost hinterlassen hatte, wieder Instand setzen. Die Ausgaben bezahlte er von seinen eigenen Ersparnissen. Für den Fall, dass man ihm nicht glaube, dass er und seine Gesellen unermüdlich gearbeitet hätten, könne er auch ungarische Zeugen nennen, die dies bestätigen würden. Zum anderen hatte ihm und seinen Knechten das Wetter zugesetzt. Die Sommerhitze hatte die Flüsse ausgetrocknet, wodurch kein Mehl gemahlen werden konnte. Helfer für die Mühle hatte er auch nicht ausreichend finden können:  zuerst durch eine langwierige „Viehschwachheit“ und auch später im Winter und bei Regen, da die Leute keinen Unterstand für ihr Vieh gehabt hätten. Deshalb bittet Kreutzer zum Schluss, ihn und seine Familie nicht im Winter aus der Mühle zu werfen, sondern das Urteil zu prüfen und zu revidieren.
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Was der Müller hier schildert, ist durchaus möglich gewesen. Kölesd liegt direkt neben dem Sió-Kanal und dem Sárvíz. Der Sió-Kanal ist schon von den Römern gebaut worden, eigentlich um die sumpfigen Gebiete an der Donau zu entwässern. So wurde das Wasser in den Balaton umgeleitet. Später wurde der Lauf immer wieder künstlich verändert oder abgeflacht, um Überschwemmungen zu verursachen und so Befestigungsanlagen zu sichern. Auch vor Mühlen wurden Staudämme errichtet. Im 18. Jahrhundert konnte der Kanal, da er zu flach war, den Wasserpegel des Balatons nicht mehr regulieren. Vor allem bei starken Regenfällen kam es immer wieder zu Überschwemmungen, die enorme Schäden an Gebäuden und auf den Feldern anrichteten. Im Sommer hingegen sank der Wasserpegel derart, dass der Sárvíz nicht genügend Wasser führte, um das Mühlrad anzutreiben, sodass auch kein Mehl gemahlen werden konnte.
Das Problem des Müllers war allerdings, dass das die ungarischen Verwalter nicht interessierte. Kölesd hatte als Marktflecken auch die umliegenden Ortschaften mit Mehl zu versorgen. Eine Mühle, in der man kein Mehl mahlte, war nicht rentabel. Kreutzer hatte deshalb mit seiner Familie bis zum Tag des Heiligen Georg (23. April 1770) die Mühle zu verlassen, da die Verwalter auch schon einen neuen Müller angestellt hatten. Bereits einen Monat vorher jedoch, so schreibt der Müller in dem ungarischen Brief, sei er mit seiner Familie aus der Mühle entfernt worden. Seitdem könne er sein Brot nur durch Betteln verdienen. Kreutzer trat Ende des Jahres 1769 oder zu Beginn des Jahres 1770 vor die Gutsverwalter mit einer Liste, die alle Reparaturen an der Mühle und die Ausgaben dafür aufzählte, und bat sie, seine Mühen und verrichtete Arbeit zu entlohnen. Allerdings ließen sich die Gutsverwalter nicht mehr umstimmen. Damit endet die Geschichte um den deutschen Müller und seine Familie, deren weiteres Schicksal nicht bekannt ist, da in den Herrenstuhlakten der Apponyis diesbezüglich keine Unterlagen zu finden sind.
II. Historischer Hintergrund

So wie die Ansiedler aus verschiedenen Ländern und Provinzen kommen, ebenso bringen sie auch verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene lehrreiche Dinge und Waffen mit sich, welche den königlichen Hof zieren und verherrlichen, die auswärtigen Mächte aber erschrecken. Ein Land, das nur einerlei Sprache und einerlei Sitten hat, ist schwach und gebrechlich.

Corpus Iuris Hungarici 1000–1526
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So formulierte der erste ungarische König Stephan I. ca. 1030 n.Chr. eine Mahnung an seinen Sohn. Mit seiner Frau Gisela waren um 1000 n. Chr. die ersten Deutschen als Siedler in das ungarische Königreich gekommen. Damit begann eine lange Tradition der Ansiedlung, welche Stephans Nachfolger über Jahrhunderte fortführten sollten. Besonders die Habsburger versuchten im 18. Jahrhundert nach dem Frieden von Karlowitz Frieden von Karlowitz Der am 26. Januar 1699 geschlossene Friede von Karlowitz beendete den 'Großen Türkenkrieg' zwischen dem Osmanischen Reich auf der einen und der so genannten 'Heiligen Liga' zwischen dem Heiligen Römischen Reich, Polen, der Republik Venedig, dem Kirchenstaat sowie Russland auf der anderen Seite.  Der 'Große Türkenkrieg' dauerte von 1683 bis 1699 und beendete die seit 1526 bestehende Dreiteilung Ungarns zugunsten des Habsburgerreiches. 1699 die zurückgewonnen, aber oft auch entvölkerten Gebiete wieder zu besiedeln, was in besonderem Maße für das Banat galt. Dabei hatte nicht nur der Wiener Hof ein Interesse daran, neue Siedler zu gewinnen: Auch ungarische Adlige begannen Deutsche auf ihren Gütern eigenständig an-, bzw. abzuwerben. So lebten bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts ca. eine Millionen Deutsche im Königreich, „was ca. 10,64% der ungarischen Gesamtbevölkerung entsprach.“1 In bestimmten Gebieten, wie dem 
Banat
ron. Banat, hun. Bánság, srp. Банат, eng. Banat, hrv. Banat, srp. Banat

Das Banat ist eine im südöstlichen Europa liegende historische Landschaft, die in den Staaten Serbien, Ungarn und Rumänien liegt. Die Region liegt zwischen den Flüssen Donau, Marosch und Theiß, sowie einem südlichen Teil der Karpaten und der Tiefenebene Ungarns. Die größte Stadt des Banats ist Timișoara in Rumänien.

, der 
Batschka
. Бачка, slk. Báčka, hun. Bácska, srp. Бачка, srp. Bačka, hrv. Bačka, eng. Bačka
 oder im Komitat Tolna ist die Zahl der deutschen Bevölkerung aber deutlich höher gewesen.
Bei der Ansiedlung spielten auch konfessionelle Interessen eine Rolle: So entschied sich etwa Graf Sándor Károlyi, größter Gutsherr im Komitat Szatmár in Nordostungarn, überwiegend katholische Bauernfamilien aus Schwaben und Franken anzusiedeln, um die katholische Bevölkerung in seinem Gebiet zu stärken. Obgleich Ungarn am Ende des 16. Jahrhundert „ein mehrheitlich protestantisches Land gewesen“2 war, wechselten die wohlhabenderen Adligen, die ihre Stellung bei den Habsburgern aufwerten wollten, im 17. Jahrhundert zurück zum Katholizismus. Ihre Untertanen blieben jedoch oftmals protestantisch, was zu vielen Konflikten führte.
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Andere Adlige hingegen suchten nach Siedlern, die in die vorhandenen Dörfer aufgrund ihrer Konfession einfach eingegliedert werden konnten, wie Graf Claudius Florimund de Mercy im Komitat Tolna in Südtransdanubien. Dort war die Zahl der Bevölkerung stark zurückgegangen, denn das Komitat war nach der Niederlage der ungarischen Krone bei Móhacs 1526 für mehr als ein Jahrhundert Durchmarschgebiet der osmanischen Truppen in Richtung 
Buda
deu. Ofen

Ofen (ungarisch Buda), heute Teil der ungarischen Hauptstadt Budapest, war bis 1873 eine selbständige Stadt. Sie bildete sich ab dem 13. Jahrhundert am rechten Donauufer an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen. Bis zur Eroberung durch das Osmanische Reich 1541 war sie Hauptstadt des Königreichs Ungarn.

 und 
Wien
eng. Vienna

Wien ist die Bundeshauptstadt und politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Österreichs. Allein im Stadtgebiet leben rund 1,9 Millionen Einwohner:innen und damit ein Fünftel der Landesbevölkerung, im Großraum insgesamt sogar ein Drittel aller Österreicher:innen. Historisch bedeutend ist Wien insbesondere als Hauptstadt und mit Abstand wichtigste Residenzstadt der ehemaligen Habsburgermonarchie.

 gewesen. Graf Mercy hatte das Gebiet 1722 schließlich erworben und seinem Adoptivsohn Antoine Mercy d‘Argenteau als seinem Erben die Aufgabe gegeben, die Ländereien in Tolna wieder zu besiedeln. Er begann 1724 deshalb eine eigene Siedlungspolitik, indem er seine Agenten unter anderem ins Römische Reich nach Hessen-Nassau und Darmstadt schickte und dort protestantische Siedler anwerben ließ.
Dabei lockte man die Siedler vor allem durch die Zusicherung der Religionsfreiheit und die sichere Lage des Komitats, das nicht wie das Banat an der Grenze zum 
Osmanisches Reich
eng. Ottoman Empire, tur. Osmanlı İmparatorluğu, deu. Ottomanisches Reich

Das Osmanische Reich war der Staat der osmanischen Dynastie von ca. 1299 bis 1922. Der Name leitet sich vom Gründer der Dynastie, Osman I., ab. Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs ist die Republik Türkei.

 lag. Hilfreich erwies sich auch, dass die Donau durch das Komitat und die Gebiete Mercys floss. So wurden in Dunaföldvár und Paks Anlegestellen geschaffen, an denen die Familien auf dem Weg ins Banat abgefangen und dann in die ungarischen Ortschaften gebracht wurden. Nicht immer verlief die Ansiedlung allerdings reibungslos: Die überwiegend lutheranischen Siedler, die 1724 ankamen, wollten nicht mit der dortigen ungarisch reformierten Bevölkerung zusammenleben, sodass sie ins benachbarte 
Kistormás
deu. Kleindarmisch, deu. Klaadarmisch

Kistormás ist ein Dorf im Komitat Tolna im Südwesten Ungarns. In der Frühen Neuzeit wurden hier gezielt deutschsprachige Bevölkerungsteile angesiedelt, die aus dem hessischen Raum stammten. Heute hat das Dorf etwas mehr als 300 Einwohner.

 zogen, um dort in einer homogen lutherisch-deutschen Gemeinschaft zu leben. Später gelang es trotzdem andere lutherische Siedler in Kölesd anzusiedeln, sodass dort eine sowohl sprachlich als auch religiös heterogene Gemeinschaft entstand. Lebten in Kölesd 1720 einer Zählung des Gutsherren zufolge lediglich 30 Bewohner, war ihre Zahl bereits bis 1752 auf 598 angestiegen.3 In der Folge kam es zu einem wirtschaftlichen Aufstieg des Ortes, der nun sogar den Rang eines Marktfleckens besaß. In den 1760er Jahren ließ Graf Mercy d‘Argenteau dann auch die Abgaben der Siedler vertraglich erhöhen, was zu Aufständen führte. 1778 verkaufte Florimund Claude Mercy d‘Argenteau, der Sohn von Antoine, der als Botschafter eingesetzt war und sich deshalb nicht mehr um das Gut kümmern konnte, zwanzig Ortschaften, darunter Kölesd, an den ungarischen Grafen Antal György Apponyi. In seinen Besitz gelangten dadurch nicht nur die Dörfer, sondern auch die Herrenstuhlakten seines Vorgängers, die zahlreiche kleine Migrationsgeschichten erzählen.
III. Fazit
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Der Aufstieg Kölesds von einem entvölkerten Dorf zu einem Marktflecken kann nur im Zusammenhang mit der Wiederbesiedlung erklärt werden und ist sicherlich kein Einzelfall gewesen. Im Gegenteil ist davon auszugehen, dass der Zuzug von neuen Bewohnern vielen Dörfern und Städten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verholfen hat, der noch bis ins 19. Jahrhundert andauerte. Die Gutsbesitzer hatten daher ein großes Interesse daran, dass die Ansiedlung reibungslos verlief und keine leeren Versprechungen gemacht wurden. Denn waren die Siedler in einem Dorf nicht zufrieden, zogen sie einfach einige Kilometer weiter zum nächsten. Doch obwohl davon auszugehen ist, dass die Umstände der Ansiedlung sich ab den 1720er Jahren stark verbesserten4, ist der Fall des Michael Kreutzers nicht untypisch, was die zahlreichen Dokumente in den Herrenstuhlakten belegen – und zwar nicht nur die der Apponyis, sondern ganz unterschiedlicher Adels- und Kirchenarchive. Viele Versprechungen, mit denen die Siedler angelockt wurden, wurden später einfach nicht gehalten. Waren Probleme mit den Gutsverwaltern eher typisch für die Ansiedlung auf privaten Gütern, finden sich Dokumente über Streitigkeiten zwischen den Siedlern in allen Gebieten, wohingegen Einfälle von osmanischen Truppen nur die Bewohner des Banats betrafen. Nicht zu unterschätzen sind auch die Auswirkungen von Klima und Krankheiten: Viele Siedler überlebten ihre ersten Jahre nicht, was wiederum zu neuen Problemen (v.a. Erbstreitigkeiten) führte.5 Dennoch lässt sich aus der Sicht der Grundbesitzer und des Wiener Hofs, die, so wird es auch aus der Geschichte Michael Kreutzers deutlich, das einzelne Schicksal nicht interessierte, von einer erfolgreichen Siedlungspolitik sprechen, die die Länder und Kulturen prägte und noch heute sichtbar ist.

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Xenia Fink

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