Der lange Schatten der Vergangenheit. Nur wenigen Juden aus Litauen und Lettland gelang es, dem Holocaust im Baltikum zu entkommen. Hier sind einige ihrer Berichte und die Gründe für die schwierige Flucht.
Einführung
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Es fällt schwer, dieses Thema unter den Begriff Migration zu stellen.1  Auch die Bezeichnung Flucht umschreibt das Geschehen nur unzureichend, denn es ging im wahrsten Sinne des Wortes um einen Wettlauf auf Leben und Tod. Nur diejenigen Juden, denen es im Sommer 1941 gelang, den vorrückenden deutschen Einheiten zu entkommen und unter widrigsten Umständen Hunderte Kilometer nach Osten zu überwinden, überlebten – bis auf wenige Ausnahmen – den Holocaust in den Baltischen Staaten.
Doch nicht nur hunderttausende Menschen wurden von den deutschen Besatzern und ihren einheimischen Helfern ermordet, es endete auch eine jahrhundertealte jüdische Kultur und Tradition im Baltikum. Während in 
Estland
eng. Estonia, est. Eesti

Estland ist ein Land in Nordosteuropas und zählt geografisch zu den baltischen Staaten. Das Land wird von ungefähr 1,3 Millionen Menschen bewohnt und grenzt an Lettland, Russland und die Ostsee. Die bevölkerungsreichste Stadt und Hauptstadt zugleich ist Tallinn. Estland ist seit 1991 unabhängig und Mitglied der Europäischen Union.

 nur wenige Juden siedelten, waren 
Lettland
eng. Latvian Republic, eng. Latvia, lav. Latvija

Lettland ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 1,9 Millionen Einwohner:innen bewohnt. Hauptstadt des Landes ist Riga. Der Staat grenzt im Westen an die Ostsee und an die Staaten Litauen, Estland, Russland und Weißrussland. Lettland ist seit dem 01.05.2004 Mitglied der EU und erlangte erst im 19. Jahrhundert Unabhängigkeit.

 und vor allem 
Litauen
eng. Lithuania, lit. Lietuva

Litauen ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 2,8 Millionen Menschen bewohnt. Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Das Land grenzt an die Ostsee, Polen, Weißrussland, Russland und Lettland. Erst im Jahr 1918 erlangte Litauen Unabhängigkeit, die das Land nach mehreren Jahrzehnten der Eingliederung in die Sowjetunion 1990 wiedererlangte.

 bekannt als Zentren des Judentums in Ostmitteleuropa. Nicht zuletzt
Wilna
rus. Вильнюс, rus. Wilnjus, yid. ווילנע, yid. Wilne, bel. Вільня, bel. Wilnja, pol. Wilno

Vilnius ist die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt Litauens. Sie liegt im südöstlichen Teil des Landes an der Mündung der namengebenden Vilnia (auch Vilnelė) in die Neris. Wahrscheinlich bereits in der Steinzeit besiedelt, datiert die erste schriftliche Erwähnung auf 1323; Magdeburger Stadtrecht erhielt Vilnius 1387. Von 1569 bis 1795 war Vilnius Hauptstadt des litauischen Großfürstentums in der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Mit der dritten Teilung von Polen-Litauen verlor sie im Russischen Zarenreich diese Funktion. Erst durch die Gründung der Ersten Litauischen Republik 1918 wurde Vilnius kurzzeitig erneut Hauptstadt. Zwischen 1922 und 1940 gehörte Vilnius zur Republik Polen, weshalb Kaunas zur Hauptstadt Litauens ausgebaut wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg war Vilnius bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens 1990 Hauptstadt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Bereits im Mittelalter galt Vilnius als Zentrum der Toleranz. Insbesondere Juden fanden in Vilnius Zuflucht vor Verfolgung, so dass sich Vilnius bald als "Jerusalem des Nordens" einen Namen machte. Nicht zuletzt mit dem Goan von Wilna, Elijah Ben Salomon Salman (1720-1797), war Vilnius eines der bedeutendsten Zentren jüdischer Bildung und Kultur. Bis zur Jahrhundertwende war die größte Bevölkerungsgruppe die jüdische, während laut der ersten Volkszählung im russischen Zarenreich 1897 lediglich 2% der litauischen Bevölkerungsgruppe angehörten. Ab dem 16. Jahrhundert entstanden zahlreiche barocke Kirchen, die der Stadt auch den Beinamen "Rom des Ostens" eintrugen und die bis heute das Stadtbild prägen, während die zahlreichen Synagogen der Stadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Zwischen 1941 und 1944 unterstand die Stadt dem sog. Reichskommissariat Ostland. In dieser Zeit wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet, nur wenige konnten fliehen.

Auch heute noch zeugt die Stadt von einer "phantastische[n] Verschmelzung von Sprachen, Religionen und nationalen Traditionen" (Tomas Venclova) und pflegt ihre vielkulturelle Geschichte und Gegenwart.

galt als „Jerusalem des Nordens“, in dieser Stadt wurde in den 20er Jahren das YIVO gegründet, das erste wissenschaftliche Institut, das sich mit der Geschichte der osteuropäischen Juden beschäftigte, und zwar auf Jiddisch, denn dies war die Muttersprache der Mehrheit der baltischen Juden. Die jüdischen Gemeinden konnten, was die soziale Zusammensetzung und politischen Überzeugungen anbelangte, nicht unterschiedlicher sein. Eigentlich waren es ihre Feinde, die ein einheitliches Judentum ‚erfanden‘. Tagelöhner, kleine städtische Händler gehörten genauso zu ihnen wie reiche Viehhändler in einem ländlichen Umfeld, mittelständische Unternehmer, erfolgreiche Akademiker und ein belesenes Bildungsbürgertum, das mit der deutschen Literatur ebenso vertraut war wie mit der russischen. Politisch waren alle Schattierungen vertreten : Zionisten, Sozialisten, Orthodoxe und Vertreter der jüdischen Aufklärung. Die überzeugten Zionisten sahen in der Auswanderung nach Palästina ihre  Zukunft, während die Sozialisten des Bundes, der jüdischen Sozialdemokratie (gegründet Ende des 19. Jahrhunderts in Vilnius), den linken und kommunistischen Parteien nahestanden. Die Vertreter der jüdischen Aufklärung redeten einer Assimilation das Wort, wohingegen die Orthodoxen auf der traditionellen jüdischen Lebensweise beharrten. Die Shoah zerstörte auch eine kulturelle Vielfalt, die ihresgleichen suchte.
1. Der deutsche Angriff und die ersten antisemitischen Maßnahmen und Morde
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Als am 22. Juni 1941 die Wehrmacht angriff, waren die Baltischen Staaten, die von der
Sowjetunion
eng. Soviet Union, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR, Russisch: Союз Советских Социалистических Республик (СССР) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Die UdSSR wurde von ungefähr 290 Millionen Menschen bewohnt und bildete mit ca. 22,5 Millionen Quadratkilometern den größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem.

als Folge des Hitler-Stalin-Paktes im Sommer 1940 besetzt und als Sowjetrepubliken der UdSSR eingegliedert worden waren, das erste Ziel der deutschen Heeresgruppe Nord, die auf 
Sankt-Peterburg
rus. Leningrad, deu. Sankt Petersburg, eng. Saint Petersburg, rus. Ленингра́д, rus. Петрогра́д, rus. Petrograd

Sankt Petersburg ist eine Metropole im Nordosten Russlands. In der Stadt wohnen 5,3 Millionen Menschen, was sie nach Moskau zur zweitgrößten des Landes macht. Sie liegt an der Mündung der Newa (Neva) in die Ostsee im Föderationskreis Nordwestrussland. Sankt Petersburg wurde 1703 von Peter dem Großen gegründet und war von 1712 bis 1918 die Hauptstadt Russlands. Von 1914–1924 trug die Stadt den Namen Petrograd, von 1924–1991 den Namen Leningrad.

 vorstieß. Litauen wurde innerhalb von vier Tagen besetzt, im lettischen 
Rīga
deu. Riga

Riga ist die Hauptstadt Lettlands und mit knapp 630.000 Einwohnern zugleich die mit Abstand größte Stadt des Landes. Sie liegt im Südwesten der historischen Landschaft Livland nahe der Mündung des Flusses Düna (lett. Daugava) in den Rigaischen Meerbusen. Historisch war Riga eine bedeutende Handels- und Hansestadt mit einer über Jahrhunderte hinweg großteils deutschsprachigen Bevölkerung, deren politische Oberherrschaft wiederholt wechselte. Waren es bis zum Ende des Mittelalters vor allem geistliche Herrscher (Erzbistum Riga, Deutscher Orden), die Stadt und Umland für sich beanspruchten, kam die Stadt nach kurzer polnisch-litauischer Herrschaft 1621 zu Schweden. Bereits ein Jahrhundert später wurde Riga Teil des Russländischen Reiches und hier zur Hauptstadt des Ostseegouvernements Livland. Erst 1918 wurde Riga Hauptstadt eines unabhängigen lettischen Staates.

 marschierte die Wehrmacht bereits am 30./31. Juni 1941 ein. Ende August war schließlich ganz Estland in deutscher Hand.
Vor allem im Baltikum wurde der deutsche Angriff auch als Befreiung von der Sowjetherrschaft empfunden. Dazu hatten nicht zuletzt stalinistische Massenaktionen beigetragen, die ab dem 14. Juni in allen drei Sowjetrepubliken begonnen hatten und deren Ziel vermeintliche Gegner der Sowjetherrschaft waren. Tausende von „Klassenfeinden“ wurden verhaftet und mit ihren Familien ins Innere der Sowjetunion deportiert. Diese Aktion war noch im Gange, als die deutschen Divisionen angriffen. Vor allem in Litauen entstand ein spontaner Aufstand gegen die Sowjets, der sich neben Attacken auf die sich zurückziehende Rote Armee vor allem gegen wirkliche und vermeintliche Kollaborateure mit der Sowjetmacht richtete. Insbesondere gegen die jüdische Bevölkerung entlud sich dabei eine Welle der Gewalt, die vom ersten Tag an zur Einschüchterung der Menschen führte. Neben dem bekannten antisemitischen Stereotyp des 'jüdischen' Kommunismus wurde den Juden unterstellt, sie hätten im Sommer 1940 den Einmarsch der Roten Armee begrüßt.
Die Berichte der Opfer zeigen die ungeheure Brutalität und den Hass, der ihnen als vermeintlichen ‚Verrätern‘ und Sowjetfreunden entgegenschlug. Bewaffnete litauische Freischärler, erkenntlich an ihrer weißen Armbinde, machten Jagd auf Juden, drangen in ihre Wohnungen ein, plünderten und vergewaltigten. Auf offener Straße wurden Menschen erschossen. Aba Gefen geriet in die Hände einer solchen Bande:

Ich wurde […], zusammen mit einer Gruppe von zwanzig anderen Juden, am 24. Juni gefangengenommen. Wir wurden auf den Rathausplatz geführt, wobei unsere Fänger lachten und drohten, diese ‚verdammten Juden‘ zu töten. Zur selben Zeit begannen die Partisanen mit der Verfolgung der orthodoxen Juden, die in der Vorstadt Vilijampole […] lebten. Sie fingen mit sadistischen Spielchen an: sie nahmen die Juden gefangen, zwangen sie zu tanzen, hebräische Gebete aufzusagen und die Sozialistische Internationale zu singen. Waren sie der Spiele müde, befahlen sie den Juden, sich hinzuknien und erschossen sie von hinten. Doch das war nur der Anfang. 

Aba Gefen: Ein Funken Hoffnung. Ein Holocaust-Tagebuch, S. 25
2. Der Faktor Zeit und die schwierige Entscheidung zur Flucht
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Eine verhängnisvolle Rolle spielte bei den folgenden Ereignissen der schnelle Vormarsch der Wehrmacht. Insbesondere den litauischen Juden blieben buchstäblich nur Stunden, um den anrückenden Divisionen zu entkommen. Sie mussten alles stehen und liegen lassen und sich Hals über Kopf nach Osten durchschlagen. Oft vergisst man, dass ein solcher Entschluss die Aufgabe der bisherigen Existenz und eine völlig ungewisse Zukunft bedeutete. Sara Ginaitė berichtet, ihre Familie habe sich gegen eine Flucht entschieden, weil man im Innern der Sowjetunion weder Verwandte noch Bekannte gehabt habe, zudem seien ihre Eltern nicht gesund gewesen. Außerdem habe sich trotz der nationalsozialistischen Judenfeindschaft niemand vorstellen können, was die Juden in
Kaunas
deu. Kauen, pol. Kowno, rus. Ковно

Kaunas ist eine Stadt in Litauen, ca. 100 km westlich der Hauptstadt Vilnius, und mit knapp 304.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes. Von 1920 bis 1940 war Kaunas selbst litauische Hauptstadt. Vor 1918 - dem Gründungsjahr der Litauischen Republik - gehörte Kaunas zum Russischen Kaiserreich, vor 1795 über lange Zeit fast durchgehend zu Polen-Litauen.

erwarte.2  In fast allen Fällen ging es eben nicht nur um junge Menschen, sondern auch um Kinder und ältere Familienangehörige.
Und schließlich war völlig unklar, wie sich die Situation an der Front entwickelte. In den ersten Tagen verkündete der sowjetische Rundfunk eine Siegesmeldung nach der anderen, was zumindest dazu beitrug, dass viele jüdische Familien zunächst einmal abwarteten. Erst die Szenen einer sich offensichtlich in völliger Auflösung befindlichen Roten Armee, die die Menschen in Kaunas und anderen Städten sahen, belehrten sie eines Besseren. Doch dann war es für eine Flucht meistens zu spät, weil inzwischen die Infrastruktur zusammengebrochen war.
Verhängnisvoll erwiesen sich bei den Diskussionen zudem das Deutschlandbild und die Erfahrungen mit der deutschen Besatzung im Ersten Weltkrieg, die die Älteren gemacht hatten. Vor allem sie vertrauten auf ihre damaligen Wahrnehmungen und die ihnen bekannte deutsche Literatur und Kultur. Der Großvater von Zvi Katz versuchte seine Familie am 22. Juni zu beruhigen:

Ihr braucht vor den Deutschen keine Angst zu haben, ich kenne sie noch vom Ersten Weltkrieg her, sie sind ein höchst zivilisiertes und kulturelles Volk.

Zvi Katz: Von den Ufern der Memel ins Ungewisse. Eine Jugend im Holocaust, S. 58
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Im ersten Moment waren es zudem vor allem litauische sogenannte Freischärler, die die Juden drangsalierten, in ihre Wohnungen eindrangen, plünderten und raubten, während die Deutschen im Hintergrund blieben. In einigen Fällen erhofften sich die jüdischen Opfer durch die deutsche Militärverwaltung Schutz vor ihren einheimischen Peinigern. Doch spätestens mit der Übernahme der Macht durch die deutsche Zivilverwaltung und deren antisemitischen Erlasse wurde klar, wer die eigentlichen Drahtzieher der Maßnahmen waren: Nachdem bereits die Pogrome und Ausschreitungen verdeckt von der deutschen Sicherheitspolizei initiiert worden waren, übertrug die deutsche Zivilverwaltung im Sommer 1941 den direkten Kontakt mit den Judenräten der Ghettos an die regionale litauische Administration. Der berüchtigte Judenreferent Franz Murer begründete in Vilnius dieses Vorgehen gegenüber seinem litauischen Pendant in einer für sich sprechenden Weise: „Angelegenheiten, die das Ghetto betreffen, haben Sie entgegen zu nehmen und nach meinen Weisungen durchzuführen. Ich verhandle daher nur mit Ihnen und nicht mit einzelnen Juden und dem Judenrat.“   Die Menschen im Ghetto wussten, wer hinter ihrem Elend steckte – und Murer, der es liebte, am Ghettotor zurückkehrende jüdische Arbeiter nach Schmuggelgut durchsuchen zu lassen, wurde zum Schrecken der Ghettobevölkerung.
Eine Ausnahme von der abwartenden Haltung bildete die Familie Ganor:

Ich rannte nach unten und fand meine Familie schon ums Radio versammelt […]. Beim Frühstück hielt Vater Familienrat. Wir waren alle der Meinung, daß es zu gefährlich wäre, in Kaunas zu bleiben. So erschreckend der Gedanke an die russische Polizei war, der an die Nazis war es noch mehr [...]. Doch selbst wenn wir in Sibirien landen würden, so wäre das sicher besser, als unter die Nazis zu fallen.

Solly Ganor: Das andere Leben. Kindheit im Holocaust, S. 37
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In vielen Erinnerungen werden derartige Familiengespräche überliefert. In der kleinen jüdischen Gemeinde in Estland wurde darüber gesprochen, dass die Verpflegungssituation in der Sowjetunion weit schlechter sei als in der Estnische Sozialistische Sowjetrepublik. Orthodoxe Juden schlossen sich der verhängnisvollen Entscheidung des obersten Rabbi in 
Tallinn
deu. Reval

Tallinn (bis 1918 Reval) ist die Hauptstadt Estlands. Sie liegt im Kreis Harju, direkt an der Ostsee und wird von ca. 434.000 Menschen bewohnt.

 an, die Stadt nicht zu verlassen.
So blieb den Menschen in Kaunas, aber auch in Riga nur wenig Zeit für eine Entscheidung, die aus heutiger Sicht viel klarer erscheint als sie damals war. „So alles stehenlassen und zur Bahn zu laufen, in leichter Kleidung, in ein fremdes und kaltes Land, ohne Mittel – das war nur schwer vorstellbar. Hätten wir nur einen Schimmer davon gehabt, was uns erwartete, so wären wir sicher auch barfuß zur Bahn gelaufen.“3  Die meisten entschieden sich gegen die Unwägbarkeiten einer Flucht und gerieten so in die Hände ihrer Mörder.
Herman Kruk, bereits aus Polen vor den Nationalsozialisten nach Vilnius geflohen, verband seine Entscheidung mit einer Aufgabe:

Keine Kraft mehr, noch einmal den Wanderstab in die Hand zu nehmen und mich zu Fuß auf den Weg zu machen […] Die schweren Schuhe sind ausgezogen, der Rucksack ausgepackt. Ich bleibe! [...] Ich entscheide mich endgültig: ich verlasse mich auf Gottes Ratschluß, ich bleibe. Und zugleich entscheide ich endgültig…ich nehme den Stift in die Hand… Die Deutschen werden die Stadt faschisieren. Die Juden werden ins Ghetto müssen – das alles werde ich aufschreiben. Meine Chronik muss sehen, muss hören und der Spiegel und das Gewissen der großen Katastrophe und der schweren Zeit werden.

Hermann Kruk: The Last Days of the Jerusalem of Lithuanian
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Kruk, der im September 1944 in Estland in einem KZ-Außenlager ermordet wurde, wurde seiner Mission gerecht: Sein Tagebuch zählt zu den großen Zeugnissen der Ghettoliteratur. 
Ein beeindruckendes Beispiel von Menschlichkeit sei abschließend erwähnt. Moses Braunsas, einer der führenden Epidemiologen Litauens und Leiter der Infektionsabteilung des jüdischen Krankenhauses in Kaunas, erhielt am 23. Juni das Angebot zur Evakuierung mit seiner gesamten Familie. 1998 berichtete sein Sohn Jack in einem Interview der Shoah-Foundation, sein Vater habe das Angebot abgelehnt und den bereitstehenden PKW mitsamt Fahrer weggeschickt, weil er es aus moralischen Gründen nicht für vertretbar hielt, seine Patienten allein zu lassen.4
3. Fluchterfahrungen
Text
  
Doch selbst diejenigen, die sofort Hals über Kopf aufbrachen, befanden sich in einer gefährlichen Lage. Der schnelle deutsche Vormarsch und die Lufthoheit der Luftwaffe führten dazu, dass auch das vermeintliche Hinterland nicht als sicher angesehen werden konnte. Hinzu kamen die einheimischen Aufständischen, die jede Person, die sich nach Osten bewegte, als Anhänger der Sowjetmacht ansahen und ihre Guerillatätigkeit auf die Rückzugstraßen der Roten Armee konzentrierten. Exekutionen von jüdischen ‚Verrätern‘ waren offenbar keine Seltenheit. Züge fuhren praktisch vom ersten Tag an nur noch wenige, die meisten waren von der Roten Armee requiriert worden und wurden tagsüber von deutschen Jagdflugzeugen beschossen. Die Szenen an den Bahnhöfen waren chaotisch, und vor allem die Älteren waren der Situation nicht mehr gewachsen, wie im Falle einer jüdischen Familie aus Kaunas:

Nach einigen Stunden kamen die Eltern Zinghaus zurück. Sie seien zusammen in einen überfüllten Zug eingestiegen. Immer neue Menschen hätten sich hineingedrängt. Da habe sie, die Alten, eine solche Furcht vor dieser Fahrt ins Ungewisse überkommen, daß sie sich von ihren Kindern […] getrennt hätten und wieder ausgestiegen seien. Da saßen sie wieder bei uns. Der alte Herr, schon siebzig Jahre und gebrechlich, mit den dichten borstigen weißen Haaren, weinend wie ein Kind, und seine Frau war besorgt um ihn und weinte auch, und wir trösteten sie.

Helene Holzmann: "Dies Kind soll leben", S. 13
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So blieb den jüdischen Flüchtlingen meist nur der beschwerliche Fußmarsch. „Die schmale Straße nach Ukmerge und zur lettischen Grenze quoll über vor Flüchtlingen und zurückweichenden Sowjettruppen. Ein endloses Band aus Vehikeln, Pferdewagen, Motorrädern und Fahrrädern schlängelte sich durch den gigantischen Schwarm von Fußgängern. Kolonnen zerlumpter Sowjetsoldaten mischten sich darunter, doch in erster Linie waren Zivilisten zu Fuß unterwegs, die meisten von ihnen Juden. Kaum hatten wir Kaunas verlassen, da bombardierte die Luftwaffe die Straße. Es schien, als solle alles, was sich nur bewegte, unter Feuer genommen werden. Jeder warf sich in den Straßengraben. Ich lag mit dem Gesicht im Dreck und zitterte, während die Kugeln um uns herum einschlugen und Staubwolken aufwirbelten.“5
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Die Gerüchteküche brodelte, litauische Polizisten berichteten den Fliehenden, sie befänden sich in einem Kessel, die Deutschen stünden bereits weiter östlich und sie sollten kehrtmachen.
Und dann gab es noch ein nicht unbedeutendes Hindernis an der alten sowjetischen Grenze zu überwinden: Die baltischen Sowjetrepubliken galten auch ein Jahr nach dem Einmarsch noch als militärisches Sperrgebiet, so dass ein Grenzverkehr nur mit Sonderausweisen oder für Parteifunktionäre gestattet war. Diejenigen litauischen Juden, die sich bis zum altsowjetischen Gebiet durchgeschlagen hatten, wurden von den sowjetischen Grenzern nicht durchgelassen. In Lettland und Estland war die Situation weit weniger chaotisch, doch auch dort war es für Zivilisten nicht leicht, nach Osten voranzukommen. Viele scheiterten auf diese Weise noch in letzter Minute und wurden von der Wehrmacht überrollt. 
4. Zahlen
Text
Das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen die Opferzahlen. Die Chancen auf eine erfolgreiche Flucht hingen vor allem vom Zeitpunkt der Einnahme des jeweiligen Wohnortes ab. Besonders schwierig sind exakte Zahlenangaben zur Situation in Litauen. Das hängt damit zusammen, dass nur schwer zu ermitteln ist, wie viele aus 
Polen
eng. Poland, pol. Polska

Polen ist ein Staat in Mittelosteuropa und wird von ungefähr 38 Millionen Menschen bewohnt. Das Land ist das sechstgrößte Mitgliedsland der Europäischen Union. Die Hauptstadt und größte Stadt Polens ist Warschau. Polen setzt sich aus 16 Woiwodschaften zusammen. Der größte Fluß des Landes ist die Weichsel (poln. Wisła).

 geflohene Juden sich im Juni 1941 in Litauen (insbesondere im Vilniusgebiet) befanden. Man geht von mindestens 160.000 Menschen aus: Als 1943 in der Sowjetunion die aus Litauen geflohenen Personen erfasst wurden, registrierte man 5.504 Juden. In Lettland konnten ca. 15.000 Juden den deutschen Mördern entkommen (rund 86.000 Juden dürften im Juni 1941 in der Sowjetrepublik gelebt haben). Über 150.000 Juden in Litauen und mehr als 75.000 in Lettland wurden - größtenteils zwischen Juni und Dezember 1941 - ermordet. In Estland konnte die Mehrheit der Juden trotz der Entscheidung des Rabbis, die vor allem für orthodoxe Juden von Bedeutung war, entkommen, wobei sich nur 5.400 Juden im Juni 1941 in Estland aufhielten. Rund ein Viertel von ihnen wurde im Herbst 1941 ermordet.
Fazit
Text
Nur wenigen Juden gelang aufgrund der geschilderten Umstände die Flucht vor den antisemitischen Mordaktionen, nur wenige überlebten die Ghettos in Litauen und Lettland und fanden sich im Mai 1945 in Polen, in
Pommern
eng. Pomerania, pol. Pomorze

Pommern ist eine Region im Nordosten Deutschlands (Vorpommern) und im Nordwesten Polens (Hinterpommern/Pomorze Tylne). Der Name leitet sich vom westslawischen 'am Meer' - 'po more/morze' ab. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (Westfälischer Friede 1648) wurde Vorpommern zunächst schwedisch, Hinterpommern fiel an Brandenburg, das 1720 weitere Teile Vorpommerns erwerben konnte. Erst ab 1815 gehörte die gesamte Region als Provinz Pommern zum Königreich Preußen. Die Provinz hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand, ihre Hauptstadt war Stettin (heute poln. Szczecin).

oder in Bayern wieder. Viele kehrten nie wieder nach Litauen zurück, auch weil die Erfahrungen des Sommers 1941 zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung standen. Neben Palästina (ab 1948: Israel) wurden vor allem die Vereinigten Staaten zur neuen Heimat der entwurzelten Menschen. Es ist eine tragische Komponente, dass viele Juden sich gegen die Flucht entschieden, weil sie die deutschen Eroberer trotz aller Judenfeindschaft mit der ihnen vertrauten deutschen Sprache, Literatur und Kultur identifizierten. Und es ist ein Paradoxon der besonderen Art, dass diejenigen Juden, die zu Opfern der stalinistischen Deportationen im Juni 1941 wurden, dem so gut wie sicheren Tod entgingen. Eine genaue Zahl ist schwer zu geben, denn die sowjetischen Akten spezifizieren die Opfer nicht unter ethnischen Kriterien, sondern in ihrer sozialen Funktion als Klassenfeinde (Bourgeois, Kapitalisten usw.), doch erscheint eine Zahl von mehr als 2.600 Juden realistisch. Bei einer Gesamtzahl der Deportierten, die inzwischen bei knapp unter 20.000 Personen angesetzt wird, waren die jüdischen Opfer überproportional vertreten, denn ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug ca. 8%. Somit trug ein stalinistisches Massenverbrechen dazu bei, dass viele Juden nicht in die Hände der deutschen Mordkommandos gerieten.

Siehe auch