Durch Innovationen wie die Dampfschifffahrt und die Eisenbahn kam es seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu einem starken Anstieg globaler Migrationsbewegungen. Die deutschsprachigen Wolhynier:innen waren Teil dieser Entwicklung, die sich zwischen den idealtypischen Polen freiwilliger und erzwungener Migration bewegte und wesentlich von der Durchsetzung des ethnonationalen Prinzips beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Emigrationsbewegungen dieser Gruppe aus dem russländischen Gouvernement Wolhynien in der Zeit zwischen den 1860er Jahren und dem Ersten Weltkrieg. Auf die nachfolgenden Zwangsmigrationen der deutschsprachigen Wolhynier:innen geht der Beitrag ebenfalls kurz ein.
Text
1993 erschien in der kanadischen genealogisch orientierten Zeitschrift Wandering Volhynians die Lebensgeschichte von Rosalie Scheming Hein.1 Rosalie wurde 1893 in
Bubny
deu. Glückstal, ukr. Bubni, ukr. Бубни

Bubny ist ein Dorf in der heutigen Ukraine und liegt ca. 80 km westlich von Schytomyr.

(heute ukrainisch Bubny, damals russisch Bubno) im östlichen
Wolhynien
eng. Volhynia, pol. Wolyń, ukr. Воли́нь, ukr. Wolyn, deu. Wolynien, lit. Voluinė, rus. Волы́нь, rus. Wolyn

Die historische Landschaft Wolhynien liegt in der nordwestlichen Ukraine an der Grenze zu Polen und Belarus. Bereits im Spätmittelalter fiel die Region an das Großfürstentum Litauen und gehörte ab 1569 für mehr als zwei Jahrhunderte zur vereinigten polnisch-litauischen Adelsrepublik. Nach den Teilungen Polen-Litauens Ende des 18. Jahrhunderts kam die Region zum Russischen Reich und wurde namensgebend für das Gouvernement Wolhynien, das bis ins frühe 20. Jahrhundert Bestand hatte. In die russische Zeit fällt auch die Einwanderung deutschsprachiger Bevölkerungsteile (der sog. Wolhyniendeutschen), die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Wolhynien zwischen Polen und der ukrainischen Sowjetrepublik aufgeteilt, ab 1939, infolge des Hitler-Stalin-Paktes, vollständig sowjetisch und bereits 1941 von der Wehrmacht besetzt. Unter deutscher Besatzung kommt es zur systematischen Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung sowie weiterer Bevölkerungsgruppen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Wolhynien erneut zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und seit 1992 zur Ukraine. Die Landschaft ist namensgebend für die - räumlich nicht exakt deckungsgleiche - heutige ukrainische Oblast mit der Hauptstadt Luzk (ukr. Луцьк).

in der heutigen
Ukraine
ukr. Ukrajina, eng. Ukraine

Die Ukraine ist ein von ungefähr 42 Millionen Menschen bewohntes Land im östlichen Europa. Kiew ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt der Ukraine. Das Land ist seit 1991 unabhängig. Der Dnieper ist der längste Fluss der Ukraine.

geboren. Ihre Eltern waren aus
Zentralpolen
eng. Middle Poland, eng. Central Poland, deu. Mittelpolen

Die Begriffe Mittelpolen bzw. Zentralpolen (Polnisch: Polska Centralna/Polska Środkowa) bezeichnen keine historische Landschaft im engeren Sinne und im polnischen Sprachgebrauch lediglich die geographische Mitte Polens. Im deutschen Sprachgebrauch hingegen bezieht sich der Begriff Mittelpolen seit den 1930er Jahren überwiegend auf das Gebiet des ehemaligen Königreichs Polen (das sog. Kongresspolen), das von 1815 bis 1918 unter russischer Oberhoheit bestand.

eingewandert. Anfang des 20. Jahrhunderts siedelte sich ihre Familie für einige Jahre in
Kurland
eng. Courland, lav. Kurzeme

Kurland ist eine historische Landschaft im Westen Lettlands. Kurland liegt an der Ostsee und grenzt an zwei andere lettische Regionen - Livland und Semgalien - und Litauen im Süden. Zu den größten Städten Kurlands gehören Jelgava, Ventspils und Liepaja.

im heutigen
Lettland
eng. Latvian Republic, eng. Latvia, lav. Latvija

Lettland ist ein baltischer Staat im Nordosten Europas und wird von ungefähr 1,9 Millionen Einwohner:innen bewohnt. Hauptstadt des Landes ist Riga. Der Staat grenzt im Westen an die Ostsee und an die Staaten Litauen, Estland, Russland und Weißrussland. Lettland ist seit dem 01.05.2004 Mitglied der EU und erlangte erst im 19. Jahrhundert Unabhängigkeit.

an, kehrte aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Wolhynien zurück. Aufgrund antideutscher Politiken des
Russisches Kaiserreich
rus. Росси́йская импе́рия, rus. Rossijskaja imperija, eng. Russian Empire, deu. Russländisches Reich, deu. Russländisches Kaiserreich

Das Russische Kaiserreich (auch Russländisches Kaiserreich, Russisches Reich oder Kaiserreich Russland) war ein von 1721 bis 1917 existierender Staat in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika. Das Land war Mitte des 19. Jahrhunderts das größte zusammenhängende Reich der Neuzeit. Es wurde nach der Februarrevolution im Jahr 1917 aufgelöst. Der Staat galt als autokratisch regiert und wurde von ungefähr 181 Millionen Einwohner:innen bewohnt.

zur Zeit des Ersten Weltkriegs wurde sie 1915 nach
Saratov
rus. Саратов

Die Stadt Saratov geht auf eine 1590 gegründete Festung zurück. Sie erlebte im 19. Jahrhundert eine Blüte als Handelsstadt. Seit dem 18. Jahrhundert und bis zu den Deportationen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs machten Wolgadeutsche einen große Bevölkerungsgruppe Saratovs aus. 1915 wurden darüber hinaus zahlreiche Deutsche, Juden, Ungarn, Österreicher und weitere Gruppen aus frontnahen Gebieten nach Saratov deportiert, weil sie an ihren ursprünglichen Wohnorten als potentielle Gefahr für den Kriegserfolg galten.

an der
Wolga
rus. Во́лга, eng. Volga

Die Wolga entspringt etwa 300 km nordöstlich von Moskau in den Waldaihöhen, einem Plateau im europäischen Teil Russlands. Sie ist 3530 km lang. Bei Astrachan fächert sich die Wolga in die verschiedenen Arme des Wolgadeltas auf und mündet schließlich ins Kaspische Meer.

deportiert. Rosalie zog nach dem Krieg zurück nach Glückstal, wurde jedoch im Rahmen der stalinistischen Entkulakisierung 1935 erneut deportiert, dieses Mal nach
Kasachstan
rus. Казахстан, eng. Kazakhstan

Kasachstan ist heute ein zentralasiatischer Binnenstaat zwischen Russland, China, Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan. In der Vergangenheit wurde die Region von verschiedenen Steppenvölkern beherrscht, bis sich die Kasachen in mehreren Schritten zwischen 1731 und 1742 dem Russischen Zarenreich unterstellten. Ab 1936 war Kasachstan als Kasachische SSR Teil der Sowjetunion; seit deren Zerfall im Jahre 1991 ist Kasachstan unabhängig.

, von wo aus sie nach vier Jahren heimkehren konnte. Ende 1942 siedelte die nationalsozialistische Besatzung sie in der deutschen Musterkolonie
Hegewald
eng. Hegewald

Hegewald war ein deutsches Siedlungsgebiet zur Zeit des Nationalsozialismus, ca. 2 km südlich von Schytomyr. Nach der Vertreibung von 15.000 Ukrainern wurden 1942 auf dem Gebiet 27 Ortschaften mit sog. „Volksdeutschen“ besiedelt.

südlich von
Schytomyr
ukr. Žytomyr, ukr. Житомир, rus. Житомир, rus. Žitomir, pol. Żytomierz

Die Stadt Schytomyr liegt am Teteriw, einem Nebenfluss des Dnepr, in der heutigen Ukraine. Sie wurde vermutlich im 7. Jahrhundert gegründet und im 9. Jahrhundert zur Stadt erhoben. Im Laufe der Jahrhunderte gehörte Schytomyr zum Großfürstentum Litauen, zum vereinigten Königreich Polen-Litauen und zum russländischen Kaiserreich. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Schytomyr von 1941 bis 1944 Teil des deutschen „Reichskommissariats Ukraine“.
Heute ist Schytomyr eine Großstadt in der Ukraine und hatte 2018 ca. 270.000 Einwohner:innen.
Im Russisch-Ukrainischen Krieg wurde Schytomyr bombardiert.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

in Wolhynien an. Musterkolonien sollen dem Aufbau von Siedlungskernen im Rahmen einer deutschen Kolonisation Osteuropas dienen. Die Bewohner:innen der in dieser Kolonie gelegenen Dörfer waren kurz zuvor deportiert worden. Mit Flüchtlingstrecks gelangten Rosalie und ihre Kinder 1944/45 zunächst nach Perleberg in Brandenburg. Die sowjetischen Besatzungsbehörden deportierten sie von hier erneut, dieses Mal in ein Lager bei
Tomsk
rus. Томск

Die Stadt Tomsk liegt in Sibirien am rechten Ufer des Flusses Tom. Sie wurde im Jahr 1604 als Festung gegründet, wobei die militärische Bedeutung nach rund hundert Jahren sank, während die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt zusehends zunahm. Darüber hinaus wurde Tomsk zu einem Bildungszentrum Sibiriens mit mehreren Hochschulen, allen voran der 1880 gegründeten ersten sibirischen Universität. Durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn weiter südlich verlor Tomsk um 1900 jedoch allmählich an Bedeutung.

in Sibirien, wo sie 1952 starb. Der größte Teil ihrer Familie wohnt heute in Nordamerika oder Deutschland.
Text
Im Mittelpunkt dieser beispielhaften persönlichen Migrationsgeschichte steht das russländische Gouvernement Wolhynien. Es war nach der zweiten und dritten Teilung Polens gebildet worden und grenzte im Westen an das
Kongresspolen
eng. Kingdom of Poland, eng. Congress Poland, deu. Königreich Polen, pol. Królestwo Polskie

Kongresspolen ist die Bezeichnung für das von 1815 bis 1916 unter russischer Oberherrschaft stehende Königreich Polen. Nach den drei Teilungen und der endgültigen Auflösung der alten Adelsrepublik Polen-Litauen (1772, 1793, 1795) hatte zunächst kein polnischer Staat mehr existiert, bis 1807-1815 der napoleonische Satellitenstaat des Herzogtums Warschau eingerichtet wurde. Im Rahmen des Wiener Kongresses (1815) wurde zwar wieder ein polnisches Königreich errichtet. Polnischer König war allerdings in Personalunion der russische Zar und Kaiser.

In der Folge kam es mehrfach zu erfolglosen Aufständen der polnischen Bevölkerung und Elite gegen die russische Oberherrschaft (u. a. Novemberaufstand 1830/1831, Januaraufstand 1863/1864), die allerdings nur zu wachsender Repression, massiven Auswanderungs- und Fluchtwellen (Große Emigration/Wielka Emigracja) und schließlich der auch administrativen Eingliederung in den russischen Staat führten.

Das Bild zeigt eine Karte eines 1871 in Braunschweig publizierten Schulatlas. Hervorgehoben sind die preußische Provinz Preußen sowie (blassrot) Kongresspolen (CC 1.0).

, im Osten an das
Gouvernement Kiew
rus. Киевская губерния, rus. Kiewskaja gubernija, eng. Kiev Governorate

Das Gouvernement Kiew war eine Verwaltungseinheit im Russländischen Kaiserreich, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Aufgelöst wurde es 1925 im Zuge der territorialen Reformen nach der Gründung der Ukrainischen Sowjetrepublik.

und im Norden an das
Gouvernement Minsk
bel. Minskaja hubjernja, bel. Мінская губерня, eng. Minsk Governorate, rus. Минская губерния, rus. Minskaja gubernija

Das Gouvernement Minsk war eine Verwaltungseinheit im Westen des Russländischen Kaiserreiches. Das Gouvernement bestand – mit kleineren territorialen Änderungen – bis 1921, zuletzt als Teil der 1919 gegründeten Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

. Ein Großteil der deutschsprachigen Bewohner:innen Wolhyniens zog zwischen den 1860er und den frühen 1880er Jahren aus Siedlungsgebieten im Königreich Polen zu, so auch die Eltern Rosalie Scheming Heins.2 1889 wies die amtliche Statistik eine Bevölkerung von knapp 150.000 Deutschsprachigen auf bei einer Gesamtbevölkerung von knapp drei Millionen; bis 1908 stieg diese Zahl durch natürlichen Zuwachs und trotz einer erheblichen Emigrationsbewegung aus Wolhynien nach amtlicher Statistik auf 210.000 Personen an, die in 800 Kolonien lebten. Im Gouvernement stellten sie mit knapp sechs Prozent Bevölkerungsanteil die viertstärkste Gruppe nach ukrainischer, jüdischer und polnischer Bevölkerung. Allerdings lag ihr Bevölkerungsanteil in den Kreisen Luzk, Schytomyr, Wolodymyr Wolynski und
Riwne
pol. Równe, rus. Ровно, ukr. Рівне, ukr. Rivne, rus. Rovno

Riwne ist eine Großstadt im Nordwesten der heutigen Ukraine. Sie wurde 1283 erstmals erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte gehörte Riwne zum Großfürstentum Litauen, zum Königreich Polen und dem Russländischen Kaiserreich, der ukrainischen Volksrepublik, der Zweiten Polnischen Republik und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Riwne hatte 2019 etwa 250.000 Einwohner:innen.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

 bei neun bis zwölf Prozent.3 Die heute unter den Nachkommen dieser Gruppe, aber auch in der Literatur verbreitete Eigenbezeichnung „Wolhyniendeutsche“ ist ursprünglich eine Fremdbezeichnung. Sie wird in diesem Beitrag nicht verwendet, denn ihre Genese in den 1930er und 1940er Jahren ist eng mit völkischem Gedankengut und insbesondere den gewaltsamen nationalsozialistischen Bevölkerungspolitiken in Osteuropa verwoben.4
Deutschsprachige Wolhynier:innen im Spannungsfeld antideutscher und rassistischer Migrationspolitiken
Text
Die komplexe ethnische Gemengelage in Wolhynien konnte durch innen- und außenpolitische Ereignisse leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Tatsächlich stiegen bereits kurz nach der Ansiedlung die Spannungen zwischen den Deutschsprachigen Wolhyniens und dem russländischen Staat, in dem panslawistisches Denken in Form eines ethnisch-russischen Nationalismus an Boden gewann. Auf dieser Grundlage hatte bereits nach dem polnischen Aufstand von 1863/64 eine Einschränkung der Rechte sprachlicher und religiöser Minderheiten begonnen, die in den 1880er Jahren kulminierte und insbesondere die polnischsprachige, die jüdische, aber auch die deutschsprachige Bevölkerung in den westlichen Gouvernements betraf.5 In den Debatten dieser Zeit nahmen sicherheitspolitische Erwägungen angesichts zunehmendem „fremdländischen Grundbesitzes“ in den Grenzregionen zu, so dass in den 1880er Jahren eine Reihe von Gesetzen erlassen wurde, die den Zuzug bremsten und die Rechte der Siedler:innen einschränkten. Diese Situation führte zu Migrationsbewegungen, in deren Verlauf sich deutschsprachige Wolhynier:innen unter anderem in Kanada, in Brasilien, im
Baltikum
eng. Baltics, lat. Balticum, deu. Baltische Staaten, deu. Baltische Provinzen

Das Baltikum ist eine Region im Nordosten Europas und setzt sich aus den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammen. Das Baltikum wird von knapp 6 Millionen Menschen bewohnt.

und in
Sibirien
rus. Sibir, rus. Сиби́рь, eng. Siberia

Sibirien erstreckt sich über eine Fläche von 12,8 Mio. Quadratkilometern zwischen dem Ural, dem Pazifik, dem Nordpolaarmeer, China und der Mongolei.1581/82 begann die russische Eroberung Sibiriens. Zur Zeit der Aufklärung vor allem Rohstoffquelle und Raum für den Handel mit Asien, gewann Sibirien ab dem 19. Jahrhundert Bedeutung als Ort für Strafkolonien und Verbannte. Mit der Erschließung durch die transsibirische Eisenbahn und der Dampfsschifffahrt am Ende des 19. Jahrhunderts kamen Industrialisierung und damit neue Siedler nach Sibirien. Weitere Industrialisierung unter Stalin wurde vor allem mit der Arbeitskraft von Gulag-Häftlingen und Kriegsgefangenen umgesetzt.

Die Karte zeigt Nordasien, zentral gelegen Sibirien. CIA World Factbook, bearbeitet von Veliath (2006) und Ulamm (2008). CC0 1.0.

ansiedelten. Rosalie Scheming Heins Lebensgeschichte ist dabei nur ein Beispiel für diese freiwilligen und unfreiwilligen Wanderungen.
Kanada
Text
Die verschlechterten Lebensbedingungen in Wolhynien fielen in eine Zeit, in der die kanadische Regierung neue Gebiete in Westkanada für eine Erschließung durch Einwander:innen öffnete. Damit entzog sie gleichzeitig der indigenen Bevölkerung (First Nations) ihre Lebensgrundlage und beschränkte deren Siedlungsgebiete auf Reservate. 1886 wurde die transkontinentale Canadian Pacific Railroad fertiggestellt, die eine Besiedlung entlang des Schienenstrangs förderte. Allerdings betrieb die kanadische Regierung eine rassistische Immigrationspolitik. Sie schloss mit dem Chinese Immigration Act von 1885 ähnlich wie die USA Einwanderung aus Asien weitgehend aus und favorisierte stattdessen Einwanderung aus Nord- und Osteuropa. Alleine zwischen 1896 und 1914 verließ etwa eine halbe Million Menschen das Russländische und das
Österreich-Ungarn
deu. Donaumonarchie, deu. Doppelmonarchie, deu. Habsburgerreich, deu. Habsburgisches Reich, deu. Habsburgermonarchie, hun. Osztrák-Magyar Birodalom, eng. Austria-Hungary, eng. Austrian-Hungarian Monarchy, eng. Austrian-Hungarian Empire

Österreich-Ungarn (ung. Osztrák-Magyar Monarchia), auch als k. u. k. Monarchie bekannt, war ein historischer Staat in Mittel- und Südosteuropa, der von 1867 bis 1918 bestand.

sowie
Rumänien
ron. România, eng. Romania

Rumänien ist ein von knapp 20 Millionen Menschen bewohntes Land in Südosteuropa. Die Hauptstadt des Landes ist Bukarest. Der Staat liegt direkt am Schwarzen Meer, den Karpaten und grenzt an Bulgarien, Serbien, Ungarn, die Ukraine und Moldau. Rumänien entstand 1859 aus dem Zusammenschluss der Moldau und der Walachei. In Rumänien liegt das für die dortige deutsche Minderheit zentrale Gebiet Siebenbürgen.

, um sich in Kanada niederzulassen. Der Anteil deutschsprachiger osteuropäischer Immigrant:innen daran lag bei etwa 44.000, machte also knapp zehn Prozent dieser Auswanderung aus. Etwa die Hälfte davon dürfte aus Wolhynien gekommen sein.6 Sie gründeten Siedlungen vor allem in den neu erschlossenen Prärieprovinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba.7
Text
Ein gutes Beispiel dafür ist die von Andreas Lilge organisierte Auswanderung von Lutheraner:innen und Böhmischen Brüdern und Schwestern aus Wolhynien in zwei neue Siedlungen bei Edmonton in Alberta. Andreas Lilge wurde 1851 in der deutschsprachigen Siedlung
Augustówek (Warszawa)
deu. Augustowok

Augustówek liegt heute im Stadtgebiet von Warschau.

bei
Warszawa
deu. Warschau, eng. Warsaw

Warschau ist die Hauptstadt Polens und mit knapp 1,8 Millionen Einwohnern zugleich die größte Stadt des Landes. Sie liegt in der Woiwodschaft Masowien an Polens längstem Fluss, der Weichsel. Warschau wurde erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik und löste damit Krakau ab, das zuvor polnische Hauptstadt gewesen war. Im Rahmen der Teilungen Polen-Litauens wurde Warschau mehrfach besetzt und schließlich für elf Jahre Teil der preußischen Provinz Südpreußen. Von 1807 bis 1815 war die Stadt Hauptstadt des Herzogtums Warschau, einem kurzlebigen napoleonischen Satellitenstaat; im Anschluss des Königreichs Polen unter russischer Oberherrschaft (dem sog. Kongresspolen). Erst mit Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach Ende des Ersten Weltkriegs war Warschau wieder Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Warschau erst nach intensiven Kämpfen und einer mehrwöchigen Belagerung von der Wehrmacht erobert und besetzt. Schon dabei fand eine fünfstellige Zahl an Einwohnern den Tod und wurden Teile der nicht zuletzt für seine zahlreichen barocken Paläste und Parkanlagen bekannten Stadt bereits schwer beschädigt. Im Rahmen der anschließenden Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Warschauer Ghetto das mit Abstand größte jüdische Ghetto unter deutscher Besatzung errichtet, das als Sammellager für mehrere hunderttausend Menschen aus Stadt, Umland und selbst dem besetzten Ausland diente und zugleich Ausgangspunkt für die Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager war.

Infolge des Aufstandes im Warschauer Ghetto ab dem 18. April 1943 und dessen Niederschlagung Anfang Mai 1943 wurde das Ghettogebiet systematisch zerstört und seine letzten Bewohner verschleppt und ermordet. Im Sommer 1944 folgte der zwei Monate dauernde Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung, in dessen Folge fast zweihunderttausend Polen ums Leben kamen und nach dessen Niederschlagung auch das restliche Stadtgebiet Warschaus von deutschen Einheiten weitgehend und planmäßig zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche historische Gebäude und Teile der Innenstadt, darunter das Warschauer Königsschloss und die Altstadt, wiederaufgebaut - ein Prozess, der bis heute andauert.

geboren, wo seine Familie seit mehreren Generationen ansässig war. Er war gelernter Schreiner und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung als lutherischer Prediger und Lehrer. Mit seiner Frau Wilhelmine folgte er seinem Bruder Ludwig 1878 nach Wolhynien, wo er seelsorgerisch im Kirchspiel
Jasenivka
deu. Heimthal, ukr. Yasenivka, ukr. Jaseniwka, ukr. Ясенівка, ukr. Stara Budy, ukr. Стара Буда
(Jaseniwka), etwa 50 Kilometer nordwestlich von Schytomyr, tätig war. 8 Zwar arbeitete Lilge für die lutherische Kirche, stand jedoch den Ideen der Böhmischen Brüder nahe und strebte hier eine Ausbildung zum Pastor an. Nachdem sein Gesuch auf Ausbildung bei der Herrnhuter Brüdergemeine in Deutschland abgelehnt worden war, ging er 1881 in die USA und nahm ein Studium am deutschsprachigen Theologischen Seminar Concordia in Springfield/Illinois auf. Allerdings brach er das Studium aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten bereits ein Jahr später ab und kehrte nach Wolhynien zurück. 9 Hier wechselten er und zahlreiche andere Lutheraner:innen des Kirchspiels Heimthal zu den Böhmischen Brüdern. Diese religiöse Gruppe hatte im Russländischen Reich mit Repressionen zu kämpfen und wurde auch auf Druck der Lutherischen Kirche nicht als eigenständige Glaubensrichtung anerkannt.10 Aus diesem Grund reiste Lilge mit seiner Familie 1892 nach Nordamerika, um einen   geeigneten Ort für eine Übersiedlung zu finden. Es gelang ihm die Unterstützung der kanadischen Regierung für sein Vorhaben zu gewinnen und 1894 emigrierten in der Folge etwa 100 deutschsprachige wolhynische Familien aus Heimthal in die zwei neugegründeten Orte Brüderheim (Bruederheim) und Brüderfeld (Bruederfeld) bei Edmonton in Alberta.11 Als eine Folge der Gründung weiterer Kolonien in der Region entwickelte sich Edmonton zu einem Zentrum deutschsprachiger Wolhynier:innen in Kanada. Dies war Grundlage für eine Kettenmigration , die bis nach dem Zweiten Weltkrieg andauern sollte und in jeder Generation Verwandte oder Bekannte aus Wolhynien nach Kanada führte. Laut Aussagen des früheren Herausgebers der „Wandering Volhynians“ Ewald Wuschke weist die Region um Edmonton gegenwärtig sogar „die höchste Konzentration an Deutschen aus Polen und Wolhynien weltweit“ auf.12
Brasilien
Text
Nach der Abschaffung der Sklaverei 1888 und der Gründung der ersten Brasilianischen Republik im folgenden Jahr dominierte eine rassistische „weiße Immigrationspolitik“ (branqueamento/whitening), die auf eine Erhöhung des Anteils von Bevölkerung europäischen, möglichst protestantischen Ursprungs gerichtet war.13 Auch Immigrant:innen aus Osteuropa folgten der Einladung und zogen in den 1890er Jahren im Rahmen eines „Brasilienfiebers“ verstärkt nach Südamerika. Wenn auch einige Wolhynier:innen angesichts gebrochener Versprechen der brasilianischen Regierung hinsichtlich des Landerwerbs in der Folge nach Europa zurückkehrte, so entstanden doch mehrere Kolonien so genannter „Teuto-Russos“ im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul.14 Hier existierte bereits eine bedeutende deutschsprachige Bevölkerung, die beispielsweise aus dem Hunsrück, aber auch aus der Wolgaregion stammte. Ein Beispiel für eine Siedlung Deutschsprachiger Wolhynier:innen ist die Kolonie Guarani an der Grenze zu Argentinien.15 Sie entstand in den 1890er Jahren und besteht bis heute. Anfang des 20. Jahrhunderts zog die Kolonie das Augenmerk lutherischer Stellen in Deutschland auf sich, denn ihre Pastoren wandten sich wiederholt an deutsche kirchliche Stellen mit der Bitte um finanzielle und materielle Unterstützung.16
Kurland (Baltikum)
Text
Wie gezeigt war der russländischen Regierung daran gelegen, die deutschsprachige Bevölkerung Wolhyniens zu verringern. Einige deutschbaltische Großgrundbesitzer arbeiteten zur gleichen Zeit an einer Stärkung der deutschsprachigen Bevölkerung auf ihren Gütern. Die politische und wirtschaftliche Stellung der Gutsbesitzer verschlechterte sich zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts zusehends. Diese Entwicklung wurde durch die Revolution von 1905 verstärkt. Es kam zu einem Landarbeitermangel, der von einer Landflucht der einheimischen, meist lettischsprachigen Bevölkerung verursacht war. Diese erhoffte sich in der Stadt höhere als die von den Großgrundbesitzern angebotenen Löhne sowie einen sozialen Aufstieg. Als mögliche Lösung dieser Misere betrachteten einige kurländische Gutsbesitzer die Ansiedlung loyaler deutschsprachiger Bevölkerung. Die Initiative zur Ansiedlung deutschsprachiger Wolhynier:innen ging von drei Gutsbesitzern aus, die militante Gegner der Revolution von 1905 gewesen waren und bereits in deutschnationalen Kategorien dachten.17 Nachdem Planungen gescheitert waren, die durch die Revolution verwüsteten Landstriche mit Hilfe von Geldern und Siedler:innen aus dem Deutschen Reich wiederaufzubauen, verfielen die Gutsbesitzer auf die Idee, hier Deutschsprachige aus Wolhynien anzusiedeln. Dies brachte den Vorteil mit sich, dass kein Widerstand seitens der Regierung zu befürchten war, da sich die Deutschsprachigen Russlands in der Revolution als weitgehend loyal gegenüber dem Staat erwiesen hatten. Auch persönliche Verbindungen spielten eine Rolle, denn viele lutherische Pastoren Wolhyniens hatten zuvor im Baltikum gemeinsam mit Deutschbalten studiert oder stammten sogar von dort. Überliefert ist der Umzug einer Gruppe deutschsprachiger Wolhynier:innen, die aus
Mal’ovane
pol. Malowana, rus. Malevana, ukr. Мальоване

Mal’ovane ist ein Dorf in der heutigen Ukraine, ca. 30 km südöstlich von Luzk gelegen.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

(30 Kilometer südlich von Luzk) geschlossen nach Kurland migrierte (Russisch: Малевана; Polnisch: Malowana; Ukrainisch heute: Mal’ovane bzw. Мальоване). Den Migrant:innen gelang es, „eine Gruppe von reichen tschechischen Bauern [dafür zu gewinnen], geschlossen die Höfe der Übersiedler (…) zu kaufen. Die Tschechen, denen als slawischen Brüdern der russische Generalgouverneur kein Hindernis zum Ankauf der Stellen in den Weg legte, zahlten … und die Siedler konnten fort.“18 Durch zusätzliche Anreize wie eine Übernahme der Fahrtkosten, das Versprechen der Möglichkeit größeren Landbesitzes und eines sozialen Aufstiegs, konnten letztendlich etwa 10.000 Wolhynier:innen zur Binnenmigration ins etwa 900 Kilometer entfernte Kurland bewegt werden – darunter Rosalie Scheming Heins Familie.19
Sibirien
Text
Sibirien entwickelte sich seit den 1860er Jahren schrittweise zu einer beliebten Zielregion für russländische Binnenmigration und war in dieser Zeit beides – berüchtigtes Ziel von Deportation und Verbannung, aber auch ein vielversprechendes, freieres Land, in das es sehr viele Bauern und Bäuerinnen zog. Der russländischen Regierung war dabei – ähnlich wie den Politikern in Kanada und den USA – auch an einer Beschränkung der Einwanderung aus dem Chinesischen Reich gelegen. Die Zahl der europäischen Übersiedler:innen nach Sibirien stieg insbesondere ab Mitte der 1880er Jahre an und erreichte in den letzten acht Jahren vor dem Weltkrieg, auch bedingt durch die Fertigstellung der Transsibirischen Eisenbahn, eine Zahl von 409.000 Personen jährlich.20 Mit den Stolypinschen Reformen erreichte die Kolonisation Sibiriens auch deshalb eine neue Bedeutung, da Neusiedler:innen 50 Desjatinen Land – etwa 55 Hektar – von der Regierung zu günstigen Preisen angeboten wurden, und darüber hinaus steuerliche Privilegien, günstige Kredite und Erleichterungen beim Militärdienst gewährt wurden.21 In der Folge machten sich ab den 1890er Jahren immer wieder kleinere und größere Gruppen von deutschsprachigen Wolhynier:innen dorthin auf den Weg und gründeten beispielsweise Kolonien am Amur und um Tomsk.22 Ihre Nachfahr:innen leben zum Teil noch heute in Sibirien oder emigrierten in den 1990er Jahren als Spätaussiedler:innen nach Deutschland – darunter auch Nachfahr:innen von Rosalie Scheming Hein. Tausende migrationswillige deutschsprachige Wolhynier:innen trafen damit vor dem Ersten Weltkrieg eine bewusste Entscheidung gegen eine mögliche Emigration nach Nordamerika oder aber Preußen. Hier war die Königliche Ansiedlungskommission für Posen und Westpreußen im Rahmen antipolnischer Politiken zu dieser Zeit bemüht, den Anteil deutschsprachiger Bevölkerung zu erhöhen.  Weitgehend erfolglos warb sie auch um die Deutschsprachigen im Russländischen Reich.23
Dreißig Jahre erzwungener Migration: 1915-1945
Text
Während Wolhynier:innen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Migrationsentscheidungen noch relativ eigenständig treffen konnten, begann mit dem Ersten Weltkrieg eine dreißigjährige Epoche von Zwangsmigrationen.
 
Der Beginn des Ersten Weltkrieges leitete im Russländischen Reich eine Phase extrem nationalistischer, antideutscher Stimmungen ein. Im Februar 1915 erließ der Zar die so genannten Liquidationsgesetze, mit der weite Teile der in den grenznahen Gouvernements siedelnden Personen „deutscher, österreichischer und ungarischer Abstammung“ ihr Eigentum weit unter Wert verkaufen musste. Etwa 70.000 Wolhynier:innen wurden in der Folge sukzessive nach Sibirien und Südostrussland deportiert, darunter auch Rosalies Familie.24 Alfred Krüger beispielsweise berichtete, wie seine Familie Anfang Juli 1915 mit Heranrücken der Front in einer sechsmonatigen Odyssee mit Pferdewagen zunächst bis
Kyjiw
deu. Kiew, eng. Kiev, eng. Kyiv, pol. Kijów

Kiew liegt am Fluss Dnepr und ist seit 1991 Hauptstadt der Ukraine. Nach der ältesten russischen Chronik, der Nestorchronik, wurde Kiew erstmals 862 erwähnt. Es war Hauptsiedlungsort der Kiewer Rus‘, bis es 1362 an das Großfürstentum Litauen fiel, das 1569 Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik wurde. 1667 kam Kiew nach dem Aufstand unter Kosakenführer Bogdan Chmel'nyc'kyj und dem darauf folgenden polnisch-russischen Krieg zu Russland. 1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Bezeichnet wurde Kiew auch als „Mutter aller russischen Städte“, „Jerusalem des Ostens“, „Hauptstadt der goldenen Kuppeln“ und „Herz der Ukraine“.
Im russisch-ukrainischen Krieg ist Kiew stark umkämpft.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine ist es möglich, dass diese Informationen nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

und von dort mit der Bahn in die Nähe von
Orenburg
rus. Оренбу́рг, kaz. Orynbor, kaz. Орынбор

Die Stadt Orenburg liegt 1230 km südöstlich von Moskau auf der Grenze von Europa zu Asien und ist die Hauptstadt der gleichnahmigen Oblast. Deren Territorium gehörte von 1920 bis 1925 zur Kirgisischen/ Kasachischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, einem Vorläuferstaat des heutigen Kasachstan.

an den
Ural
eng. Ural Mountains, rus. Ура́льские го́ры, deu. Uralgebirge, rus. Урал

Das Uralgebirge erstreckt sich über mehr als 2.500 Kilometer in nord-südlicher Richtung zwischen der osteuropäischen und der sibirischen Landebene. Es wird seit dem 18. Jahrhundert als Grenze zwischen Europa und Asien definiert.

Die Karte zeigt Nordasien, hell hervorgehoben das Uralgebirge. CIA World Factbook, bearbeitet von Veliath (2006), Ulamm (2008) und Copernico (2022). CC0 1.0.

gelangte, in ein „Baschkirendorf, hart an der Grenze Sibiriens“.25 Eine Folge dieser kollektiven Deportationserfahrung war ein wachsendes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Deutschsprachigen Wolhyniens. Dieses äußerte sich unter anderem im „Wolhynierlied“, das in der Zeit der Deportationen entstanden ist.
Text
Wer von der deutschsprachigen Bevölkerung bis zum Vorrücken der österreichisch-ungarischen Armee in Wolhynien verblieben war und aus der hier für längere Zeit bestehenden Kampfzone bzw. den zerstörten Ortschaften fliehen musste, konnte die Hilfe des vom Deutschen Reich unterstützten „Fürsorgevereins für deutsche Rückwanderer“ in Berlin in Anspruch nehmen, der 60.000 Menschen meist aus Polen und Wolhynien zeitweise nach Deutschland evakuierte.26 Das Friedensdiktat von Brest-Litowsk vom März 1918 sah in einem Zusatzvertrag das Recht der deportierten Deutschen auf Rückwanderung vor, hatte aber vor dem Ende des Krieges keine nennenswerten Auswirkungen.27 Das Ende des Ersten Weltkriegs und der folgenden Kampfhandlungen zwischen Polen und der Roten Armee bedeutete zunächst die Möglichkeit der Rückkehr der Wolhynier:innen. Nicht wenige fanden ihre früheren Wohnorte jedoch zerstört vor oder mussten zunächst um die Rückgabe der enteigneten Höfe kämpfen. Zudem wurde Wolhynien nun zwischen Polen und der
Sowjetunion
eng. Soviet Union, rus. Sovetskiy Soyuz, rus. Советский Союз

Die Sowjetunion (SU oder UdSSR, Russisch: Союз Советских Социалистических Республик (СССР) war ein von 1922 bis 1991 bestehender Staat in Osteuropa, Zentral- und Nordasien. Die UdSSR wurde von ungefähr 290 Millionen Menschen bewohnt und bildete mit ca. 22,5 Millionen Quadratkilometern den größten Flächenstaat der Welt. Die Sowjetunion war eine sozialistische Räterepublik mit einem Einparteiensystem.

geteilt. Viele zogen es deshalb vor, entweder ins Deutsche Reich oder nach Amerika auszuwandern. Der „Verein Deutscher Wolhynier“ und das „Zentralkomitee der Deutschen aus Russland“ waren bei der Emigration finanziell und logistisch behilflich.28
In diese Zeit fällt ein verstärktes Interesse an den Deutschsprachigen im Osten Europas allgemein und in Wolhynien im Besonderen. Im Rahmen einer deutschnationalen völkischen Bewegung missbrauchten Politiker die deutschsprachige Bevölkerung Osteuropas als Grundlage für eine revisionistische Außenpolitik, die von einer deutschen Zivilisierungsmission in Osteuropa ausging. Die deutschsprachigen Wolhynier:innen standen dabei als vermeintliche archetypische deutsche Bäurer:innen im Zentrum einer Propaganda, die während des Dritten Reiches ihren Höhepunkt erreichte. In der Folge setzte sich die Bezeichnung „Wolhyniendeutsche“ für diese Gruppe durch.29
Dieser Logik folgend leitete der Zweite Weltkrieg das Ende der deutschsprachigen Siedlungen in Wolhynien ein. Kurz nach Kriegsbeginn ernannte Hitler den Reichsführer SS Heinrich Himmler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“. In einer programmatischen Schrift von 1940 unter dem Titel „Menscheneinsatz“ wurde die „Rückführung von Volks- und Reichsdeutschen aus dem Ausland“ zur „Gestaltung neuer Siedlungsräume“ und der „Ausschaltung schädigender Einflüsse volksfremder Bevölkerungsanteile im Reich“ proklamiert.30 Diese „Rückführungen“ führten zwischen 1940 und 1944 zur Zwangsmigration von etwa 67.000 Wolhynier:innen, die in ihrer Mehrheit nach Deportation der ursprünglichen Bewohner:innen im annektierten polnischen
Wartheland
pol. Okręg Warcki, pol. Okręg Rzeszy Kraj Warty, deu. Warthegau, deu. Reichsgau Posen, eng. Reichsgau Wartheland

Der Reichsgau Wartheland, auch bekannt als Warthegau, war ein nationalsozialistischer Verwaltungsbezirk im besetzten Polen, der von 1939 bis 1945 bestand. Der Reichsgau war in größeren Teilen deckungsgleich mit der historischen Landschaft Großpolen und hatte 4,5 Millionen Einwohner:innen. Hauptstadt war das heutige Poznań, dt. Posen.

Die fast sechsjährige Besatzungszeit war geprägt durch die brutale Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung einerseits und der gezielten Neuansiedlung deutschsprachiger Bevölkerungsteile andererseits.

Bild: „Karte der Verwaltungseinteilung der deutschen Ostgebiete und des Generalgouvernements der besetzten polnischen Gebiete nach dem Stand vom März 1940“, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Kartensammlung, Inv.-Nr. K 32 II L 43. bearbeitet von Copernico (2022). CC0 1.0.

angesiedelt wurden, zum Teil aber bis zum Kriegsende in Übergangslagern verbrachten.31 Damit waren die Wolhynier:innen zu einem wichtigen Instrument der im „Generalplan Ost“ vorgesehenen gewaltsamen Umgestaltung Ostmitteleuropas und zum Spielball nationalsozialistischer Nationalitätenpolitik geworden. Der in der Propaganda glorifizierte Treck der Planwagen auf der „Heimkehr“ (so auch der Titel eines Propagandafilms) ins „Großdeutsche Reich“ wurde zum Vorboten und Symbol für die großen Fluchtbewegungen, Deportationen und Vertreibungen ost- und ostmitteleuropäischer Bevölkerung in den 1940er Jahren.
Text
Die in Ost-Wolhynien siedelnden Deutschen wurden nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wie Rosalie zunächst in „deutsche Siedlungszentren“ umgesiedelt. Diese Zentren sollten Kerne einer zukünftigen großflächigen deutschen Erschließung der westlichen Sowjetunion werden.32 Zwischen Oktober 1943 und Mai 1944 fuhren auch sie in Trecks in das Wartheland, wovon 44.600 Personen betroffen waren.33
Tatsächlich waren Wolhynier:innen nur wenige Jahre nach ihrer Ansiedlung im Wartheland erneut von Zwangsmigration betroffen. Beim Heranrücken der Front wurden sie 1944/45 meist nach Westen evakuiert oder flohen auf eigene Faust. Ein Ende fand ihre erzwungene Migration erst nach 1945 in einem der beiden deutschen Staaten oder erneut in Übersee – nachdem sie meist längere Zeit in Übergangslagern oder auf Bauernhöfen zwangseinquartiert waren. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte oder aber in der Sowjetischen Besatzungszone von offiziellen Stellen als „Wolhyniendeutsche“ identifiziert wurde, musste wie Rosalie damit rechnen, nach Kasachstan oder Sibirien deportiert zu werden.34
Heute bilden die Nachfahren der deutschsprachigen Wolhynier:innen eine globale Diaspora, die sich im Sinne einer transnationalen Gemeinschaft und trotz unterschiedlicher Migrationswege ihrer Herkunft aus Wolhynien häufig bis heute bewusst ist und sich dementsprechend in Vereinen insbesondere in Nordamerika und Deutschland organisiert hat. Darüber hinaus hält das Wolhynier Umsiedlermuseum in Linstow/Mecklenburg mit Ausstellungen und anderen Veranstaltungen die Erinnerung an die Geschichte der deutschsprachigen Wolhynier:innen lebendig.35

Siehe auch