Seine Flucht vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus Stettin über die Schweiz und Österreich nach Prag schildert Fritz Lamm in seinem bislang unveröffentlichten Tagebuch.


Nach einer Viertelstunde im warmen Wartesaal [im Bahnhof von Zell am See, Salzburger Land] ist der Schnee von meinen Hosen noch nicht getaut. In dicken Klumpen hängt er dran. Müde und unwillig, auch hungrig gehe ich doch bald weiter. […] Man muss dabei immer vorsichtig sein. Bettel [sic!] ist verboten, mit der Polizei darf ich nicht in Konflikt kommen. 

Biografisches Kurzportrait
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Fritz Lamm wurde 1911 in 
Szczecin
deu. Stettin

Stettin (Polnisch: Szczecin) ist eine von knapp 403.000 Menschen bewohnte Großstadt im Nordwesten Polens und Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern (Polnisch: Zachodnio-Pomorskie). Stettin liegt am Stettiner Haff und grenzt an die deutschen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Die Stadt gehörte mehrere Jahrhunderte lang zu Preußen.

Historische Orte
Pommern
 
 geboren. Er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Als Jugendlicher engagierte er sich im deutsch-jüdischen Wanderbund und in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Nach dem Reichstagsbrand wurde er wegen Hochverrats verurteilt und verbüßte im Gefängnis Naugard in 
Pommern
eng. Pomerania, pol. Pomorze

Pommern ist eine Region im Nordosten Deutschlands (Vorpommern) und im Nordwesten Polens (Hinterpommern/Pomorze Tylne). Der Name leitet sich vom westslawischen 'am Meer' - 'po more/morze' ab. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (Westfälischer Friede 1648) wurde Vorpommern zunächst schwedisch, Hinterpommern fiel an Brandenburg, das 1720 weitere Teile Vorpommerns erwerben konnte. Erst ab 1815 gehörte die gesamte Region als Provinz Pommern zum Königreich Preußen. Die Provinz hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand, ihre Hauptstadt war Stettin (heute poln. Szczecin).

 eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Im Herbst 1935 wurde er entlassen, aber weiterhin polizeilich beobachtet. Im Januar 1936 floh er aus Stettin über die Schweiz zunächst nach Österreich; von dort nach 
Praha
deu. Prag, eng. Prague, lat. Praga

Prag ist die Hauptstadt Tschechiens und wird von ungefähr 1,3 Millionen Menschen bewohnt, was sie auch zur bevölkerungsreichsten Stadt des Landes macht. Sie liegt am Fluß Moldau in der Mitte des Landes im historischen Landesteil Böhmen.

, dann nach Frankreich. Bei Kriegsbeginn wurde Lamm – wie viele andere Deutsche – in Frankreich interniert. Aus der Internierung gelang ihm die Flucht über Marseilles und Casablanca nach Havanna (Kuba). 1948 kehrte er nach Europa zurück. In Stuttgart engagierte er sich für die SPD und arbeitete für die Stuttgarter Zeitung. Er starb 1977.
Historischer Hintergrund
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Das Tagebuch von Fritz Lamm umfasst den ersten Abschnitt seiner langen Flucht vor den Nationalsozialisten, und zwar den Weg von Stettin über die Schweiz und Österreich nach Prag Anfang 1936. Es gibt einen Einblick, welche Ängste und Gewalt all jene ertrugen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Das Tagebuch als Quelle spiegelt zugleich das Bedürfnis des 24-jährigen Autors wieder, das Erlebte unbedingt zu dokumentieren. Die Einträge enthalten viele detaillierte Schilderungen zu Stationen seiner Flucht und zu Menschen, denen er begegnete oder die ihm halfen. In Feldkirch in Österreich hält er am 18. Januar 1936 sogar den Kauf des Tagebuchs fest: „Da fällt mir ein: Man müsste ein Tagebuch führen. Noch ist es Zeit, in einem Papierwarengeschäft ein Heft zu kaufen. Ich gehe in den Ort. Oben die Burg, dahinter die riesigen Berge wie aufgespannte Schirme, darüber am klaren Himmel die Sterne! | Ich habe Dich, kleines Heft, gekauft.“ Die Ereignisse zuvor rekapituliert er in einem längeren zusammenhängenden Eintrag. Danach gibt es zu beinahe jedem Tag einen einzelnen Eintrag. Alle folgenden Zitate stammen aus Lamms Tagebuch im Zeitraum Januar-Februar 1936. Der wesentliche Teil des Nachlass' von Fritz Lamm ist in zwei Teilen überliefert, und zwar in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig/Frankfurt am Main sowie im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde.
Gerade aus dem Gefängnis, kurz 'frei' und dann auf der Flucht
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Nach der Entlassung aus der Haft erlebte Lamm in Stettin, wie die Nationalsozialisten mit Gewalt gegen seine Genossen vorgingen. Diese Erfahrungen bewegten ihn zum Entschluss, Deutschland zu verlassen:


Ich bin erst etwas über 10 Wochen ‚frei‘. Und muss schon wieder fürchten. Montag abend ‚verschwand‘ der Genosse, der mein nächster Arbeitskollege war. Das entschied. Montag abend erfuhr ich, dass der Bekannte, zu dem ich unglücklicherweise gerade am Donnerstag, als bei ihm Haussuchung war, heraufkam, seit Sonntag früh mit zerschlagenem Schädel und Nervenzusammenbruch im Krankenhaus lag. Das entschied. 

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Mitte Januar 1936 gelingt es Lamm, mit dem Zug über Berlin und Stuttgart an den Bodensee zu gelangen. Dort setzt er in die Schweiz über, wird aber von der schweizerischen Polizei verhaftet und nach Österreich abgeschoben. Von der schweizerisch-österreichischen Grenze macht er sich oft zu Fuß, teils per Anhalter auf den Weg nach Wien:
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Nach einer Viertelstunde im warmen Wartesaal [im Bahnhof von Zell am See, Salzburger Land] ist der Schnee von meinen Hosen noch nicht getaut. In dicken Klumpen hängt er dran. Müde und unwillig, auch hungrig gehe ich doch bald weiter. Ich hoffe richtig: Der Verkehr nimmt wieder zu. Aber ich habe nichts davon. Die paar Autos nehmen mich nicht mit. Gleich hinterm Ort bekommt man nichts. Man muss weiter, um rechtzeitig zu den Bauern zu kommen, darum konnte ich mich in Zell nicht lange aufhalten. Man muss dabei immer vorsichtig sein. Bettel [sic!] ist verboten, mit der Polizei darf ich nicht in Konflikt kommen.
Flüchtlingsfrage und Bürokratie
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Nach mehreren Tagen erreichte Lamm Wien. Hier orientierte er sich, welche Möglichkeiten es für ihn gibt, seinen Aufenthaltsstatus zu regeln. Der Tagebuch-Eintrag verweist u.a. auf die laufenden Diskussionen innerhalb des Völkerbunds („in Genf“). Während der 1920er und 1930er Jahre war wegen zahlreicher Konflikte die Flüchtlingsfrage ein Dauerthema des Völkerbunds. Zugleich gibt der Eintrag einen Eindruck, wie ein Flüchtling 1936 das Räderwerk der Bürokratie wahrnahm:
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Ich gehe zum Anwalt. [...] Aber da ist nichts zu machen. Noch ist in Genf kein Ergebnis über die Flüchtlingsfrage erzielt. Ich könnte staatenlos werden und dann einen Staatenlosenpass bekommen. Aber wozu das? Dann braucht man für jedes Land ein Visum und bekommt nie eines. Dann bleibe ich lieber deutscher Staatsangehöriger. | [fol. 356, re] Der deutsche Konsul wird einfach sagen, fahren Sie nach Hause und holen Sie sich einen Pass. Wenn ich die österreichische Polizei um Aufenthaltsgenehmigung angehe, so wird sie erst recht aufmerksam - und gleichzeitig gezwungen, Stellung zu nehmen. Ohne das kann sie mich tolerieren und übersehen. Und Arbeitsbewilligung ist überhaupt nicht zu kriegen. Aber da[s] ist überall gleich. | Er hält Tschechien für ebenso ungünstig. Leichter würde es wohl noch sein, sich in Österreich zu halten. Aber wie - ja das geht über einen juristischen Rat hinaus...
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In Wien gelang es Lamm, Kontakt nach Prag aufzubauen. Dort erhoffte Lamm, besser seinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Da Lamm keinen Pass besaß, riet man ihm in Wien, die österreichisch-tschechoslowakische Grenze an unbeachteter Stelle zu überqueren.
Rekonstruktion des Grenzübertritts in die Tschechoslowakei
Schleichwege an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze
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Die Schilderung des Grenzübertritts steht im Kontrast zu den vorangegangenen Eintragungen über die bürokratischen Hürden. Im Angesicht der Bürokratie erkennt man in Lamms Tagebucheintrag die Ratlosigkeit. Der Eintrag zum Schleichweg über die Grenze hingegen ist geprägt von der Erleichterung, dieses Wagnis geschafft zu haben, wohl auch weil er einige Wochen zuvor an der deutsch-schweizerischen Grenze einen Rückschlag erfahren hatte. Dort war er von der schweizerischen Polizei verhaftet und dann nach Österreich abgeschoben worden. Seinen Grenzübertritt in die Tschechoslowakei, bei dem ihn ein Ortskundiger unterstützt, schildert er mit zahlreichen Einzelheiten über das Terrain:


In Berg steige ich aus. Da läuft die Strasse nach Pressburg [Bratislava]. Dort steht das österreichische Zollhaus. Daneben das tschechische. Daneben die pressburger Strassenbahn. Ich gehe Richtung Berg. Da bin ich schon nach etwa 250 Schritten, wo ich erst nach 600 sein sollte. […] Es ist offenes Feld. Aber sehr dunkel. | Dort wo die Pappeln stehen. Da läuft die Grenze. Doch es dauert lange, bis wir dran sind. Dann erklärt er mir.   Ich muss etwa 500/600 m hinter dem tschechischen Grenzhaus auf die Chaussee. […] Weiter auf eigene Faust. Schnell über den Weg mit den Pappeln, die Grenze. Aus Österreich hinaus geschlichen bin ich schon. Aber jetzt schleiche ich mich in die Tschecho-Slowakei. 

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Nachdem Lamm seinen Grenzübertritt im Tagebuch festgehalten hat, beschreibt er mit wenigen Sätzen die Ankunft in Prag. Danach endet das Tagebuch. Über den weiteren Weg seiner Emigration, die ihn bis nach Kuba führte, geben Briefe und andere Quellen Auskunft. Mit Blick auf diesen noch weiteren Weg bis Mittelamerika dokumentiert das Tagebuch also nur den ersten, verhältnismäßig kurzen, Abschnitt seiner Flucht vor den Nationalsozialisten. Einen Einblick in die weiteren Stationen seiner Emigration bieten u. a. die Forschungsarbeiten von Benz 2007 und Kopp 2020.
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Quellen:
Bundesarchiv Berlin, N/2162, Fritz Lamm
Kartenmaterial des Herder Instituts
  
Bearbeitung: 
Text: Christian Lotz
Recherchen und Redaktion: Thomas Klemm
Kartenmontage: Laura Gockert
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Dieser Beitrag stammt aus der Serie: „Zwangsmigration: Menschen und ihre Fluchtwege

Siehe auch